Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck: Drohne hilft beim Schutz von Kiebitz-Nestern
Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck (OAS) hat zur besseren und leichteren Sichtung von Kiebitz-Nestern eine Drohne gekauft
SONSBECK/KREIS WESEL. Früher sei der Kiebitz „ein Allerweltsvogel“ gewesen. „Hier gab es Zehntausende von ihnen“, sagt Christian Rübesam von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck (OAS). Mittlerweile sei er allerdings eine bedrohte Art. „Inzwischen gibt es nur noch 400 Paare im Kreis Wesel“, sagt Rübesam. Vor allem Lebensraumverluste und der fortschreitende landwirtschaftliche Strukturwandel würden der Art zusetzen und hätten dazu geführt, dass der Vogel des Jahres 2024 mit den „unverwechselbaren Balzflügen und Kiuwitt-Rufen als Frühlingsbote“ auch am Niederrhein immer weniger anzutreffen ist.
Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck versucht jedoch mit einer ehrenamtlichen Maßnahme, den Kiebitz zu schützen und sein Fortbestand damit zu sichern: Die OAS-Ehrenamtler suchen nämlich (Brut-)Nester des Brutvogels auf, so dass sie von den Landwirten geschont werden können. „Wenn die Landwirte von den Nestern wissen, können sie, wenn möglich, die Nester umfahren. Wenn das technisch schwer möglich ist, können die Nester während der Bearbeitung der Felder kurz angehoben und wieder zurückgelegt werden“, erklärt Rübesam. Bisher geschah das Suchen der Nester allerdings ausschließlich auf herkömmliche Weise, also etwa mithilfe von Ferngläsern und klassischem Umschauen. Nun hat die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck jedoch eine Wärmebilddrohne angeschafft, mit der sie Kiebitz-Nester auf Wiesen und Ackerflächen wesentlich leichter ausfindig machen können.
Kiebitze bauen ihre Nester nämlich auf freien Flächen am Boden, zum Beispiel in einfachen, flachen Bodenmulden, auf feuchtem Grünland oder etwa auf Ackerflächen, wo sie folglich ab März ihre Eier ausbrüten. Doch wenn drumherum das Gras hochgewachsen ist, seien diese Nester für Landwirte nicht mehr zu erkennen. „Deshalb suchen wir diese Nester auf, um den Landwirten die Standorte mitteilen zu können, damit sie entsprechend reagieren können – entweder durch Umfahren der Bereiche oder durch das Anheben von Nestern. Den Kiebitz stört das nicht. Wenn das Nest wieder abgelegt wurde, legt er sich sofort wieder hinein und brütet weiter“, sagt Rübesam. Würden die Landwirte die Nester allerdings übersehen, würden sie diese mit großer Wahrscheinlichkeit mit ihren landwirtschaftlichen Maschinen unabsichtlich zerstören.
Damit dies nicht passiert, suchen etwa 25 aktive Ehrenamtliche der OAS die Flächen im Frühjahr nach Kiebitz-Nestern ab. Das sei jedoch sehr aufwendig. „Gerade wenn das Gras drumherum sehr hoch ist, sind die Nester am Boden auch für uns schwer zu entdecken“, sagt Rübesam. Deshalb habe die OAS nun auch die Wärmebild-Drohne angeschafft. „Das Auffinden der Nester soll nun mit Hilfe der Drohne noch schneller gehen und auch bei höherer Vegetation noch möglich sein“, sagt Rübesam. Dazu hätten fünf Ehrenamtler – einschließlich Rübesam selbst – einen Drohnen-Führerschein absolviert. Mit ihm dürfen sie die Drohne nun über die niederrheinischen Felder fliegen lassen. „Ein Flugverbot für Drohnen etwa über einzelne Felder gibt es nicht. Das Einzige, was es zu beachten gilt, sind die Starts und Landungen. Die dürfen etwa nicht einfach auf Privatwegen erfolgen, wenn das nicht vorher abgesprochen worden ist“, erklärt Tobias Dahms, Gründer der Firma „thermalDRONES“, die die Wärmebild-Drohne zur Wildtierrettung entwickelt hat und vertreibt. „Ursprünglich wurde die Drohne zur Rehkitzrettung eingesetzt“, berichtet Dahms. Erst später wurde sie auch für den Kiebitz eingesetzt.
