Ein Vorbild für Deutschlands Friedhöfe
Das Bestattungshaus Camps übernimmt als erstes seiner Art einen kommunalen Friedhof – in Wankum
NIEDERRHEIN/WANKUM. Es wird ein Leuchtturmprojekt mit Vorbildcharakter für Friedhöfe in ganz Deutschland: Das Grefrather Bestattungshaus Camps hat Anfang des Jahres nicht nur den Friedhof in Wachtendonk-Wankum übernommen, sondern möchte ihn auch fit für die Zukunft machen. Was dahinter steckt, verrät Geschäftsführer Andreas Camps.
Wie kommt ein Grefrather Unternehmen dazu, den kommunalen Friedhof in Wankum zu übernehmen? Andreas Camps fängt ganz vorne an: „Ich wohne in Wachtendonk.“ Und vor sechs Jahren hatte das Familienunternehmen bereits das örtliche Bestattungshaus Aengenendt übernommen. „Aus diesem fusionierten Team kam dann der Gedanke, den Wankumer Friedhof zu übernehmen.“
Ratsmitglieder überzeugt
Eine Idee, für die die Gemeinde mehr als offen war: Der Ratsbeschluss war einstimmig, aber das kam nicht aus heiterem Himmel. Seitens der Gemeinde bestand schon zuvor der Wunsch, einen verlässlichen Vertragspartner für den fachmännischen Betrieb sowie die Bewirtschaftung und Unterhaltung des kommunalen Friedhofs im Rahmen eines Erbbaurechtsvertrags zu finden, wie Bürgermeister Paul Hoene erläutert. „Es ging also um eine Übertragung von Betrieb, Unterhaltung und Entwicklung – nicht um den Verkauf des Friedhofsgrundstücks.“
Dafür hatte die Gemeinde ein Ausschreibungsverfahren durchgeführt. Das Bestattungshaus Camps konnte mit seinen Ideen schließlich die Ratsmitglieder überzeugen. „Politisch wurde die Übergabe an Camps als Chance gesehen, einen in Pflege, Infrastruktur und Angebot modernisierungsbedürftigen Friedhof zukunftsfähig zu machen: mit neuen Bestattungsformen, besserer Barrierearmut, verbesserter Parkplatzsituation, energetisch modernisierter Trauerhalle und einer tragfähigen Bewirtschaftung“, kommentiert Hoene.
Zusätzliche Unterstützung für diesen Kurs lieferte die gleichzeitig vorgestellte überörtliche Prüfung der Gemeindeprüfungsanstalt NRW: „Die geplante Teilprivatisierung wurde dort ausdrücklich als potenziell vorteilhaft bezeichnet, insbesondere für die Aufarbeitung der Datenbasis und mögliche Einsparungen.“
Kulturerbe erhalten
Für Andreas Camps liegt die Bedeutung der Friedhöfe auf der Hand: „Sie sind ein immaterielleres Kulturerbe.“ Das Problem: „Es herrscht ein riesiger Wandel in der Bestattungskultur.“ Die Herausforderung sei es, das Kulturerbe für die nächsten Generationen zu erhalten – das erfordere ein Umdenken. Für ihn bedeutet das, moderner und innovativer zu werden – „der Zeit entsprechend“, sagt Camps, der einer von zehn Friedhofsbotschaftern in Deutschland ist. Er ist überzeugt: „Die Kultur eines Volkes wird danach bewertet, wie es seine Toten bestattet.“ Es brauche eine Anlaufstelle und die Ruhe – die Erinnerungen. „Es wird auf dem Friedhof sehr viel Geschichte geschrieben“, sagt er.
Um das Vorhaben umzusetzen, haben er und sein Team sich einiges überlegt. Eine wichtige Grundlage dafür bildete die Facharbeit von Emilia Mahnert mit dem Titel „Grüne Line, Ökologie und Naturschutz – Der Friedhof lebt“. Camps erläutert: „Sie hat darüber geschrieben, wie sie sich den Friedhof in 30 Jahren vorstellt.“ Und ihre Ergebnisse haben das neue Konzept maßgeblich mitgestaltet.
Neue Bestattungsformen
Dazu gehört eine neue Bestattungsform: der Ewigkeitsbrunnen. Hierüber wird die Urne im Erdreich beigesetzt. Urnen sollen in Zukunft in Wankum aber auch in Hochbeeten beigesetzt werden können. Durch die Erhöhung sollen vor allem ältere Friedhofgänger entlastet werden. Bänke und Überdachungen sollen überdies für Aufenthaltsqualität sorgen.
Eine Streuwiese – genauer gesagt „Gerdas Streuwiese“, die Geschichte dahinter wird vor Ort erläutert werden – mit Namenschildern ist ebenfalls geplant. „Wenn ich keinen Namen habe und weg bin, ist es so, als hätte ich nie gelebt“, kommentiert Camps. Eine neue Baumallee wiederum dient zukünftig Baumbestattungen.
Eine Beschilderung mit Straßenamen – „‘Zur Kiefer‘ zum Beispiel“ – und „Hausnummern“ sollen die Orientierung bis zum Grab erleichtern. Über QR-Codes sollen sich dort auf Wunsch zudem selbst gestaltete Gedenkseiten ansteuern lassen können – zumindest für diejenigen, die den Zugang haben.
