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Benedikt Kreusch mit einem der ausgezeichneten Grabsteine auf dem Klever Friedhof. NN-Foto: vs
24. Mai 2025 · Verena Schade · Kleve

„Einen Grabstein gibt es nicht von der Stange“

Benedikt Kreusch, Obermeister der Steinmetz- und Steinbildhauer-Innung im Kreis Kleve, spricht über die im Wandel begriffene Friedhofs- und Trauerkultur

NIEDERRHEIN. Sie erzählen eine Geschichte, halten die Erinnerung wach und nicht selten sind es auch Kunstwerke, die zum Innehalten und zum Nachdenken über die Vergänglichkeit des Lebens einladen. Die Rede ist von Grabsteinen, einer Spezies, die es in der heutigen Zeit nicht unbedingt leicht hat.

Schließlich gibt es mittlerweile kostengünstige Alternativen zur klassischen Grabstätte, angefangen beim deutlich kleineren Urnengrab bis hin zur anonymen Bestattung auf der Wiese. „Für viele Menschen ist das heute eine reine Rechensache“, bedauert Benedikt Kreusch, Obermeister der Steinmetz- und Steinbildhauer-Innung im Kreis Kleve und Mitglied des Landesvorstands NRW. Den tatsächlichen „Wert“ lasse man dabei aber außer Acht.

Die im Wandel begriffene Friedhofs- und Trauerkultur ist auch ein Spiegel des gesellschaftlichen Wandels. Konsumgüter und Statussymbole genießen einen hohen Stellenwert, für die Verstorbenen greift man auf kosten- und zeitsparende Lösungen zurück. Grabstätten werden nach Ablauf der Frist aufgegeben, Grabsteine vom Friedhofspersonal entsorgt. Dabei gibt es durchaus Länder, in denen die Bestattungskultur noch von großer Bedeutung ist und Friedhöfe sogar Scharen von Touristen locken, etwa der Père Lachaise in Paris, der Wiener Zentralfriedhof oder der Highgate Cemetery in London. Diese Friedhöfe „leben“ natürlich von den berühmten Menschen, die dort begraben sind, aber sie sind auch deshalb beliebt, weil sie eine Fülle von imposanten Grabsteinen, Gruften und Kunstwerken in einem Umfeld bieten, dass mehr an einen Park als an einen Ort der Trauer erinnert. Wer allerdings hierzulande einen Friedhof besucht, wird immer mehr Grünflächen finden...

