"Andreas Brockmann, Vorsitzender Ausschuss Chancengerechtigkeit Integration Emmerich, Porträtfoto"
3. Juli 2026 · Michael Bühs · Emmerich

Neuer Ausschuss in Emmerich eröffnet „große Chancen“

Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration (ACI) hat Arbeit aufgenommen. Vorsitzender Andreas Brockmann spricht im NN-Interview über Veränderungen, Aufgaben und Ziele.

EMMERICH. Mit der Kommunalwahl 2025 hat Nordrhein-Westfalen einen wichtigen Schritt zur Stärkung der kommunalen Demokratie vollzogen. Aus den bisherigen Integrationsräten wurden Ausschüsse für Chancengerechtigkeit und Integration (ACI). Im NN-Interview spricht Andreas Brockmann, Vorsitzender des ACI der Stadt Emmerich, unter anderem über die Änderungen, Aufgaben des neuen Ausschusses und anstehende Projekte.

Herr Brockmann, aus dem Integrationsrat ist der ACI geworden. Handelt es sich dabei um mehr als nur eine Namensänderung?

Andreas Brockmann: Auf jeden Fall. Damit soll deutlich werden, dass die Arbeit nicht nur Integration im klassischen Sinne umfasst, sondern auch Themen wie Chancengerechtigkeit in Bildung und Arbeit, Antidiskriminierung, gesellschaftliche Teilhabe, Bekämpfung von Rassismus und Förderung der Potenziale von Menschen mit internationaler Familiengeschichte. Kurz zusammengefasst: Der Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration ist im Wesentlichen die Weiterentwicklung des bisherigen Integrationsrats. Ja, er hat einen neuen Namen, aber auch einen breiteren politischen Auftrag, eine stärkere Einbindung in die kommunale Ausschussstruktur sowie einen ausdrücklichen Fokus auf Chancengerechtigkeit und Antidiskriminierung neben der Integrationspolitik.

Hat der neue Ausschuss mehr Rechte als der bisherige Rat?

Brockmann: Ja, teilweise. Ein häufiger Irrtum besteht darin anzunehmen, der ACI habe heute mehr Entscheidungsbefugnisse als der frühere Integrationsrat. Das ist rechtlich nicht der Fall. Auch fasst der ACI keine verbindlichen Ratsbeschlüsse. Diese Kompetenz liegt weiterhin beim Rat der Stadt und den zuständigen Fachausschüssen.

Wo liegt die entscheidende Veränderung?

Brockmann: Der ACI ist als kommunaler Ausschuss früher und stärker in die regulären Beratungs- und Beschlussabläufe des Rates eingebunden. Er bleibt zwar überwiegend ein beratendes Gremium, ist aber organisatorisch enger mit dem Rat verzahnt und soll dadurch mehr politischen Einfluss entfalten. Dadurch können Erfahrungen, Anregungen und Empfehlungen bereits in einer frühen Phase berücksichtigt werden. Diese stärkere Einbindung verleiht den Stellungnahmen des Ausschusses deutlich mehr politisches Gewicht. Die konkrete Ausgestaltung hängt weiterhin von der jeweiligen Kommune ab.

Wer sitzt im Ausschuss?

Brockmann: Wie zuvor im Integrationsrat besteht der Ausschuss aus direkt gewählten Vertretern der Menschen mit internationaler Familiengeschichte sowie vom Stadtrat entsandten Ratsmitgliedern. Dadurch sollen die Interessen der Betroffenen direkt in die Kommunalpolitik eingebracht werden. Bemerkenswert ist: Wir sind der einzige Ausschuss, in dem es urgewählte Mitglieder gibt – die also einen politischen Auftrag der Menschen haben, die sie direkt gewählt haben.

Warum wurde der Integrationsrat überhaupt weiterentwickelt?

Brockmann: Der Integrationsrat hat über viele Jahre wichtige Arbeit geleistet. Er war und ist eine demokratisch legitimierte Interessenvertretung der Menschen mit internationaler Familiengeschichte und hat zahlreiche Impulse für die kommunale Integrationspolitik gegeben. Gleichzeitig haben sich unsere Gesellschaft und die Herausforderungen vor Ort verändert. Integration betrifft heute nicht mehr nur Menschen, die nach Deutschland zugewandert sind. Themen wie Chancengerechtigkeit, Fachkräftesicherung, Bildung, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Antidiskriminierung und Teilhabe betreffen die gesamte Stadtgesellschaft. Der Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration verfolgt eben diese deutlich umfassenderen Ansatz. Denn Integration wird heute nicht mehr als Aufgabe einzelner Bevölkerungsgruppen verstanden, sondern als gemeinsames Anliegen aller Menschen, die in unserer Stadt leben.

Was bedeutet das konkret für Emmerich?

