Emmerich: Vorwürfe gegen Mittagstisch „unerträglich“
Ehrenamtliche wehren sich gegen Andeutung der AfD zu „Tafelmissbrauch“ – SPD sieht „politisches Kalkül auf dem Rücken der Schwächsten“, CDU Elten nennt Behauptung „zynisch“
EMMERICH. Rund 40 Bürger engagieren sich aktuell beim „Mittagstisch“ in Emmerich. Sie ermöglichen nicht nur einmal wöchentlich Menschen mit wenig Geld ein warmes Mittagessen; sie sammeln außerdem noch verwertbare Lebensmittel, die ansonsten vernichtet würden, und verteilen sie an Bedürftige. Nun wehren sich die Ehrenamtlichen des „Mittagstischs“ gegen Vorwürfe der AfD, man lasse Missbrauch zu. Unterstützung erhalten sie dabei auch von der SPD.
In einem Wahlflyer der AfD heißt es unter anderem: „Arbeitspflicht für Flüchtlinge: Tafelmissbrauch beenden.“ Und im Kommunalwahl-Programm ist zu lesen: „Ebenso halten wir eine finanzielle Unterstützung der Emmericher Tafel für gegeben unter der Prämisse, dass auch der karitative Träger eine konkrete finanzielle Unterstützungsverpflichtung aus eigenem Aufkommen eingeht.“
In einer Stellungnahme, die auf der Homepage der Emmericher SPD veröffentlicht wurde, schreibt das Team des „Mittagstischs“ zu den Vorwürfen: „Wir, die Leitung und die ehrenamtlichen Mitarbeiter des ‚Mittagstischs‘, verwahren uns als einzige Lebensmitteltafel Emmerichs gegen die Unterstellung, Missbrauch zu begünstigen. Hier wird durch einen Kandidaten für das Bürgermeisteramt eine durch nichts belegte Behauptung in Umlauf gebracht. Weder haben die Verfasser des Wahlprogramms mit uns gesprochen noch erklärt, worin dieser angebliche Missbrauch besteht.“
Mit dem „Mittagstisch“ fördere man das soziale Miteinander in Emmerich, „indem wir Menschen aus sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammenbringen“. Das ehrenamtliche Engagement orientier sich dabei an der UN-Menschenrechtskonvention und an dem christlichen Evangelium „und bedeutet für uns, dass jeder Mensch ungeachtet seiner Herkunft, seiner Religion, seines Geschlechts und auch ungeachtet der Gründe für sein Leben in Deutschland dann Hilfe bekommt, wenn er oder sie sie benötigt“.
Deshalb verteile man Lebensmittel an bedürftige Menschen, die ihre Bedürftigkeit halbjährlich nachweisen, darunter auch Rentner sowie Bezieher von Wohngeld und Kinderzuschlag. Mit dieser Definition und Vorgehensweise befinde man sich im Einklang mit den Vorgaben der großen Wohlfahrtsverbände.
„Wir finden es unerträglich, dass sich ehrenamtlich engagierte Emmericher Bürger dafür rechtfertigen müssen, Menschen mit geringen Einkommen, Rentnern mit kleinen Renten und Menschen, darunter viele Kinder, die aufgrund von Krieg und Vertreibung auf Hilfe angewiesen sind, zu unterstützen“, betonen die Ehrenamtlichen.
Eine Unterstützung seitens der Stadt Emmerich, wie sie die AfD in ihrem Wahlprogramm andeutet, gebe es nicht. Die Betriebskosten übernehme die katholische Kirchengemeinde, die auch den Bus stelle, mit dem die Lebensmittel abgeholt werden.
Die Vorwürfe der AfD sind aus Sicht der Emmericher SPD, die sich mit einem Statement zu Wort meldet, „bezeichnend für die politische Strategie der AfD: populistische Stimmungsmache, bewusste Desinformation und gezielte Spaltung unserer Gesellschaft“. Es sei ein „ungeheuerlicher Vorgang“, dass ehrenamtlich engagierte Bürger, die sich „mit Herzblut und hohem persönlichen Einsatz für bedürftige Menschen in unserer Stadt einsetzen, nun pauschal der Duldung von ‚Missbrauch‘ bezichtigt werden – ohne jegliche Grundlage, ohne vorherige Nachfrage, ohne Interesse an der tatsächlichen Arbeit vor Ort“. Weiter betont die SPD, dass die Ausgabe der Lebensmittel nach klaren Regeln erfolge, „Bedürftigkeit wird sorgfältig geprüft und dokumentiert“.
„Keine Sozialpolitik, sondern politisches Kalkül auf dem Rücken der Schwächsten“, sieht die Emmericher SPD im Vorgehen der AfD: „Menschen in Not werden gegeneinander ausgespielt: Rentner gegen Geflüchtete, Deutsche gegen Ukrainer. Diese Taktik ist durchschaubar – und sie ist brandgefährlich. Wir dürfen nicht zulassen, dass das gesellschaftliche Klima in unserer Stadt durch solche polemischen Angriffe weiter vergiftet wird.“ Ehrenamtliches Engagement wie das beim Mittagstisch sei „eine der tragenden Säulen unseres sozialen Miteinanders. Wer diese Arbeit diskreditiert, greift das Herz unserer Stadtgesellschaft an.“
Umso wichtiger sei es, als demokratische Parteien und als Zivilgesellschaft gemeinsam deutlich machen: „Wir stehen zu den Menschen, die helfen. Wir stehen zu den Menschen, die Hilfe brauchen. Und wir stellen uns entschieden gegen Hetze, Spaltung und Ausgrenzung.“
Auch die CDU Elten steht an der Seite der Ehrenamtlichen des „Mittagstisches“. Für den Ortsverband schreibt Horst Derksen: „Eure Unterstützung und euer Engagement machen einen großen Unterschied für Menschen in Not. Dank euer Hilfe kann bewirkt werden, dass die Gemeinschaft gestärkt wird.“
Die Behauptung der AfD, die Tafel würde Sozialmissbrauch zulassen, sei „nicht nur falsch – sie ist zynisch. Wer Bedürftige unter Generalverdacht stellt und ehrenamtliches Engagement diffamiert, zeigt, wie wenig Verständnis und Mitgefühl hinter der eigenen Politik stehen. Die Tafel hilft dort, wo der Staat oft versagt – und wer das angreift, will keine Gerechtigkeit, sondern Stimmung machen auf dem Rücken der Schwächsten.“ Elten werde auch weiterhin mit der Aktion „FüreinanderMiteinander!“ einen Beitrag für den „Mittagstisch“ leisten.
Harald Peschel, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Elten, hat das Statement veröffentlicht. Foto: privat
Andrea Schaffeld leitet der „Mittagstisch“ in Emmerich. NN-Foto: MB