"Ilona Balons Harry-Potter-Welt nach 2 Jahren Arbeit, Foto von Thomas Langer"
24. Juli 2026 · Thomas Langer · Weeze

Eine magische Welt mitten in Wemb

Ilona Balon hat einen Teil ihres Zuhauses in eine Harry-Potter-Welt verwandelt

WEMB. So muss sich der wohl berühmteste Zauberlehrling Englands gefühlt haben: Im einen Moment steht man noch mit beiden Beinen in der schnöden Realität, und kurz darauf eröffnet sich eine magische Welt, die einen nicht mehr loslässt. Mit einer Harry-Potter-Welt in den eigenen vier Wänden gelingt Ilona Balon in Wemb im Kleinen dasselbe, was J. K. Rowling seit 1997 weltweit mit ihren Büchern und dazugehörigen Filmen schafft: den Zauber in den oft so entzauberten Alltag zurückzubringen.

Ganze zwei Jahre hat die 59-Jährige in ihrer Freizeit in das Projekt investiert, das am Niederrhein vermutlich einzigartig ist. Detaillierte Kulissen, originalgetreue Dekorationen und nachgebaute Artefakte, von denen man glaubt, dass sie gleich vor Magie zu pulsieren beginnen: Das meiste davon ist in liebevoller Handarbeit entstanden, nur ein paar Dinge hat sich die Hobby-Bastlerin anderweitig besorgt. Dass es sich oft um einfache Materialien wie Pappe, Holz und Farbe handelt, dass sie teils Sperrgut upgecycelt, alte Bestände weiterverwertet oder auch einige Nicht-Potter-Gegenstände in die Szenerie eingepflegt hat, tut der Erfahrung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Ilona Balon gelingt es, die einzigartige „Harry-Potter-Magie“ auf jedem Quadratmeter spürbar zu machen.

Details über Details

Tritt man durch die Haustür ein, wandert der Blick direkt nach links: Auf der Treppe hin zum oberen Teil des Hauses beginnt die Reise. Vor allem bei gedimmtem Licht kommt schnell Stimmung auf: Auf jeder zweiten Stufe lösen die Schritte ein LED-Licht aus. Über einigen Potter-Büchern thronend blickt eine Eule huhuend herab, während der Besuch auf seinem Weg nach oben die zahlreichen Portraits bekannter und weniger bekannter Charaktere passiert. Fast meint man, dass sie sich in ihren Bilderrahmen bewegen und den Blick erwidern – so wie man es eben aus der Welt der Hexen und Zauberer kennt.

"Malerische Berglandschaft mit Wanderweg und blühenden Wiesen, ideal für Naturentdecker und Outdoor-Abenteuer"

Schon der Aufstieg zeigt: Es gibt viel zu entdecken.

Schon an diesem Punkt lässt sich erahnen: Es braucht Zeit, um den vielen Details und kleinen Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Die Dichte ist hoch und doch wirkt nichts unangenehm überladen. Jedes einzelne Stück verbindet sich mit den anderen zu einem stimmungsvollen Ganzen.

Licht und Schatten

Im oberen Flur angekommen, nimmt die Entdeckerlust weiter Fahrt auf. Ilona Balon hat in ihrer Konzeption auf eine gewisse thematische Ordnung geachtet, die aber nie pedantisch, sondern bei Bedarf auch pragmatisch ist – schon aus Platzgründen.

Schräg links begrüßt Hauself Dobby – seine Socke als Symbol der Freiheit in der Hand – die Gäste. Hinter ihm, direkt unter der Decke, schweben unter anderem der „Nimbus 2000“ (Muggel würden ihn wohl einfach als Besen bezeichnen), verzauberte Bücher und ein Dementor an der Decke. Die Wand zieren Zauberstäbe und ihre beschrifteten Schachteln, gleich daneben verbirgt sich hinter dem Vorhang, dessen Motiv die „Winkelgasse“ repräsentiert, der Zugang zu einer stilecht gestalteten Teeküche mitsamt „Zaubertränken“ und Zutaten.

