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Ajery Kahise (r.) zeigt, wie es auf seiner Farm zugeht. Fotos: privat
19. November 2024 · Thomas Langer · Niederrhein

Eine Chance, Kind zu sein

Karla Lettgen und Jurena Langer geben Einblicke in die Arbeit des Kinderdorfs in Mbigili

GELDERLAND. Seit 2008 bietet das Kinderdorf in Mbigili in Tansania Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum für ihre individuelle Entwicklung hinein in selbstbestimmtes Leben. Zwar liegt die Organisation vor allem in der Hand der tansanischen Nichtregierungsorganisation (NGO) „Amani Orphans Home Mbigili“, unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ stehen jedoch auch Deutschland und der Niederrhein nach wie vor und so lange wie nötig unterstützend zur Seite – seit 2012 in Gestalt des Vereins „Kinderdorf Mbigili Tansania“, davor half bereits die Pfarrgemeinde Rheurdt/Schaephuysen. Das erklärte Ziel: die vollständige Selbstbestimmung des Kinderdorfs.

Wer hier ein neues Zuhause findet, hatte keinen leichten Start ins Leben. „Die Schere zwischen Arm und Reich ist sehr groß“, erzählt die 20-jährige Karla Lettgen aus Leipzig, Enkelin der Schaephuysenerin und Kinderdorf-Mitbegründerin Ursula Lettgen, über die sehr ländlich geprägte Region. Nach ihrem Abitur konnten sie und die 19-jährige Kölnerin Jurena Langer sich als Freiwillige im Rahmen des Nord-Süd-Austauschs von „weltwärts“ ein Jahr lang selbst davon überzeugen, wie erfolgreich und wertvoll die Arbeit vor Ort ist: Denn seit Jahren schon überbrückt das Kinderdorf nach Kräften das noch fehlende Sozialsystem.

Jurena Langer spricht dabei von zwei Säulen. Die Eine ist die „homebased care“: Hier leben 80 Kinder zwar in ihrem gewohnten familiären Umfeld, erhalten zusammen mit ihren Familien jedoch die Unterstützung, die sie brauchen. Das kann Kleidung sein, eine Krankenversicherung, Lebensmittel oder eben Hilfe bei der Schulbildung. Die zweite Säule bildet das Leben im Kinderdorf selbst: In gut ausgestatteten Häusern leben hier zusammen mit den Hausmüttern weitere 80 Kinder und Jugendliche, deren Eltern entweder verstorben sind oder sich aus anderen Gründen nicht mehr um sie kümmern können – immer in Abstimmungen mit dem Sozialamt und der Gemeinde. „Das Dorf bietet den Kindern ein sicheres Zuhause und eine Chance aufs Kindsein und Bildung, um später auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Karla Lettgen. Das hat das Kinderdorf mittlerweile zu einer echten Institution in der Region gemacht.

Selbstbestimmt leben

Der Gedanke der Selbstbestimmung zieht sich durch das gesamte Konzept. Möglich wird das vor allem durch eine individuelle Betreuung durch das Management vor Ort, das auch die Stärken der Kinder in den Blick nimmt und sie entsprechend der Möglichkeiten fördert: zum Beispiel in der Kinderbetreuung, durch Nachhilfe oder bei der Berufsbegleitung bzw. Weiterbildung. Bei der Vorbereitung auf das Leben hilft aber auch die dorfeigene Infrastruktur, in die die Kinder im Alltag eingebunden werden: eine Farm versorgt die Bewohner und die nahegelegene Grundschule mit Obst und Gemüse; Kühe, Schweine, Ziegen und Hühner liefern die tierischen Lebensmittel. Der Überschuss geht in den Verkauf und trägt somit zur Finanzierung und zunehmenden Unabhängigkeit des Kinderdorfs bei. Dasselbe gilt für die Schneiderei, die außerdem die zu betreuenden Kinder sowie die nahegelegene Grundschule mit Schuluniformen ausstattet. Auch in Sachen Strom und Wasser kann sich das Dorf selbst versorgen.

Mit einem Intensivkurs Kiswahili im Rücken, haben Karla Lettgen und Jurena Langer während ihres Aufenthaltes selbst einen Teil zum Gelingen des Projekts beigetragen – jedenfalls nach einer kleinen Eingewöhnungsphase. „Am Anfang haben wir beide nur gelernt, aber dann sind wir schnell in den Austausch getreten“, erzählt Langer. Vor allem haben sie die Hausmütter bei der Betreuung der Kleinsten im Kindergarten unterstützt, gestalteten die Nachmittage, führten die sonntäglichen Events wie Wanderungen und Filmabende durch, standen aber auch den älteren Grundschülern bei den Hausaufgaben zur Seite. In Eigeninitiative haben die beiden zudem den früheren „doctors room“ in einen Kreativraum verwandelt, der seither aber nicht nur für Bastelarbeiten und Malspaß dient, sondern auch als Gruppenraum für Gesellschaftsspiele und Co.