Die Wärmebild-Drohne wird auch durch eine Künstliche Intelligenz (KI) und eine App unterstützt. Sie hilft zum Beispiel dabei, die Nester-Sichtungen auf der Landkarte innerhalb der App zu markieren, damit die Standorte dann an die Landwirte weitergegeben werden können. Damit die Wärmebild-Drohne aber ihre volle Unterstützung bieten kann, muss sie vorzugsweise in den Morgenstunden eingesetzt werden. „Dann ist das Gras noch kalt und die Wärmebild-Drohne kann die Wärme in den Nestern besser erfassen und von der Umgebung abgrenzen“, erläutert Rübesam, der nicht nur im Kreis Wesel, sondern auch im benachbarten Kreis Kleve Kiebitz-Nester aufspürt und Landwirten Bescheid gibt. Über 80 Prozent der Landwirte seien kooperativ und sogar dankbar für seine Hilfe – so wie auch Jakob Maaßen, der in Kevelaer-Achterhoek einen landwirtschaftlichen Betrieb hat. „Auch Kiebitze sind Tiere, die wir schützen müssen. Sie gehören zur Natur dazu“, betont Maaßen, der auf seinen Feldern auch schon Kiebitz-Nester entdeckt hat: „Wir sehen die zum Beispiel von unserem Schlafzimmer-Fenster aus.“ Die ehrenamtliche Arbeit der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck sei dennoch sehr hilfreich.
Die Wärmebild-Drohne hat inklusive eines Zubehörpakets (unter anderem einen weiteren Bildschirm, eine Art Powerbank und einer App sowie regelmäßige kostenlose Updates der Software) 10.000 Euro gekostet. 80 Prozent – also 8.000 Euro – wurden von der LEADER-Kleinprojektförderung übernommen. Die restlichen 2.000 Euro hat die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck über Spendengelder finanziert. Für den Kiebitz-Schutz werden zudem immer wieder freiwillige ehrenamtliche Helfer gesucht. Wer mitmachen oder Kiebitz-Nester melden möchte, kann sich per E-Mail an christianruebesam@yahoo.de melden.
Der Kiebitz
Der Kiebitz ist ein auffälliger Wiesenvogel, der vor allem in offenen Landschaften wie Wiesen, Weiden und Ackerflächen vorkommt. Er ist in vielen Teilen Europas verbreitet und brütet auch in Deutschland. Besonders häufig kommt er in den norddeutschen Tiefebenen vor, unter anderem am Niederrhein, wo geeignete Wiesen- und Ackerlandschaften liegen. Typisch sind seine akrobatischen Balzflüge und seine „Kiwitt“-Rufe.
In den letzten Jahrzehnten sind die Bestände jedoch stark zurückgegangen. Hauptgründe sind der Verlust geeigneter Lebensräume, die Intensivierung der Landwirtschaft sowie Entwässerung und häufige Bewirtschaftung der Flächen während der Brutzeit. Dadurch werden Nester zerstört oder die Vögel finden nicht mehr genügend Nahrung und sichere Brutplätze.
Sabrina Peters
Die Wärmebild-Drohe in der Nahaufnahme. NN-Fotos (2): Theo Leie
Mit dieser App können die Standorte der Nester gespeichert werden.
So sieht ein Nest mit Eiern auf einem Acker aus. Fotos (2): Christian Rübesam
Der Kiebitz ist mittlerweile auch am Niederrhein selten geworden. Fotos (2): Christian Rübesam
Die Drohne in Action: Ehrenamtler der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Sonsbeck (OAS), Landwirte und der Entwickler Tobias Dahms (l.) waren beim Probeflug dabei. NN-Foto: Theo Leie
Redakteurin in Xanten, Kalkar, Rheinberg und Alpen sowie Büderich und Ginderich