"Inhaftierte betreuen Wachteln im Gehege, Resozialisierung durch Tierpflege, NN-Foto von Rüdiger Dehnen"
22. Mai 2026 Von Lilja Jörissen · Kleve

JVA Kleve setzt auf tiergestützte Therapie

Mit einem neuen Projekt will die Justizvollzugsanstalt Kleve die Resozialisierung fördern.

KLEVE. Psychische Erkrankungen spielen im Justizvollzug eine zunehmend größere Rolle. Die JVA Kleve reagiert darauf mit erweiterten Behandlungsangeboten. Ein neuer Baustein ist eine tiergestützte Therapie, bei der Inhaftierte Verantwortung im Umgang mit Wachteln übernehmen sollen. Anstaltsleiter Andreas Krumsiek, Abteilungsleiter Markus Bäumken und Marco Wehner, Koordinator für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sehen in dem Projekt einen weiteren wichtigen Baustein der psychiatrischen Betreuung innerhalb der JVA.

Seit mehr als drei Jahren gibt es verschiedene Behandlungsangebote für Inhaftierte in der JVA Kleve. Hintergrund ist eine Entwicklung, die den Justizvollzug zunehmend beschäftigt: Psychische Erkrankungen unter Inhaftierten nehmen spürbar zu. In der JVA Kleve befinden sich derzeit 233 Gefangene, mehr als 50 von ihnen werden psychiatrisch behandelt und dauerhaft medikamentös versorgt.

„Die psychiatrische Diagnostik nimmt zu“, erläuterte Markus Bäumken. Die JVA wolle ihre Behandlungsangebote deshalb weiter ausbauen. Dabei stehen die Verantwortlichen vor besonderen Herausforderungen. Zwei grundlegende Hürden müssten überwunden werden, erklärte Bäumken: Zum einen fehle häufig die Krankheitseinsicht. Viele Inhaftierte wollten nicht akzeptieren, dass eine psychische Erkrankung vorliege. Zum anderen brauche es Behandlungsbereitschaft.

Neues Wachtelgehege im Innenhof

Genau hier setzt das neue Wachtel-Projekt an. Schon länger habe man über tiergestützte Therapie nachgedacht, bislang fehlte allerdings der geeignete Raum dazu. Zum 19. Mai wurde im Innenhof der JVA ein rund sieben Quadratmeter großes Gehege eingerichtet. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Tiere Rückzugsmöglichkeiten erhalten. Auch auf eine artgerechte Haltung werde großen Wert gelegt, betonte Bäumken. Die Tiere würden regelmäßig auf Verletzungen untersucht und die Inhaftierten bei der Arbeit begleitet.

Die tiertherapeutische Behandlungseinheit ist Teil der Behandlungsmaßnahme Psychiatrisch intensivierte Behandlung (PIB). Das Angebot richtet sich insbesondere an Gefangene mit hohem Dekompensationsrisiko, etwa Menschen mit Schizophrenien oder Psychosen, die psychiatrisch betreut und medikamentös eingestellt werden. Ziel sei es, psychiatrische Krisen und stationäre Wiederaufnahmen möglichst zu vermeiden sowie durch Nachsorge die Wiedereingliederung in den Vollzugsalltag zu fördern.

Zum Konzept gehören bereits Kunsttherapie, Sportangebote, Ergotherapie sowie Einzel- und Gruppengespräche. Zwei Psychologinnen engagieren sich dabei regelmäßig ehrenamtlich in der JVA und betreuen Teilnehmer, medizinisch betreut werden die Inhaftierten durch einen Konsiliarpsychiater. Derzeit nehmen acht Inhaftierte an dem Angebot teil, weitere Personen stehen auf einer Warteliste.

Rücksichtnahme lernen

Das umfangreiche Angebot habe den Vorteil, dass Inhaftierte nicht sofort das gesamte Therapieprogramm annehmen müssten. Häufig beginne der Einstieg zunächst mit einzelnen Angeboten. Nach und nach nähmen die Betroffenen weitere Hilfe an. „Man kann niemanden zwingen“, machten die Verantwortlichen deutlich. Oft entstehe Motivation erst mit der Zeit. Teilweise würden sich die Teilnehmer auch gegenseitig ermutigen, weitere Angebote auszuprobieren.

Von dem Wachtel-Projekt erwartet man, dass die Arbeit mit den Tieren soziale Kompetenzen stärkt und emotionale Entwicklungen anstößt. Die Inhaftierten sollen Verantwortung übernehmen, Grenzen akzeptieren und lernen, Rücksicht zu nehmen. Gerade Letzteres spiele eine wichtige Rolle. „Wenn das Tier nicht will, dann will es nicht“, formulierte Bäumken einen zentralen Gedanken des Projekts. In der kriminologischen Forschung gelten tiergestützte Angebote seit Jahren als förderlich für Resozialisierungsprozesse.

Das Zusammenleben im Innenhof funktioniere bislang problemlos. Der Bereich wird zugleich als Freistundenhof genutzt. Die Inhaftierten nähmen Rücksicht auf die Tiere. Nach Angaben der Verantwortlichen wurden den Tieren sogar schon Namen gegeben, sowohl von Inhaftierten als auch von Bediensteten. Für beide Seiten sei das Projekt etwas Besonderes. „Gefangene sollen Spaß daran haben“, sagte Krumsiek.

Auch organisatorisch denken die Verantwortlichen bereits weiter. Ein Teil der Wachteleier soll zukünftig an caritative Einrichtungen in der Region gespendet werden.

"Vier Männer planen ein Projekt am Tisch, Büro, Teamarbeit, Projektmanagement, Marco Wehner, Markus Bäumken, Andreas Krumsiek, Marius Int-Veen"

Das Projekt organisieren (v.l.) Marco Wehner, Markus Bäumken, Andreas Krumsiek und Marius Int-Veen. NN-Foto: Rüdiger Dehnen Foto: NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Im Wachtel-Gehege übernehmen Inhaftierte Verantwortung für die Tiere. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

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