Auch strukturell ändert sich einiges: Laternen mit Solarpanelen sollen den Friedhof angemessen beleuchten. Auch Kameras werden installiert: „In der Vergangenheit ist hier viel Bronze gestohlen worden“, begründet Andreas Camps. Aber auch der Sicherheit soll das zuträglich sein, falls ältere Besucher einmal stolpern und fallen.
Die Bewässerung hingegen soll einheitlich und smarter werden, „sodass wir auch nachts den Friedhof bewässern und der Natur etwas Gutes tun können.“ Apropos Naturschutz: Auch der Nabu soll eingebunden werden. Das Konzept sieht vor, dass Beschilderungen Wissen über den Bestand an Bäumen und Tieren vermitteln. „Eine Art Wegweiser für die Natur“, formuliert es Andreas Camps. Obststreuwiesen, Insektenhotels und Schöpfbrunnen für die Tiere tun ihr Übriges. Nicht nur das soll den Friedhof attraktiver für Kinder machen: „Es soll auch ein Spielgerät gebaut werden. Ein Schiff als Klettergerüst, wie an der ‚Arche Noah‘.“ Für Erwachsene soll außerdem außen herum eine Art Trimm-dich-Pfad entstehen.
Gemeinsame Weiterentwicklung
Um dem Projekt zum Erfolg zu verhelfen, sollen die Bürger und Vereine einbezogen werden. „Wir sind sehr daran interessiert, dass die Bürger ihre Wünsche, Gedanken und Träume einfließen lassen“, sagt Camps. Bürger, Schützenvereine, kirchliche Vereine, Handwerksbetriebe: „Jeder ist herzlich willkommen!“ Ausgeschriebene Projekte sollen in gemeinschaftlicher Arbeit mit ihnen umgesetzt werden. Durch seine Vereinstätigkeit kann Andreas Camps bereits auf ein bestehendes Netzwerk zurückgreifen.
Zur Finanzierung der Pläne sollen nach Möglichkeit auch Fördertöpfe angezapft werden. So soll der Friedhof wieder verstärkt als Ort der Erinnerung und Begegnung in den Fokus rücken. In diesem Sinne wird der Friedhof auch Menschen von außerhalb Wankums und Wachtendonks zur Verfügung stehen. Die Parkmöglichkeiten werden ebenfalls erweitert, um darüber auch den Ortskern zu entzerren, wenn Beerdigungen stattfinden.
Wünsche berücksichtigen
Das Team plant, auch die Denkmäler zu erhalten. Mehr noch: Auch die Gräber selbst sollen noch gestaltbarer werden, „so, wie es die Familie wünscht.“ Andreas Camps findet, dass es nicht darum gehen solle, was nicht gehe, „sondern um das, was geht. Die Wünsche sollen oben an stehen.“ Er kennt die Sorgen der Menschen, ihre Vorstellungen angesichts bestehender Satzungen nicht umsetzen zu können. Diesen steifen Rahmen möchte er in Wankum lockern. „Die Satzung wird zusammen mit der Gemeinde noch einmal überarbeitet.“ Dabei lobt er die vorangegangene, einstimmige Abstimmung des Rates. „Der Bürgermeister trägt das Ganze nach wie vor mit.“
Die Kapelle wird zwar saniert und energetisch auf Vordermann gebracht, aber in ihrer Struktur erhalten – so, wie es sich Bürger und Vereine wünschen würden. „Sie ist ein denkmalwürdiges Gebäude“, befindet Camps. Das ist aber noch nicht alles: Sie wird nach derzeitiger Planung auch zu einem Veranstaltungsort für kleinere Konzerte und Lesungen – ein weiterer Punkt für das Selbstverständnis als Ort der Begegnung.
Ein neuer, angrenzender Betriebshof hingegen soll nicht nur anfallende Arbeiten flexibel und effektiv gestalten, sondern auch Besuchern über einen Gemeinschaftsraum Gelegenheit für eine Kaffeepause und Gespräche bieten.
Trauer anders denken
Tod und Trauer anders denken: „Wir wollen das ganze Thema offener gestalten, der graue Vorhang muss weg“, betont Andreas Camps. Es gehe darum, die Menschen zu begleiten – in der Vorsorge wie auch danach.
Getreu dem Motto „Im Leben sollte man ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und ein Kind großziehen“ möchte man mit der Gemeinde auch neu Zugezogenen die Möglichkeit geben, einen Familienbaum zu pflanzen, der Jahrzehnte später als Begräbnisstätte dienen kann. „Das sichert den Friedhof auf die nächsten Jahre“, erläutert Camps. „Hier sind Generationen. Hier wird Geschichte geschrieben. Der Friedhof lebt.“ Diesen Ort der Erinnerung, der Liebe, der Geborgenheit und der Begegnung gelte es entsprechend zu schützen und zu pflegen.
Das alles sind Pläne von Tragweite: „Es ist ein Pilotprojekt für viele. Ganz Deutschland schaut auf den Friedhof in Wankum“, sagt Camps. Ein paar Genehmigungen gebe es bereits, einige stünden noch aus. „Somit können wir schon mal anfangen. Wir bauen sukzessive um“, kommentiert Camps die weitere Planung und Umsetzung.
Das Bestattungshaus Camps hat den Friedhof in Wankum übernommen. V. l.: Andreas Camps, Regine Hackstein, Kerstin Redelings und Gisela Stratmanns (alle Bestattungshaus Camps) mit Bürgermeister Paul Hoene. NN-Foto: Theo Leie