Eine magische Welt mitten in Wemb
Ilona Balon hat einen Teil ihres Zuhauses in eine Harry-Potter-Welt verwandelt
WEMB. So muss sich der wohl berühmteste Zauberlehrling Englands gefühlt haben: Im einen Moment steht man noch mit beiden Beinen in der schnöden Realität, und kurz darauf eröffnet sich eine magische Welt, die einen nicht mehr loslässt. Mit einer Harry-Potter-Welt in den eigenen vier Wänden gelingt Ilona Balon in Wemb im Kleinen dasselbe, was J. K. Rowling seit 1997 weltweit mit ihren Büchern und dazugehörigen Filmen schafft: den Zauber in den oft so entzauberten Alltag zurückzubringen.
Ganze zwei Jahre hat die 59-Jährige in ihrer Freizeit in das Projekt investiert, das am Niederrhein vermutlich einzigartig ist. Detaillierte Kulissen, originalgetreue Dekorationen und nachgebaute Artefakte, von denen man glaubt, dass sie gleich vor Magie zu pulsieren beginnen: Das meiste davon ist in liebevoller Handarbeit entstanden, nur ein paar Dinge hat sich die Hobby-Bastlerin anderweitig besorgt. Dass es sich oft um einfache Materialien wie Pappe, Holz und Farbe handelt, dass sie teils Sperrgut upgecycelt, alte Bestände weiterverwertet oder auch einige Nicht-Potter-Gegenstände in die Szenerie eingepflegt hat, tut der Erfahrung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Ilona Balon gelingt es, die einzigartige „Harry-Potter-Magie“ auf jedem Quadratmeter spürbar zu machen.
Details über Details
Tritt man durch die Haustür ein, wandert der Blick direkt nach links: Auf der Treppe hin zum oberen Teil des Hauses beginnt die Reise. Vor allem bei gedimmtem Licht kommt schnell Stimmung auf: Auf jeder zweiten Stufe lösen die Schritte ein LED-Licht aus. Über einigen Potter-Büchern thronend blickt eine Eule huhuend herab, während der Besuch auf seinem Weg nach oben die zahlreichen Portraits bekannter und weniger bekannter Charaktere passiert. Fast meint man, dass sie sich in ihren Bilderrahmen bewegen und den Blick erwidern – so wie man es eben aus der Welt der Hexen und Zauberer kennt.

Schon der Aufstieg zeigt: Es gibt viel zu entdecken.
Licht und Schatten
Im oberen Flur angekommen, nimmt die Entdeckerlust weiter Fahrt auf. Ilona Balon hat in ihrer Konzeption auf eine gewisse thematische Ordnung geachtet, die aber nie pedantisch, sondern bei Bedarf auch pragmatisch ist – schon aus Platzgründen.
Schräg links begrüßt Hauself Dobby – seine Socke als Symbol der Freiheit in der Hand – die Gäste. Hinter ihm, direkt unter der Decke, schweben unter anderem der „Nimbus 2000“ (Muggel würden ihn wohl einfach als Besen bezeichnen), verzauberte Bücher und ein Dementor an der Decke. Die Wand zieren Zauberstäbe und ihre beschrifteten Schachteln, gleich daneben verbirgt sich hinter dem Vorhang, dessen Motiv die „Winkelgasse“ repräsentiert, der Zugang zu einer stilecht gestalteten Teeküche mitsamt „Zaubertränken“ und Zutaten.

Gleis neundreiviertel darf ebenfalls nicht fehlen.

Da kommt magische Stimmung auf: der verzauberte Himmel aus der großen Halle.