Lange in Erinnerung bleiben wird den beiden besonders die Gestaltung eines eigenen „Emma“-Buchs der Gelderner Autorin Heidi Leenen. Die in Kiswahili übersetzte Geschichte um die gleichnamige Schnecke, die die unterschiedlichen Stärken der anderen Tiere um sich herum entdeckt, passt gut zum beschriebenen Konzept des Kinderdorfs: „Es ist eine wichtige Botschaft für Kinder“, findet Langer. Aber auch durch die praktische Umsetzung stärkte das Projekt das Selbstbewusstsein der Kinder, indem es Gelegenheit bot, die Geschichte mit eigenen Motiven aus teils ungewohnten Materialien kreativ zu bebildern, etwa mit frisch gepflückten Pilzen oder Salzteig. „Jedes Kind hat am Ende ein eigenes Buch bekommen“, sagt Lettgen. Aber natürlich nicht, ohne sich vor dem Druck der Bücher auf einer Doppelseite mit Fingerabdruck und Namen verewigt zu haben – eine schöne Erinnerung und ein Beweis für die eigenen Talente. Den Entstehungsprozess ließen die beiden Frauen übrigens während einer kleinen Übergabefeier in der Versammlungshalle noch einmal per Video Revue passieren – von den Kreativarbeiten in Mbigili bis hin zum Druck in Deutschland.

„Das Jahr in Tansania war für uns ein Segen“, sagt Karla Lettgen. Vor allem hinsichtlich der eigenen Persönlichkeitsentwicklung, wie Jurena Langer ergänzt. Ihre Erfahrungen stießen die beiden dazu an, auch einmal ihre eigene Situation und die eigenen Denkmuster zu überdenken. Besonders beeindruckt zeigen sie sich von der familiären Atmosphäre und dem selbstverständlichen Gemeinschaftsgefühl in Tansania, das auch die Inklusion von Menschen mit Behinderung einschließt. „Aber auch wir wurden sehr herzlich willkommen geheißen“, sagt Langer.

Unabhängigkeit vorantreiben

Seit seiner Eröffnung hat sich das Kinderdorf immer mehr zu einer sehr eigenständigen Institution weiterentwickelt. So ganz ohne deutsche Hilfe geht es bislang aber doch noch nicht – vor allem beim Fundraising. Das soll aber nicht ewig so bleiben, benennt Vereinsmitglied Agnes Bissels das erklärte Ziel für das Projekt, womit sie wieder den Kreis zur Selbstbestimmung schließt. „Wir möchten dafür das Netzwerk weiter festigen und die Familie zusammenhalten“, erklärt sie. Damit verweist sie auf einen essenziellen Baustein für das Vorhaben: die „Ehemaligen“ des Kinderdorfes. Sie spielen nicht nur als Projekt-Botschafter und als Multiplikatoren für die Spendengenerierung eine Rolle.

Sie sind auch der beste Beweis für den Erfolg des Projekts und Vorbilder für die Kinder von heute, indem sie gezeigt haben, was in ihnen steckt. Egal ob sie ein Studium absolviert oder einen Ausbildungsberuf ergriffen haben: von der Köchin, die sogar schon die Präsidentin bekocht hat, über den Automechaniker und Maurer bis hin zum angehenden Piloten sind schon viele Wege beschritten worden – entgegen großer Konkurrenz und des Mangels an Arbeitsplätzen. Einige von den fast 100 fertig ausgebildeten Ehemaligen haben aber auch einen sicheren Arbeitsplatz mit festem Einkommen als Teil des 37-köpfigen Teams des Kinderdorfes gefunden. Dieses umfasst neben der Managerin und den Hausmüttern auch Sozialarbeiter, Fahrer, Buchhalter und mehr.

Sie alle haben durch die Förderung eine Chance bekommen, ihre eigenen Stärken zu entdecken, umzusetzen und Erfolge zu feiern – teilweise sogar mit Stipendium. „Vielleicht gestalten sie in Zukunft sogar das Land mit“, sagt Bissels. Es sei diese Vielfältigkeit, die man für die Zukunft zusammenführen wolle.

In Teilen ist ihr Wunsch sogar schon in Erfüllung gegangen, wie das Beispiel von Ajery Kahise zeigt: Als Ehemaliger des Kinderdorfes hat er nach seinem Studium nicht nur damit begonnen, ein kleines Tourismusunternehmen aufzubauen, er hat nebenher auch Land für eine eigene Farm gekauft, auf der er heute für die Region unübliche Dinge anbaut – zusammen mit anderen Studenten. „Sie bekommen dort Fläche, um sich auszuprobieren“, sagt Lettgen.

Seine Erfahrungen teilt er heute auch mit dem Nachwuchs im Kinderdorf, zum Beispiel in Gestalt von Workshops über das Unternehmertum. „Er macht einfach Mut“, fasst es Karla Lettgen zusammen. „Es wäre schön, wenn auch andere Ehemalige in Zukunft zum Kinderdorf zurückkämen.“

Thomas Langer
Karla Lettgen (l.) und Jurena Langer lebten und halfen ein Jahr lang im Kinderdorf.

Karla Lettgen (l.) und Jurena Langer lebten und halfen ein Jahr lang im Kinderdorf.

Ajery Kahise (r.) zeigt, wie es auf seiner Farm zugeht. Fotos: privat

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