Alt-Tag: "Gleis 9¾ Schild am Bahnhof, inspiriert von Harry Potter, mit nostalgischem Charme und magischer Atmosphäre"

Gleis neundreiviertel darf ebenfalls nicht fehlen.

Auf der ihr gegenüberliegenden Wand spiegelt sich wiederum das berühmte Gleis neundreiviertel wider. Direkt daneben das Bad: Wer hier eintritt, steht schon mitten im Zaubereiministerium. Auch hier springen die Augen von einem Blickfänger zum nächsten: Während an der Schräge einige Titelblätter des „Tagespropheten“ hängen, ist auf dem hochgeklappten Klodeckel eine Anweisung hinterlegt: „Hier entlang“ heißt es dort, ein Pfeil weist nach unten. Potter-Kenner wissen, was gemeint ist und schmunzeln.
Auch die übrigen Räume dürften den Besuchern schnell ein seliges Lächeln auf die Lippen zaubern. Im von roter Farbe dominierten Gryffindor-Schlafraum – authentisch bewacht von der „fetten Dame“ – findet sich zum Beispiel eine in mühevoller Handarbeit gestrickte Decke. 56 selbst kreierte Symbole und Figuren aus der ganzen Reihe hat Balon hier innerhalb von anderthalb Jahren verewigt – darunter das dunkle Mal der Todesser, das sich jedoch nur aus einem bestimmten Winkel erkennen lässt. Aus der oben erwähnten Zweckmäßigkeit heraus ist auch der verzauberte Himmel aus der großen Halle bereits im Gryffindor-Schlafraum zu finden – und dank LEDs stimmungsvoll in Szene gesetzt.
Alt-Tag: "Verzauberter Himmel in der großen Halle, magische Atmosphäre"

Da kommt magische Stimmung auf: der verzauberte Himmel aus der großen Halle.

Die Antithese dazu bildet das Slytherin-Zimmer. Hier herrscht düsterere Stimmung, mit klarem Schwerpunkt auf grünen Akzenten. Da der Gemeinschaftsraum eigentlich unter einem See liegt, simuliert Ilona Balon sogar das schimmernde Licht, das durch den von ihr nachgemalten Torbogen zu fallen scheint.
"Slytherin-Zimmer mit grünen Akzenten, Hogwarts-inspiriertes Design"

Im Slytherin-Zimmer dominieren grüne Akzente.

Das Esszimmer für vier Personen dient als kleine Version der großen Halle. Kennern dürften hier zum Beispiel einige der Horkruxe, der goldene Schnatz oder der Stein der Weisen in der Vitrine ins Auge fallen. „Die Kräuter sind alle selbst gepflückt und getrocknet“, sagt Balon in Richtung einiger Gefäße. Auch die Hauspunkte-Stundengläser, Hagrids rosa Regenschirm, ein Kamin mit Flohpulver, die Wappen der vier Häuser oder der sprechende Hut haben ihren Platz gefunden.

Wieder zurück auf dem Flur, blickt man dem rot-gelb gefiederten Phönix Fawkes und dem mit einem Basilisken-Zahn durchstoßenen Tagebuch des Tom Riddle entgegen – und dem beleuchteten Denkarium. Die mit Erinnerungen gefüllten gläsernen Phiolen stehen ebenfalls bereit. „Das Denkarium und das Zauberstab-Geschäft Ollivanders sind meine Lieblingsstücke“, verrät Ilona Balon. Und doch sind es nur zwei Beispiele für hunderte Stücke, die sie in den letzten zwei Jahren geschaffen hat.
"Das Denkarium, bewacht von Phönix Fawkes aus Harry Potter"

Das Denkarium, bewacht von Phönix Fawkes.

