Ulrike Thölke in der Wallacher Kirche mit Bändern der Evangelischen Kirchengemeinde am Rheinbogen im Hintergrund. Foto: Kirchenkreis Moers
26. August 2026 Von NN-Online · Rheinberg

„Ich werde den Ruhestand lernen müssen“

Ulrike Thölke blickt auf 32 Jahre Pfarrdienst und ein starkes Gemeindeleben zurück

WALLACH. Wallach an einem Spätsommertag: In der freundlichen Mittagssonne ist Ulrike Thölke auf dem Weg am Gemeindehaus vorbei zur Kirche. Es ertönen Grüße aus der Nachbarschaft, eine Radfahrerin klingelt ihr von ferne zu und ein älteres Ehepaar fragt sie nach dem Weg nach Ossenberg. Ansprechpartnerin, sozialer Knotenpunkt und Orientierungshilfe: All das war und bot die Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde am Rheinbogen auch im übertragenen Sinne in den vergangenen 25 Jahren und hat sie fest an die Gemeinde geschweißt. „Ich bin dankbar für diese gute Zeit hier“, sagt die 66-Jährige. Am 13. September wird sie im 14 Uhr-Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Evermarus in Borth von Wolfram Syben, Superintendent des Kirchenkreises Moers, von ihrem Dienst entpflichtet.

Ob der Begriff „Entpflichtung“ für sie passt, wird sie noch ausprobieren müssen. „Ich werde den Ruhestand lernen müssen“, ahnt sie. Denn als Tochter eines Pfarrers im nahen Hamminkeln-Wertherbruch ist die kirchliche Arbeit, das Kümmern um andere und der Wunsch, die Liebe Gottes zu jedem Menschen spürbar werden zu lassen, Teil ihrer selbst geworden. „Es gehörte zum Beispiel ganz selbstverständlich dazu, dass mein Vater die Heiligabendpredigt auf Tonband aufnahm, um sie noch am selben Abend am Bett von Kranken abspielen zu können. Meine fünf Geschwister und ich waren dabei und sangen die Weihnachtslieder“, berichtet Ulrike Thölke. Gleichwohl nahm sie nicht den direkten Weg zum Theologiestudium, sondern besuchte mehrere Semester Vorlesungen und Seminare in Psychologie und machte dort eine Therapieausbildung, bevor sie sich schließlich in Heidelberg, Wuppertal und Bochum zur Pfarrerin ausbilden ließ. Ihr Vikariat führte sie nach Wülfrath, einen pfarramtlichen Sonderdienst leistete sie in Wichlinghausen. Anschließend kam sie in die Kirchengemeinde Wallach-Ossenberg, dem späteren Wallach-Ossenberg-Borth, feierte Gottesdienste, stand Menschen in schwierigen und schönen Situationen bei, beerdigte Verstorbene, besuchte Angehörige und Erkrankte, gab Liebenden den Segen für ihre Beziehung. „Das sind ungeheuer wichtige Aufgaben meiner Arbeit gewesen. Bei Taufen zum Beispiel erlebte ich, wie wichtig es den Menschen ist, die Zusage Gottes zu hören: ‚Ich bin immer für dich da, auch wenn es schwierig ist‘.“

In der Gemeinde erlebte sie eine engagierte Gemeinschaft. Bei den jährlichen Gemeindefesten arbeiteten regelmäßig 50 bis 60 Personen mit. Das Presbyterium, das aus Ehrenamtlichen bestehende gewählte Leitungsgremium der Gemeinde, hat während einer längeren Krankheitsphase seiner Pfarrerin das Gemeindehaus in Wallach eigenständig geplant und den Bau organisiert. „Es ist wirklich großartig geworden“, sagt sie begeistert. Dankbar ist sie auch für die gute Zusammenarbeit mit den katholischen Kollegen. „Als unsere Kirchen in der Zeit der Corona-Pandemie wegen der einzuhaltenden Sicherheitsabstände zu klein für Gottesdienste waren, durften wir in die größeren katholischen Kirchen in Borth und Ossenberg ausweichen. Die dortige Schlosskapelle nutzen wir schon seit Jahren gemeinsam.“

Als sie vor 32 Jahren nach dem Abschluss ihres Vikariats ordiniert wurde, lautete ihr Ordinationsspruch: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen“. Dieser Satz aus dem Alten Testament der Bibel (Sprüche 31,8) fasste gut zusammen, was ihr auch von zu Hause mit auf den Weg gegeben worden war. Jährlich gedachte sie mit einem Gottesdienst am 9. November der Pogromnacht von 1938, in der Jüdinnen und Juden verhaftet, gejagt, misshandelt und getötet sowie Synagogen in Brand gesteckt wurden. Bei der Werteplakataktion zur Kommunalwahl, initiiert vom Neukirchener Erziehungsverein, dem Kirchenkreis Moers, der Grafschafter Diakonie und der Freien evangelischen Gemeinde Neukirchen, engagierte sie sich und rief dazu auf, sich bei der Wahlentscheidung von Nächstenliebe und Toleranz leiten zu lassen.

Entsprechend wird ihr Ruhestand auch kommunalpolitisch zu spüren sein, denn sie war unter anderem im Jugendhilfeausschuss und im Schulausschuss der Stadt Rheinberg tätig. Auch beim EU-Förderprogramm LEADER (Liaison Entre Actions de Développement de l‘Économie Rurale), das kreative und ehrenamtliche Projekte im ländlichen Raum unterstützt, brachte sie sich ein. Die Arbeit des Neukirchener Erziehungsvereins und deren Verlagsgesellschaft verantwortete sie als Mitglied der Aufsichtsräte mit. Darüber hinaus übernahm sie im Kirchenkreis Moers Aufgaben in unterschiedlichen Ausschüssen. „Mir war die Politik immer wichtig. Und als jüngstes von sechs Geschwistern habe ich frühzeitig gelernt, Rechte einzufordern, übernahm in der Schule das Amt der Klassensprecherin oder nahm an Schulkonferenzen teil“, erinnert sie sich. „Mein Ordinationsspruch hat ganz hervorragend gepasst. Nur wie ich das mit Ruhestand in Einklang bringen soll, weiß ich noch nicht. Vielleicht werde ich etwas ganz anderes machen, was mir wichtig ist: fotografieren, musizieren, kochen“, lacht sie. Möglicherweise wird das ein längerer Weg für sie: Die erste Gottesdienstvertretung für November hat sie bereits zugesagt. Die Pfarrstelle ist zurzeit ausgeschrieben und wird wiederbesetzt. Wer am Abschiedsgottesdienst teilnehmen möchte, wird gebeten, sich bei der Evangelischen Kirche am Rheinbogen anzumelden, unter Telefon: 02802/809542, oder per E-Mail an amrheinbogen@ekir.de.

Ulrike Thölke in der Wallacher Kirche. Im Hintergrund die Bänder, die für die fünf Gottesdienststätten der Evangelischen Kirchengemeinde am Rheinbogen stehen. Foto: Kirchenkreis Moers

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