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Maria Nikolai bringt ein Stück New York nach Rees. Foto: Maria Nikolai
25. Februar 2026 Von NN-Online · Rees

„Ich fange die Leser in ihrem Mitfühlen auf“

Maria Nikolai im Interview und am 5. März in der Stadtbücherei Rees

REES. Mit der in zwei Bänden erzählten Auswanderergeschichte „Little Germany“ hat die Autorin Maria Nikolai einen neuen Bestsellererfolg erzielt. Bevor die Autorin ihr Buch am 5. März in der Stadtbücherei Rees vorstellt, spricht sie im Interview darüber.

Frau Nikolai, „Little Germany“ beschreibt den Weg von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die vor über 120 Jahren von Deutschland in die USA ausgewandert sind. Wie versuchen Sie, sich in die Gedankenwelt eines Dienstmädchens und einer Landadligen hineinzuversetzen? Wie viel Ihrer eigenen Persönlichkeit steckt in den Figuren?

Maria Nikolai: Die Welt der Fantasie ist unendlich weit. Und der Schreibprozess bei mir ein innerer Film, der alle Aspekte umfasst, auch die Buchcharaktere und ihre Entwicklung. Bei den Frauenfiguren spielen auch eigene Wünsche, Träume und Erfahrungen eine große Rolle, zugleich aber kann ich mich in Figuren hineindenken, mit denen ich nichts teile, und Eigenschaften entwerfen, die mit mir nichts gemein haben. Dabei hilft mir sicher Empathie, aber auch ein psychologisches Verständnis und menschliche Erfahrung. Die Entwicklung von Lissi und Julia hat sich auf diese Weise sehr natürlich ergeben. Jede hat ihren eigenen Startpunkt, sie wachsen zusammen und über sich hinaus. Sie scheitern, sie müssen Dinge neu bewerten und Resilienz entwickeln, sie brauchen viel Mut. Jede hat ihren eigenen Blickwinkel, geht diesen Weg auf ihre eigene, ganz persönliche Art. So wie wir alle es tun.

Die beiden Frauen landen in New York, wo es in Manhattan einen Stadtteil gab, der von Auswanderern aus Deutschland geprägt war. Wie sind sie auf dieses „Little Germany“ gestoßen?

Nikolai: „Little Germany“ war tatsächlich ein „Beifang“ der Recherchen zur „Schokoladenvilla“, Band 3. Das geht vielen Autoren so: Man liest sich ein, sichtet sehr viel Recherchematerial und findet immer wieder neue Geschichten, die zwar nicht ins aktuelle Projekt passen, einen aber trotzdem nicht mehr loslassen und erzählt werden wollen. Und als ich über die tragischen Ereignisse im Juni 1915 gelesen habe, die bis dahin viel zu wenig Beachtung in der Literatur gefunden hatten, war die Buchidee geboren. Mir stand ausgezeichnetes Recherchematerial zur Verfügung, so dass diese Reihe über weite Strecken unmittelbar den tatsächlichen historischen Ereignissen folgt. Meinen Büchern liegt immer eine tiefe und exakte Recherche zugrunde, aber bei Little Germany ist der reale Anteil ganz besonders umfangreich.

In ihrer Dilogie „Little Germany“ finden die beiden Frauen nicht nur Glück und Erfolg, sondern werden aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. Dazu schildert der Roman auch Gewalt und Verbrechen und der erste Band endet in einer Schiffskatastrophe. Wie gelingt es Ihnen, dass Ihre Bücher trotzdem als Wohlfühlromane bezeichnet werden können?

Nikolai: Das ist tatsächlich eine Gratwanderung. Bei allen diesen historischen Fakten (nicht nur das Schiffsunglück mit seinen über 1000 Toten, sondern auch das Thema Kinderhandel oder die brutalen New Yorker Gangs) wäge ich immer sorgfältig ab, wie viel ich meinem Publikum zumuten kann und möchte. Für das „Gangland“ New York habe ich den „cozy crime“-Faktor genutzt, mit Nonna Antonella und Giovanni, sodass die Geschichte warm und herzlich und auch humorvoll ist. Beim Schiffsunglück habe ich mich an die Seite der Agierenden gestellt, die Dramatik zugelassen. Ich habe die Ereignisse nicht verändert, sondern meine Figuren behutsam hineingesetzt. Und zugleich habe ich eines hineingewoben: Hoffnung. Das spüren die Leserinnen und Leser. Sie werden aufgefangen in ihrem Mitfühlen, sie dürfen mit Lissi und Julia traurig sein, aber auch neuen Mut schöpfen. Erleichtert wird das sicher durch meine Art des Erzählens, die immer einen Wohlfühlkokon bildet.

Für ihre Lesung in der Stadtbücherei Rees versprechen Sie Kinofeeling. Worauf dürfen sich Besucher dabei freuen?

Nikolai: An diesem Abend wird die Stadtbücherei zum Kino – und zu einem Stück New York. Mit Musik und einer cineastischen Präsentation erlebt das Publikum nicht nur die Auswanderung auf dem Schnelldampfer über den Atlantik hautnah mit, sondern auch die dramatische Geschichte des deutschen Viertels in New York. Denn Little Germany – von seinen Einwohnern auch liebevoll „Kleindeutschland“ oder „Deutschländle“ genannt – war nicht nur eine pulsierende Neighbourhood Manhattans, in der es vom deutschen Bier bis zur „German Pretzel“ alles gab, was die Menschen mit der verlorenen Heimat verband. Es war auch Schauplatz der größten Tragödie, die New York vor 9/11 erlebte. Diese Veranstaltung inszeniert eine unvergessliche, berührende, abenteuerliche Geschichte, die auf wahren Ereignissen beruht.

Sie wohnen in Baden-Württemberg. Waren sie bisher schon einmal am Niederrhein oder haben Sie dort sogar schon vor einem Publikum gelesen?

Nikolai: Meine Lesungstouren führen mich kreuz und quer durch Deutschland und das deutschsprachige Ausland, aber am Niederrhein war ich noch nicht. Deshalb freue ich mich ganz besonders, nun zu meinen Leserinnen und Lesern dort kommen zu dürfen und zugleich eine neue Gegend, ihre Landschaft und Regionalkultur, ihre Küche und die Menschen dort kennenzulernen. Wenn ich unterwegs bin, dann immer mit offenen Augen. Deutschland ist so schön und vielseitig und meine Leserreisen sind Beruf, Inspiration und Begegnung zugleich.

Maria Nikolai bringt ein Stück New York nach Rees. Foto: Maria Nikolai

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