Aus einer zerbrechlichen Zeit
Dorothee Krings stellte ihren Roman „Tage aus Glas“ vor
REES. Thema des Buches „Tage aus Glas“ von Dorothee Krings ist der große Streik der Glasmacher in der Gerresheimer Glashütte 1901. Sie sei zufällig auf das Thema gestoßen, das selbst in Düsseldorf wenig bekannt ist, so die Autorin.
Die in den 1860er Jahren gegründete Gerresheimer Glashütte gehörte um 1900 zu den weltweit führenden Produzenten von Flaschen, hat Krings recherchiert. In Spitzenzeiten hatte die Glashütte etwa 8000 Beschäftigte und prägte die gesamte damals noch selbstständige Stadt, die heute ein Stadtteil von Düsseldorf ist. Um 1900 wurden die Flaschen alle noch per Mund von erfahrenen Glasmachern geblasen, was für diese Arbeiter eine enorme körperliche Belastung bedeutete. Um die erfahrenen Glasmacher an die Fabrik zu binden, bauten die Fabrikbesitzer modern ausgestattete Werkswohnungen und gewährten für die damalige Zeit großzügige Sozialleistungen. Politische Betätigung war den Arbeitern aber streng untersagt. Dies war mit ein Grund, warum ein Großteil der Glasarbeiter sich 1901 an dem Arbeitskampf beteiligte. Streik bedeutete zu dieser Zeit faktisch die Kündigung, und eine Kündigung bedeutete für die Arbeiter, dass sie die Werkswohnungen verlassen mussten. Dorothee Krings stellte sich die Frage, was dieser Schritt für die oft vielköpfigen Familien der Arbeiter bedeutet hatte. Deshalb sind zwei Frauen in ihrem Roman die Hauptfiguren. Die beiden Frauen sind aber sehr unterschiedlich, denn während Bille die Tochter eines Glasbläsers ist und als junge, unverheiratete Frau in einer nahe gelegenen Webfabrik arbeitet, ist Leonie die Tochter des Werksarztes und lebt in großbürgerlichen Verhältnissen. Beide Frauen leben jedoch eingezwängt in den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit. