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Astrid Linzen macht auf die Krankheit MS aufmerksam.NN-Foto: vs
21. Mai 2024 · Verena Schade · Bedburg-Hau

Krankheit mit 1000 Gesichtern

Der Kontaktkreis „Die Mühlsteine“ macht zum Welt-MS-Tag auf Multiple Sklerose aufmerksam

BEDBURG-HAU. „Mit Mut und Stärke Leben lernen“ ist das Motto des Welt-MS-Tags, der am 30. Mai auf eine Krankheit aufmerksam macht, die das Leben der Betroffenen und das ihrer Angehörigen unumstößlich auf den Kopf stellt. Multiple Sklerose (MS) ist eine autoimmune, chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie verläuft meist in Schüben und kann ganz unterschiedliche Verlaufsformen haben, weshalb man sie auch als „Krankheit der 1000 Gesichter“ bezeichnet. In Bedburg-Hau gibt es seit vielen Jahren die „Mühlsteine“, eine Selbsthilfegruppe, die aktuell 43 Mitglieder zählt und Betroffene bestärkt, die Herausforderung mit und nach der Diagnose MS anzunehmen und dazu ermutigt, den individuellen Weg mit der Krankheit zu finden und ein erfülltes Leben zu führen.

Astrid Linzen (55) leitet den Kontaktkreis, der der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) angeschlossen ist, seit seiner Gründung vor zwölf Jahren. Sie selbst erhielt ihre Diagnose 1997. „Da war ich 27 Jahre alt, stand mitten im Berufsleben und wir hatten gerade ein Haus gebaut“, erinnert sie sich, dass „alles ganz schnell“ ging. Ein Taubheitsgefühl, das rechte Bein machte Probleme. Drei Wochen später stand die Verdachts-Diagnose MS im Raum. „Mein Arzt hat alles richtig gemacht“, weiß Linzen heute, denn oft dauert es Monate, zuweilen sogar Jahre, bis die Diagnose eindeutig feststeht. „Die meisten Beschwerden können auch auf andere Krankheiten hinweisen, daher kann es sogar für einen erfahrenen Arzt schwierig sein, die Krankheit bereits im Frühstadium einzuordnen“, rät Linzen, in jedem Fall einen Neurologen und bestenfalls auch eine auf MS spezialisierte Praxis aufzusuchen. „Die DMSG zertifiziert entsprechende Kliniken, Praxen und Pflegedienste und hält viele Informationen bereit“, sagt Linzen, die eine Ausbildung zur Betroffenen-Beraterin absolviert hat und gerne als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Sie weiß aus eigener Erfahrung: „Wenn MS diagnostiziert wurde, fällt man erstmal in ein ganz tiefes Loch.“ Anschließend setze nicht selten der Verdrängungsmechanismus ein. „Und wenn dann der nächste Schub kommt, fällt man in ein noch tieferes Loch“, sagt sie. Astrid Linzen weiß, wie es ist, wenn Außenstehende wenig Verständnis aufbringen. Sie selbst hatte bei ihrem zweiten Schub mit einem extremen Erschöpfungssyndrom zu kämpfen. „Man wird als lustlos oder faul bezeichnet, dabei wünscht man sich in dem Moment nichts mehr als den ganz normalen Alltags-Wahnsinn“, sagt sie. Ihre Arbeit als Betriebswirtin konnte sie bald nicht mehr ausüben, weil mit der Fatigue auch die Konzentrationsfähigkeit stark nachließ. 2004 wurde sie berentet. „Wenn man mit Mitte 30 nicht mehr für den ersten Arbeitsmarkt zu gebrauchen ist, dann zweifelt man an sich selbst“, sagt sie. Aufgeben sei aber nie eine Option gewesen. Also hat sie parallel zur Einnahme von Medikamenten angefangen, sich zu informieren und vor allem gelernt, mit der Krankheit zu leben. Dazu gehörte auch eine Ernährungsumstellung und viel Bewegung. Ihr ist wichtig: „Multiple Sklerose ist kein Muskelschwund und auch das Vorurteil, dass MS zwangsläufig zu einem Leben im Rollstuhl führt, ist nicht richtig.“ Sie weiß auch, dass die Medizin in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht hat. Gerade mit Blick auf die Diagnose und den Einstieg in eine Behandlung. Trotzdem wisse man bis heute nicht, was MS auslöst. Heilbar ist MS ebenfalls noch nicht. Aktuell leben in Deutschland rund 280.000 Menschen mit MS und jährlich kommen etwa 15.000 Diagnosen hinzu. „Aber es gibt heute viele Medikamente und Therapien, die das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen“, sagt sie.

Wie vielschichtig MS ist, spiegelt sich auch bei den „Mühlsteinen“ wider. Das Alter der Mitglieder, die nicht nur aus dem Bereich Kleve sondern auch aus angrenzenden Kreisen kommen, reicht von Ende 20 bis Anfang 70. Man trifft sich einmal im Monat in Till zum Austausch, zudem jeden letzten Freitag eines Monats zum Stammtisch (dann auch mit Angehörigen, Kollegen und Freunden) in wechselnden Locations. „Es ist einfach gut, wenn sich auch das Umfeld des Betroffenen mit der Krankheit auseinandersetzt“, findet Linzen. Im Sommer gibt es ein großes Grillfest, im Winter eine Weihnachtsfeier und auch der Spaß kommt nicht zu kurz. „Im November gehen wir zu Ludger Kazmierczak“, freut sie sich auf den nächsten gemeinsamen Ausflug. Bald ist im Rahmen des Projekts „Aufwind“ ein Klettertag, speziell für Menschen mit MS und anderen Beeinträchtigungen, geplant. „Das haben wir vor der Pandemie häufiger gemacht und das war schön für das Selbstbewusstsein meiner Mühlsteine“, möchte Linzen Sport und Bewegung wieder stärker einbinden. Feste Themen gibt es bei den Gruppentreffen nicht, da sich der Gesprächsbedarf meist von selbst ergibt. „Wir haben immer wieder Fragen zu Schwerbehindertenausweisen oder Pflegestufen“, nennt Linzen Beispiele. Der Vorteil bei Selbsthilfegruppen liegt dabei auf der Hand. „Wir wissen alle, wie es ist, mit MS zu leben“, sagt Linzen. Wer Interesse hat, kann sich bei Astrid Linzen unter Telefon 02824/ 7430 oder Mail an astrid.linzen @web.de melden. Infos gibt‘s auch im Netz unter ms-bedburg-hau.de.Verena Schade

Astrid Linzen macht auf die Krankheit MS aufmerksam.NN-Foto: vs

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