Dabei gibt es auch andere Beispiele, die Steinmetzen durchaus Grund zur Hoffnung geben. Sie setzen nicht nur handwerkliches Können voraus, sondern verlangen auch ein hohes Maß an Kreativität. „Grabsteine sind nicht mehr reine Zeichen des Gedenkens, sondern Ausdruck der Individualität und der persönlichen Geschichte“, sagt Kreusch. Früher waren religiöse Symbole und traditionelle Inschriften wie „In liebevoller Erinnerung“ oder „Ruhe in Frieden“ gefragt. Heute dürfen es auch mal Ballettschuhe und persönliche Widmungen sein. Er selbst mag die Herausforderung, die diese Entwicklung mit sich bringt. Bereits seit einigen Jahren ruft die Landesinnung der Steinmetze und Steinbildhauer alle angeschlossenen Innungsbetriebe auf, sich mit ihren Arbeiten für das Qualitätszeichen zu bewerben. Jedes Jahr werden für diese in Fachkreisen hoch angesehene Auszeichnung bis zu 100 ausgesuchte Werke eingereicht. Mit vier ausgewählten Arbeiten nahm der Klever Meister-Betrieb im vergangenem Jahr an dem Wettbewerb teil und sämtliche Werke wurden nicht nur ausgezeichnet, sondern platzierten sich auch unter den besten zehn Bewerbungen. Eines davon befindet sich auf dem Städtischen Friedhof in Kleve. Es ist ein runder Steinkreis, in den ein Glaselement eingefügt ist. „Die Form symbolisiert die Ewigkeit – ohne Anfang, ohne Ende“, erklärt Kreusch. Es ginge dabei auch um den Übergang vom Leben in den Tod, um etwas schwer Fassbares, fast schon Unwirkliches. Das Glaselement sorgt für Licht und Transparenz und zeigt: Der Verstorbene ist zwar nicht mehr greifbar, aber irgendwie bleibt er doch da. „Wenn das Glas die Sonne reflektiert, nimmt man das als etwas sehr Schönes wahr“, ist der Steinmetz zu Recht stolz auf diese außergewöhnliche Arbeit, die gesehen werden will. Selbst wenn das Nachahmer auf den Plan ruft. Da wäre die Sache mit dem „Copyright“ anzumerken. Kreusch: „In unserer Branche kann man auch eine Art Patent anmelden, das nennt sich dann Geschmacksmusterschutz.“ Allerdings sei das Verfahren recht kompliziert, weil der Antragsteller nachweisen müsse, dass es das eben nicht schon einmal irgendwo auf der Welt gegeben hat. Ihm selbst sei das zu kompliziert. Also hilft nur eins: immer neue Ideen haben. Obwohl: „Auch die Kunden kommen heutzutage gern mit eigenen Vorstellungen zu uns.“ Da soll etwa eine Figur, die für den Verstorbenen oder die Angehörigen eine besondere Bedeutung hat, eingearbeitet werden oder man hat im Internet bereits Steine gesehen, die man gern in ähnlicher Form, bestenfalls mit einer persönlichen Note, in Auftrag geben würde. Auch die Einarbeitung von Bildern der Verstorbenen werden ab und an nachgefragt. „Das ist auf Friedhöfen in anderen Regionen, etwa in Bayern, durchaus häufiger zu sehen“, weiß Kreusch. Was sich ebenfalls im Laufe der letzten Jahre verändert hat, ist die Vorbereitung auf den eigenen Tod. „Viele Menschen machen sich Gedanken darüber und möchten die Hinterbliebenen damit entlasten“, sagt Kreusch. Was mit Blick auf ein Testament oder eine Vorsorgevollmacht sinnvoll sei, müsse aber nicht unbedingt für die Begräbnisstätte gelten. „Am Ende geht es auch darum, wie die Angehörigen das empfinden, wenn es so weit ist“, sagt er. „Vielleicht brauchen die Kinder oder der Mensch, der dann zurückbleibt, einen Ort, an dem man trauern oder sich auch einfach nur erinnern kann.“ Eine Grabstätte bietet die Möglichkeit, Blumen oder andere Dinge mit am Grab abzulegen und in stillem Gedenken zu verweilen. Dies kann ein wichtiger Teil des Trauerprozesses sein. Die Frage nach dem Glauben stellt sich dabei nicht unbedingt, denn Gedenken ist nicht zwangsläufig mit einer Religion verbunden. Klassische Symbole wie Kreuz oder betende Hände sind laut Kreusch zwar durchaus noch gefragt, ebenfalls der klassische Grabstein. Wer sich heute für eine große Grabstätte entscheidet und sich vielleicht auch von anderen abheben möchte, bringt jedoch nicht selten einen höheren Anspruch mit. „Ich finde es sowieso schade, dass nicht viel mehr Kunst auf den Friedhöfen anzutreffen ist“, sagt der Steinmetz-Meister, der sich selbst weder als Künstler noch als reiner Handwerker sieht. „Kunsthandwerk trifft es schon eher“, sagt er, „unsere Zunft liegt irgendwo dazwischen.“ Da wundert es nicht, dass er bei einem Rundgang über den Friedhof an vielen Grabsteinen die Handschrift seiner Kollegen erkennen kann. Er selbst arbeitet zum Beispiel gern mit Glaselementen oder gespaltenen Säulen, die am Sockel verbunden sind und dafür stehen, dass hier etwas getrennt wurde, was fest verbunden war. „Einen Grabstein gibt es nicht von der Stange“, ist Kreusch auch aus Sicht des Innungs-Obermeisters dankbar, dass sich der Markt (noch) nicht ins Internet verschoben hat und die ortsansässigen Steinmetze für ein Handwerk stehen, das wohl nie aus der Mode kommt.

Das Grabmal „Du bist mein hellster Stern“ stellte Kreusch 2020 auf der Landesgartenschau in Kamp-Lintfort aus. Foto: Benedikt Kreusch

Das Grabmal „Du bist mein hellster Stern“ stellte Kreusch 2020 auf der Landesgartenschau in Kamp-Lintfort aus. Foto: Benedikt Kreusch

Benedikt Kreusch mit einem der ausgezeichneten Grabsteine auf dem Klever Friedhof. NN-Foto: vs

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