Brockmann: Für Emmerich eröffnet diese Neuausrichtung große Chancen. Der Ausschuss kann künftig noch stärker dazu beitragen, gleiche Bildungschancen zu fördern, den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verbessern, Diskriminierung entgegenzuwirken, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, ehrenamtliches Engagement zu unterstützen, den interkulturellen Dialog auszubauen, Integration von Neubürgern zu begleiten sowie die Teilhabe älterer Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu fördern. Darüber hinaus kann der ACI Arbeitsgruppen bilden, Sachverständige anhören, Anregungen aus der Bürgerschaft aufnehmen, Empfehlungen erarbeiten und gemeinsam mit Rat und Verwaltung Lösungsansätze entwickeln.

Ein wesentlicher Bestandteil des neuen Names ist die Chancengerechtigkeit. Was bedeutet dies, auch für die Arbeit des Ausschusses?

Brockmann: Chancengerechtigkeit betrifft uns alle. Der Name des Ausschusses macht deutlich, worum es künftig geht: Chancengerechtigkeit bedeutet, dass jeder Mensch – unabhängig von Herkunft, Religion, Sprache oder sozialem Hintergrund – die Möglichkeit haben soll, seine Fähigkeiten zu entfalten und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das betrifft Kinder und Jugendliche ebenso wie Familien, Senioren, Arbeitnehmer, Unternehmer, Vereine und Ehrenamtliche. Deshalb versteht sich der ACI nicht ausschließlich als Interessenvertretung einer Bevölkerungsgruppe. Er möchte Brücken bauen und den Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Bürgerschaft stärken.

Hat sich auch die Rolle des Vorsitzenden, sprich Ihre Rolle, verändert?

Brockmann: Auf jeden Fall hat sich die Aufgabe des Vorsitzenden weiterentwickelt. Neben der Leitung der Sitzungen gehört heute insbesondere die Koordination der Ausschussarbeit, die Zusammenarbeit mit Rat und Verwaltung sowie die Vertretung des Ausschusses gegenüber Öffentlichkeit, Vereinen und Institutionen zu den zentralen Aufgaben. Der Vorsitz versteht sich dabei als Bindeglied zwischen Politik und Stadtgesellschaft.

Wie beschreiben Sie den Auftrag des ACI?

Brockmann: Der Erfolg des Ausschusses wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Sitzungen stattfinden oder wie viele Empfehlungen verabschiedet werden. Entscheidend wird sein, ob wir Menschen miteinander ins Gespräch bringen, Vertrauen schaffen und gemeinsam konkrete Verbesserungen für Emmerich erreichen. Der ACI möchte dazu beitragen, dass Chancengerechtigkeit, Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht nur politische Begriffe bleiben, sondern im Alltag der Menschen spürbar werden.

Gibt es bereits konkrete Projekte, die der ACI plant?

Brockmann: Da der Ausschuss ein gänzlich neues Gremium ist und wir damit für uns alle Neuland betreten, gilt es zunächst einmal, Strukturen für unsere Arbeit zu entwickeln. Dazu versuchen wir derzeit, Arbeitsgruppen zu bilden. Im ACI sind ganz unterschiedliche, wertvolle Mitglieder vereint, die unterschiedliche Kompetenzen mitbringen. Durch die Arbeitsgruppen möchten wir es ermöglichen, dass diese bestmöglich im ACI eingebracht werden können. Aber es gibt auch konkrete Projekte: So wollen wir in der nächsten Sitzung des ACI im Donnerstag, 9. Juli, über eine Teilnahme am „Day for Peace“ am 13. September am Schlösschen Borghees sprechen. Nach den Sommerferien startet zudem ein Bürgerdialog, der einmal im Monat stattfinden soll. Dazu laufen derzeit bereits Gespräche, wo dieser stattfinden soll. Ziel ist es, dass wir ins renovierte „De Wette Telder“ gehen können. Außerdem möchten wir einen Beitrag am Europatag am 9. Mai 2027 leisten.

Wie blicken Sie auf die Zukunft des ACI?

Brockmann: Als Vorsitzender des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration freue ich mich darauf, diesen neuen Weg gemeinsam mit den Mitgliedern des Ausschusses, dem Rat der Stadt, der Verwaltung sowie den vielen engagierten Vereinen, Institutionen und Bürgern zu gestalten. Ich bin überzeugt, dass gute Kommunalpolitik dort beginnt, wo Menschen miteinander sprechen, einander zuhören und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Der ACI versteht sich als Plattform für genau diesen Dialog. Denn eine starke Stadt lebt nicht von ihren Unterschieden, sondern davon, wie sie ihre Vielfalt nutzt. Diese Chance gilt es, gemeinsam zu ergreifen – für ein offenes, gerechtes und zukunftsorientiertes Emmerich.

Andreas Brockmann ist der Vorsitzende des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration in Emmerich. Foto: privat

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