Im Slytherin-Zimmer dominieren grüne Akzente.
Das Esszimmer für vier Personen dient als kleine Version der großen Halle. Kennern dürften hier zum Beispiel einige der Horkruxe, der goldene Schnatz oder der Stein der Weisen in der Vitrine ins Auge fallen. „Die Kräuter sind alle selbst gepflückt und getrocknet“, sagt Balon in Richtung einiger Gefäße. Auch die Hauspunkte-Stundengläser, Hagrids rosa Regenschirm, ein Kamin mit Flohpulver, die Wappen der vier Häuser oder der sprechende Hut haben ihren Platz gefunden.
Wieder zurück auf dem Flur, blickt man dem rot-gelb gefiederten Phönix Fawkes und dem mit einem Basilisken-Zahn durchstoßenen Tagebuch des Tom Riddle entgegen – und dem beleuchteten Denkarium. Die mit Erinnerungen gefüllten gläsernen Phiolen stehen ebenfalls bereit. „Das Denkarium und das Zauberstab-Geschäft Ollivanders sind meine Lieblingsstücke“, verrät Ilona Balon. Und doch sind es nur zwei Beispiele für hunderte Stücke, die sie in den letzten zwei Jahren geschaffen hat.
Das Denkarium, bewacht von Phönix Fawkes.
Quellenstudie mit Herzblut
Ins Rollen kam das Projekt, als nach dem Auszug der Kinder ihres Lebensgefährten viel Platz blieb – fast schon zu viel für zwei Personen. „Also habe ich überlegt, dass ich etwas daraus machen könnte, das mir Spaß macht und mich beschäftigt. Ich habe immer schon gerne gebastelt, auch für meine Kinder“, erläutert Ilona Balon. Über den Nachwuchs hatte sie ursprünglich auch Zugang zur Harry-Potter-Welt gefunden. „Immer wenn ein neuer Film kam, musste ich mit ihnen ins Kino gehen. Irgendwann wollten sie sich auch als Harry Potter verkleiden“, erinnert sie sich mit einem Lächeln. Aber auch allein habe sie die Filme immer gerne im TV geschaut. „Besonders die ersten beiden Teile finde ich sehr toll. Schon von der Musik bekomme ich Gänsehaut.“
Als sie sich für das Projekt entschieden hatte, begann sie schließlich, sich intensiver mit den Büchern und Filmen auseinanderzusetzen, um der Vorlage gerecht zu werden. „Ich habe mir die Filme genau angeschaut und versucht, alles so detailliert wie möglich nachzubauen“, erläutert Balon. Schon lange vor der Vollendung hatte sie konkrete Vorstellungen: „Ich wusste schon ziemlich genau, wo was hinkommt.“ Dennoch: „Ich habe immer lange gesucht, bis ich das gefunden hatte, was meinen Vorstellungen entspricht.“ Vor allem Plastikkitsch wollte sie um jeden Fall vermeiden.

Kein Plastikkitsch: Die meisten Stücke hat Ilona Balon in liebevoller Handarbeit erstellt, darunter das Tagebuch des Tom Riddle.
Wer sich einmal selbst umschauen oder Zeit mit Freunden bei Spielen oder Filmen verbringen möchte, kann eine Anfrage stellen unter potterheadswemb@icloud.com. Möglich ist das gegen eine kleine, angemessene Spende für Gruppen von bis zu fünf Personen. Eine Bedingung gibt es aber doch: „Wer hinein möchte, muss mir eine Frage aus den Filmen oder den Büchern beantworten“, sagt Ilona Balon mit einem Augenzwinkern.
Die Teeküche. NN-Fotos: Thomas Langer
56 Symbole und Figuren hat Ilona Balon in anderhalb Jahren in die Decke gestrickt – das dunkle Mal der Todesser lässt sich nur aus einem bestimmten Winkel erkennen.
Kein Harry Potter ohne die vier Häuser von Hogwarts.
Das Zauberstabgeschäft Ollivanders.
Auch die düsteren Seiten der Welt der Zauberei finden ihren Platz.
Eine gute Lektüre in Gestalt des „Tagespropheten“ darf auf dem Klo natürlich nicht fehlen.
Zwei Jahre hat Ilona Balon an ihrem Projekt gearbeitet, nun ist die Harry-Potter-Welt vollendet. NN-Fotos: Thomas Langer