"Wildtiere in der Auffangstation Weeze, Kreis Kleve, fotografiert von Thomas Langer"
14. Juli 2026 · Thomas Langer · Niederrhein

Erst anrufen, dann helfen

Als einzige ihrer Art in der Region nimmt sich die Wildtierauffangstation in Weeze Tieren in Not an

KREIS KLEVE. Wenn die Temperaturen Rekorde brechen, leiden nicht nur die Menschen. Auch die Tierwelt ächzt unter der sommerlichen Last. Wenn es in der Wildnis einmal brenzlig wird, ist die Wildtierauffangstation in Weeze die richtige Adresse für aufmerksame Beobachter aus dem Kreis Kleve, die ein hilfsbedürftiges Tier entdeckt haben. Aber längst nicht immer ist Hilfe auch tatsächlich nötig, erläutert das Team um Stationsleiter Wilhelm Schnabel.

Von Mai bis Ende Juli herrscht Hochsaison in der Wildtierauffangstation im Kreis Kleve. Das Ziel ist klar: Möglichst viele Tiere retten und in die Freiheit entlassen. Allein rund 100 Jungtiere befinden sich hier zurzeit in Aufzucht, und auch darüber hinaus kommt auf der 2.000 Quadratmeter großen Fläche am Standort Hertefeld 3 eine Menge zusammen: Vögel wie Habichte, Schleiereulen und Amseln, oder Säugetiere wie Hasen, Kaninchen und Rehe zum Beispiel – 620 Tiere aus 75 Arten waren es in 2025. Mit anderen Worten: So ziemlich alles, was in der Wildnis kreucht und fleucht.

Ausnahmen gibt es natürlich: Nicht aufgenommen wird zum Beispiel, was dem Jagdrecht unterliegt – außer, es ist mit dem Jagdpächter abgesprochen. Neozoen (invasive Tierarten), wie Nutria oder Bisamratte, finden ebenfalls kein Obdach, genauso wenig Ratten, Mäuse und verwilderte Haustauben.

Bereits seit 29 Jahren ist die Wildtierauffangstation die Retterin in der Not – damals noch in Kleve, seit 16 Jahren allerdings in Weeze. „Wir liegen hier sehr günstig: Weeze liegt ungefähr in der Mitte“, sagt Wilhelm Schnabel.

Viel los

"Berufsjägerin Miriam Rupp füttert Greifvogel, Falknerei, Wildtierpflege"

Berufsjägerin und Falknerin Miriam Rupp bei der Fütterung eines ihrer Schützlinge. Foto: Thomas Langer

Wie schon im vergangenen Jahr geht es auch dieser Tage auf dem Gelände wieder rüselig zu. „In den letzten Wochen kamen die Anlieferungen fast schon im Minutentakt“, berichtet Wilhelm Schnabel. Ein trauriger Klassiker sind verletzte Igel. Die häufigste Ursache: Mähroboter. „Diese sollte man möglichst nur tagsüber laufen lassen“, plädiert Max von Elverfeldt, 1. Vorsitzender des Fördervereins. Berufsjägerin und Falknerin Miriam Rupp ergänzt: „Bitte auch nicht einfach mit dem Freischneider unter die Hecke gehen, sondern immer erst schauen, ob sich dort etwas versteckt.“

Nicht voreilig handeln

Wichtig zu wissen: Das Team fängt selbst keine Tiere ein und holt diese auch nicht ab. Daher sind neben der eigentlichen Tierpflege Beratungsgespräche am Telefon dessen zweite Hauptaufgabe. Findet man ein scheinbar hilfsbedürftiges Tier, lautet also die Devise: „Erst anrufen, dann einsammeln“, betont Schnabel. Zu häufig würden die Menschen jedoch das Gegenteil tun – zum Leidwesen der Tiere. Der Hilfsreflex ist gut gemeint sein, weiß von Elverfeldt, „aber vieles regelt sich in der Natur von allein.“ Dafür möchte man die Menschen ebenfalls sensibilisieren.

