„Ich habe mal die KI gefragt...“
Warum Familien mehr brauchen als digitale Ratschläge
GELDERLAND. „Ich habe mal die KI gefragt...“ Mit diesem Satz beginnen inzwischen immer häufiger Gespräche in der Familien- und Erziehungsberatung des Caritasverbands Geldern-Kevelaer. Eltern suchen bei ChatGPT und ähnlichen Anwendungen Rat zu Erziehungsfragen, Konflikten oder belastenden Familiensituationen – oft bevor sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
„Die Antworten von Chatbots klingen oft plausibel und enthalten viele sinnvolle Anregungen“, sagt Janine Wolf von der Familien- und Erziehungsberatung des Caritasverbands Geldern-Kevelaer. „Gerade bei alltäglichen Erziehungsfragen können sie Eltern erste Orientierung geben und neue Denkanstöße liefern.“ Genau darin sieht die Beratungsstelle auch eine Chance. Schwieriger wird es jedoch, wenn es um die individuelle Lebenswirklichkeit einer Familie geht.
„Wenn Familien zu uns kommen, hören wir nicht nur auf die Worte“, erklärt Peter Erprath von der Familien- und Erziehungsberatung. „Wir achten auf Zwischentöne, auf Emotionen, auf Unsicherheiten und Widersprüche. Oft zeigt sich erst im Gespräch, worum es eigentlich geht. Diese Ebene kann eine KI nicht erfassen.“ Dabei gehe Beratung häufig weit über das eigentliche Gespräch hinaus. Je nach Fragestellung könnten Kontakte zu Kita oder Schule, die Beobachtung familiärer Interaktionen oder moderierte Gespräche zwischen Beteiligten dazugehören. Ziel sei es, die Situation möglichst umfassend zu erfassen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Chatbots neigen dazu, die Sichtweise ihrer Nutzer zu bestätigen. Fachleute sprechen hier vom sogenannten „Sycophancy-Effekt“. Die Systeme sind darauf ausgelegt, hilfreiche und zustimmende Antworten zu liefern. Eine kritische Einordnung oder das bewusste Hinterfragen von Annahmen erfolgt dagegen nur begrenzt. „Gerade deshalb sollten die Antworten einer KI nicht ungeprüft übernommen werden“, sagt Wolf. „Sie kann Informationen strukturieren und Impulse geben. Ob ein Rat tatsächlich zur eigenen Situation passt, lässt sich jedoch oft erst im persönlichen Austausch klären.“
Für die Familien- und Erziehungsberatung des Caritasverbands ist die Entwicklung deshalb weder Bedrohung noch Konkurrenz. „Künstliche Intelligenz kann ein nützliches Werkzeug sein“, fasst Erprath zusammen. „Aber Familien brauchen manchmal mehr als einen gut formulierten Rat. Sie brauchen Menschen, die zuhören, nachfragen und gemeinsam mit ihnen Lösungen entwickeln.“ Die Familien- und Erziehungsberatung des Caritasverbands Geldern-Kevelaer steht Eltern, Kindern und Jugendlichen bei Fragen rund um Erziehung, Entwicklung und familiäre Herausforderungen zur Seite. Die Beratung ist vertraulich, kostenfrei und unabhängig von Konfession oder Nationalität. Mehr Informationen unter caritas-geldern.de/erziehungsberatung.