Es ist eine Frage der Haltung
Lebensqualität von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in der Schwanenstadt verbessern
KLEVE. Für Karl-Josef Trappe ist es ganz einfach eine Frage der Haltung. „Menschen mit Behinderungen haben es in Kleve nicht leicht“, sagt der 68-Jährige. Er setzt sich dafür ein, dass die Lebensqualität von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in der Schwanenstadt verbessert wird und appelliert seit Jahren immer wieder an Verwaltung und Politik, hier mit mehr Feingefühl zu agieren. „Wenn von Anfang an mitgedacht und entsprechend geplant würde, könnte man vieles besser machen“, ist seine Meinung. Und er hat auch einige Beispiele parat.
Da wären etwa die Querungshilfen an Kreisverkehren. Hier habe die Stadt in 2020 und 2021 bauliche Änderungen vorgenommen, um die Barrierefreiheit zu verbessern. Doch das Ergebnis sei nicht zufriedenstellend. „Für die Nutzer von Rollstühlen oder Rollatoren hat sich die Situation dadurch sogar noch verschlechtert“, sagt Trappe und hat das bereits während der Bauphase öffentlich kritisiert. „Die aktuellen Bordsteinhöhen und -neigungen führen dazu, dass Rollstühle aufsetzen und die Übergänge kaum oder nur mit erheblichem Kraftaufwand nutzbar sind“, erklärt er, wo das Problem liegt. Zudem sei es auch schlichtweg unkomfortabel. „Selbst wenn der Rollstuhl geschoben wird, ist es für denjenigen, der im meist ungefederten Rollstuhl sitzt, eine holprige Angelegenheit und eigentlich untragbar“, findet er. Um das „direkt erlebbar“ zu machen, habe er dem Tiefbauamt angeboten, gemeinsam eine Testfahrt im Rollstuhl zu unternehmen. Diesen Vorschlag habe man ignoriert. Zwar hätte sich eine Mitarbeiterin das vor Ort angesehen, passiert sei aber nichts. Zudem sei das Thema im Stadtrat besprochen und ein entsprechender Beschluss gefasst worden, allerdings hätte sich auch daraufhin nichts getan. „Angeregt hat das Bruno Janßen von der Fraktion der Grünen. Er ist selbst Rollstuhlfahrer und konnte meine Kritik nachvollziehen“, ist Trappe dankbar für die Unterstützung von Seiten der Politik. Als Begründung, weshalb trotzdem noch nicht nachgebessert wurde, habe ihm das Tiefbauamt mitgeteilt, dass es an finanziellen Mitteln fehlt. Was Trappe ärgert: „Hätte man bereits im Vorfeld den Dialog mit Betroffenen gesucht, wären viele dieser Schwierigkeiten vermeidbar gewesen.“
Thema Behindertenparkplätze. Auch hier hat Trappe schon vor einiger Zeit Gespräche mit dem Tiefbauamt geführt. „Hier hat man an einigen Stellen bestehende Parkflächen umfunktioniert und Behindertenparkplätze ausgewiesen – allerdings ohne entsprechende Änderungen“, sagt Trappe und verweist auf Bereiche am Brücktor und am Königsgarten. „Die Parkplätze sind zu klein und entsprechen nicht den gesetzlichen Anforderungen“, ärgert ihn. Auf der Beifahrerseite fehle die notwendige Bordsteinabsenkung und insgesamt seien die Parkplätze nicht breit genug, um gefahrlos zu rangieren. „Da bleibt einem nur übrig, entgegen der Fahrtrichtung zu parken, was ja verboten ist, und natürlich ist es auch nicht ungefährlich, wenn man sich dann zu zweit und mit Rollstuhl auf der Fahrbahn bewegt“, sagt er und betont: „Das hätte man durch korrekte Planung leicht vermeiden können.“ Er sieht da ein strukturelles Problem: „Menschen mit Behinderungen werden bei Planungen und Entscheidungen noch immer nicht ausreichend mitgedacht. Dabei sollte Barrierefreiheit eine Selbstverständlichkeit sein – nicht nur aus gesetzlichen, sondern vor allem aus menschlichen Gründen.“
Sich stark machen für andere, das ist für Trappe eine echte Herzenssache. Im Kleverland dürfte er vielen Menschen als Initiator der „Till-Tour“ bekannt sein. Die Idee hatte er im Jahr 2001. „Damals gab es bei uns im Dorf ein junges Mädchen, das an Leukämie erkrankt war und ich wollte eine Spendenaktion ins Leben rufen“, blickt er zurück. Als passionierter Motorradfahrer lag es für ihn nah, sein Hobby mit dem guten Zweck zu verbinden. „Wir Motorradfahrer haben ja leider nicht immer das beste Image“, räumt er ein. Im Mai 2003 fand die erste Tour, damals mit rund 50 Teilnehmern, statt. Die Spende ging an die Knochemarkspenderzentrale der Uniklinik Düsseldorf. Drei Jahre später musste Trappe bei 150 Anmeldungen das Limit setzen. Bis heute erfreut sich die Till-Tour großer Beliebtheit – und im Laufe der Jahre ist dabei viel Geld für soziale Belange zusammen gekommen. 2017 gab Trappe, dem für sein jahrelanges Engagement auch die Verdienstmedaille vom Bundespräsidenten verliehen wurde, die Leitung ab. „Meine Frau hatte 2016 einen Schlaganfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Da musste ich andere Prioritäten setzen“, sagt Trappe. Trotzdem engagiert er sich weiter. Zusammen mit der WTM bietet er geführte Touren an und sammelt auch dabei Spenden. „Dabei kommen pro Jahr um die 1.000 Euro zusammen“, freut er sich. Ehrenamtliches Engagement, sagt Trappe, ist wichtig für eine Gesellschaft. „Sonst würde sich nichts tun auf dieser Welt“, ist er überzeugt. Um seine Frau besser unterstützen zu können, ging Trappe zwei Jahre früher in Rente und zog mit ihr von Till-Moyland nach Kleve – in eine barrierefreie Wohnung.
Seit einiger Zeit hat er ein weiteres Projekt im Blick. Es geht um die Anschaffung eines speziellen Transportrads, das es ermöglicht, Rollstuhlfahrer im eigenen Rollstuhl sitzend zu transportieren. „Das wäre sowohl für touristische Zwecke als auch als alltagspraktische Lösung eine tolle Bereicherung für die Stadt“, findet er und hat bereits angeboten, als ehrenamtlicher Fahrer mitzuhelfen. Aber auch hier geht es nicht voran, was Trappe bedauert. Er findet: „Der respektvolle und vorausschauende Umgang mit den Bedürfnissen mobilitätseingeschränkter Menschen ist Ausdruck einer fortschrittlichen, sozialen und empathischen Stadtgesellschaft. Er schützt nicht nur die heute Betroffenen, sondern schafft auch Sicherheit und Komfort für alle – denn niemand ist davor gefeit, im Laufe des Lebens selbst auf Barrierefreiheit angewiesen zu sein.“
Karl-Josef Trappe zeigt, wo gehandelt werden muss. NN-Foto: Rüdiger Dehnen