Quellenstudie mit Herzblut

Ins Rollen kam das Projekt, als nach dem Auszug der Kinder ihres Lebensgefährten viel Platz blieb – fast schon zu viel für zwei Personen. „Also habe ich überlegt, dass ich etwas daraus machen könnte, das mir Spaß macht und mich beschäftigt. Ich habe immer schon gerne gebastelt, auch für meine Kinder“, erläutert Ilona Balon. Über den Nachwuchs hatte sie ursprünglich auch Zugang zur Harry-Potter-Welt gefunden. „Immer wenn ein neuer Film kam, musste ich mit ihnen ins Kino gehen. Irgendwann wollten sie sich auch als Harry Potter verkleiden“, erinnert sie sich mit einem Lächeln. Aber auch allein habe sie die Filme immer gerne im TV geschaut. „Besonders die ersten beiden Teile finde ich sehr toll. Schon von der Musik bekomme ich Gänsehaut.“

Als sie sich für das Projekt entschieden hatte, begann sie schließlich, sich intensiver mit den Büchern und Filmen auseinanderzusetzen, um der Vorlage gerecht zu werden. „Ich habe mir die Filme genau angeschaut und versucht, alles so detailliert wie möglich nachzubauen“, erläutert Balon. Schon lange vor der Vollendung hatte sie konkrete Vorstellungen: „Ich wusste schon ziemlich genau, wo was hinkommt.“ Dennoch: „Ich habe immer lange gesucht, bis ich das gefunden hatte, was meinen Vorstellungen entspricht.“ Vor allem Plastikkitsch wollte sie um jeden Fall vermeiden.

"Handgemachtes Tagebuch des Tom Riddle von Ilona Balon, kunstvoll und detailreich gestaltet, ohne Plastikkitsch."

Kein Plastikkitsch: Die meisten Stücke hat Ilona Balon in liebevoller Handarbeit erstellt, darunter das Tagebuch des Tom Riddle.

Allen voran Potter-Fans dürfte die Wember Potter-Welt viel Spaß bereiten – aber nicht nur ihnen, wie die Hausherrin herausgefunden hat: „Ich habe auch meine Arbeitskollegen eingeladen. Fast alle waren schon hier“, erzählt sie. Die Einladungen gingen – zur großen Freude der Empfänger – stilecht über mit Tinte verfasste und mit Wachssiegeln versehene Briefe raus. Sogar eine Kollegin, die bis dato noch nichts über Harry Potter gewusst habe, sei sprachlos gewesen. Am Ende waren es auch ihre Kollegen, die sie ermutigt haben, ihr Projekt für die Öffentlichkeit freizugeben. Erste Impressionen sind auf Instagram (potterheads.wemb) einsehbar.

Wer sich einmal selbst umschauen oder Zeit mit Freunden bei Spielen oder Filmen verbringen möchte, kann eine Anfrage stellen unter potterheadswemb@icloud.com. Möglich ist das gegen eine kleine, angemessene Spende für Gruppen von bis zu fünf Personen. Eine Bedingung gibt es aber doch: „Wer hinein möchte, muss mir eine Frage aus den Filmen oder den Büchern beantworten“, sagt Ilona Balon mit einem Augenzwinkern.

"Moderne Teeküche mit Holzregalen und Küchengeräten, Foto von Thomas Langer"

Die Teeküche. NN-Fotos: Thomas Langer

"Handgestrickte Decke mit 56 Symbolen, darunter verstecktes dunkles Mal der Todesser, von Ilona Balon in 18 Monaten erstellt."

56 Symbole und Figuren hat Ilona Balon in anderhalb Jahren in die Decke gestrickt – das dunkle Mal der Todesser lässt sich nur aus einem bestimmten Winkel erkennen.

"Hogwarts Wappen mit den vier Häusern Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin, Harry Potter Universum"

Kein Harry Potter ohne die vier Häuser von Hogwarts.

"Außenansicht des Zauberstabgeschäfts Ollivanders in der Winkelgasse, bekannt aus Harry Potter"

Das Zauberstabgeschäft Ollivanders.

"Illustration düstere Zauberei mit Hexenkessel und mystischen Symbolen"

Auch die düsteren Seiten der Welt der Zauberei finden ihren Platz.

„Tagesprophet Zeitung auf Toilette, Harry Potter Fanartikel“

Eine gute Lektüre in Gestalt des „Tagespropheten“ darf auf dem Klo natürlich nicht fehlen.

Zwei Jahre hat Ilona Balon an ihrem Projekt gearbeitet, nun ist die Harry-Potter-Welt vollendet. NN-Fotos: Thomas Langer

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