Für Toleranz und Respekt
Illustrator Nils Oskamp beeindruckt an der Joseph-Beuys-Gesamtschule
KLEVE. Ein Schuss, eine Fensterscheibe splittert, das Projektil verfehlt sein Ziel nur knapp, prallt von der Wand ab und bleibt lange unauffindbar. Was wie eine Szene aus einem Sonntagabend-Krimi klingt, erzählt der Illustrator Nils Oskamp in der Aula der Joseph-Beuys-Gesamtschule. Die Schüler der neunten Klassen sitzen still im Zuschauerraum und hören gebannt zu – ein Zustand, über den sich Lehrkräfte nicht immer freuen dürfen. Doch Oskamp gelingt es, die Jugendlichen mit seiner autobiografischen Geschichte in seinen Bann zu ziehen.
Ausgehend von seinem Buch „Drei Steine“ schildert er eine dramatische Episode aus seinem Leben. Durch gezielt eingesetzte Soundeffekte und die auf eine Leinwand projizierten Illustrationen aus seiner Graphic Novel wird die Geschichte lebendig, obwohl die Ereignisse mittlerweile rund 40 Jahre zurückliegen. Der Hamburger Illustrator war mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung am Dienstag und Mittwoch zu Gast an der Joseph-Beuys-Gesamtschule. Am Dienstag präsentierte er den Schülern in einer interaktiven Lesung seine Graphic Novel, am Mittwoch leitete er einen Workshop in der Klasse 9d. Darin setzten sich die Jugendlichen mit der Geschichte der jüdischen Familie Leffmann aus Kleve auseinander. Der Workshop stellte eine schlüssige Fortsetzung des Vortages dar, an dem Oskamp in der Aula von seinem Leben als Jugendlicher in Dortmund-Dorstfeld berichtete. Dort war er in den 1980er-Jahren als Schüler Opfer rechter Gewalt geworden und hatte sogar um sein Leben fürchten müssen.
Seine persönliche Geschichte verknüpfte Oskamp immer wieder mit historischen Einordnungen zum Nationalsozialismus. Dadurch wurde die Verbindung zwischen den Verbrechen dieser Zeit, den konkreten Folgen für sein eigenes Leben und den Herausforderungen und Gefahren der Gegenwart deutlich. Gleichzeitig war sein Besuch ein eindrücklicher Appell für Toleranz und Respekt sowie für einen mutigen und entschlossenen Einsatz gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung.
Am darauffolgenden Tag nahm die Klasse 9d an einem Workshop zur Erinnerungskultur teil. Im Vorfeld hatten sich die Schüler mit den Stolpersteinen der Familie Leffmann beschäftigt. Das Klever Stadtarchiv stellte Nils Oskamp historische Fotografien und biografische Informationen zur Verfügung. Diese Materialien verarbeiteten die Jugendlichen im Workshop zu Scrapbooks und einem Video, die auf einfühlsame Weise das Schicksal der Familie nachvollziehbar machen. „So kommt man den Menschen und ihrem Schicksal ganz nah“, zeigte sich die Schülerin Elmedina Winzer sichtlich ergriffen.
Besonders das Schicksal der Eltern und ihrer fünfjährigen Tochter, die aus Kleve deportiert und im September 1941 im Vernichtungslager Chełmno ermordet wurden, bewegte die Jugendlichen tief. „Wir werden die Ergebnisse des Workshops in der Schule ausstellen und so für die gesamte Schulgemeinschaft sichtbar machen“, erklärt Klassenlehrer und Organisator Benedikt Ketelaer.