Beispiel Feldhase: „Viele kleine Feldhasen werden allein auf der Wiese abgesetzt und die Mutter kommt einmal in der Nacht, damit der Fuchs sie nicht findet“, erläutert Miriam Rupp. Viele Menschen würden den vermeintlich alleingelassenen Hasen jedoch aus Mitleid direkt aufnehmen – und damit erst recht Schaden anrichten, weil die Mutter diesen daraufhin tatsächlich aufgebe. „Wenn er nackt ist und die Augen geschlossen hat, dann sollte man ihn einsammeln. Hat er aber Fell, die Augen sind geöffnet und er ist nicht verletzt, braucht er keine Hilfe“, erklärt Rupp. Ähnliches gilt bei Vögeln: Fällt ein kleiner Vogel nackt aus dem Nest, brauche er Hilfe. „Ist er gefiedert und hüpft durch die Gegend, wird er noch von den Eltern versorgt.“

Dennoch gilt im Zweifelsfall: Ein Anruf verschafft schnell Klarheit, ob tatsächlich Hilfe nötig ist – in etwa 30 Prozent der Fälle sei das nicht der Fall. Aber falls doch, werden die Anrufer angeleitet, wie sie die hilfsbedürftigen Tiere am besten zur Station bringen.

Zuständig nur im Kreis Kleve

Als einzige ihrer Art in der Region steht die Kreis Klever Wildtierauffangstation derzeit allein auf weiter Flur. „Im Umkreis gibt es keine weiteren“, sagt Max von Elverfeldt. Zwar gebe es private Stationen, die seien aber wegen mangelnder Genehmigungen und vieler Vorschriften illegal – Stichwort Jagdrecht und Artenschutz.

Entsprechend hoch ist das Arbeitsaufkommen für die Helfer in Weeze: Wilhelm Schnabel spricht von 4.000 Anrufen im Jahr, die rund um die Uhr zum Teil aus ganz Deutschland eingingen. Ende Juni seien es bereits 2.200 Anrufe gewesen. Rund 50 Prozent aller Telefonanrufe lägen allerdings außerhalb des Zuständigbereichs. Nicht immer gibt es dafür Verständnis, doch selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht einmal die Nachbarkreise bespielen, erklären die Mitarbeiter. Für sie bedeutet bereits der Kreis Kleve einen Vollzeit-Job, der zusätzlich eine Menge ehrenamtlicher Arbeit erfordere: Neben den sieben ehrenamtlichen Helfern nehmen nämlich auch die drei hauptamtlichen Mitarbeiter nach Feierabend noch einiges an Arbeit mit nach Hause. „Anders geht es nicht“, sagt Wilhelm Schnabel.

Mehrgleisige Finanzierung

Die Auffangstation untersteht dem Veterinäramt. Damit wird sie überwiegend durch den Kreis Kleve finanziert – eine gesetzliche Verpflichtung dazu gebe es übrigens nicht, erwähnt von Elverfeldt. Für den vollumfänglichen Betrieb reiche das Geld des Kreises allein jedoch nicht aus. Daher finanziere der Förderverein seit zehn Jahren rund 20 Prozent der Kosten: sei es für Personal und Futter oder auch Standort-Verbesserungen wie Volieren. „Wir verfüttern nur für die Schwalben und Mauersegler pro Woche Heuschrecken im Wert von 80 Euro“, nennt Miriam Rupp ein konkretes Beispiel. Auf private Spender kann das Team ebenfalls nicht verzichten. „Die meisten, die hier ein Tier abliefern, spenden auch etwas“, lobt von Elverfeldt.

Neben weiteren Informationen gibt es auch zu den Spendenmöglichkeiten alle Details unter https://wildtierauffangstation-niederrhein.de sowie auf Instagram. Auch ehrenamtliche Helfer sind weiterhin gerne gesehen – die notwendige Sachkunde vorausgesetzt, zum Beispiel in Form eines Jagd- und/oder Falknerscheins oder einer Ausbildung zum Tierpfleger, Tierarzthelfer oder Tierarzt.

Telefonisch erreichbar ist die Wildtierauffangstation von 8 bis 18 Uhr. Die Tierannahme ist täglich von 10 bis 14 Uhr oder nach telefonischer Absprache geöffnet – an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 12 Uhr.

Hunderte Wildtiere finden Jahr für Jahr in der Wildtierauffangstation im Kreis Kleve in Weeze ein vorübergehendes Zuhause. NN-Fotos: Thomas Langer

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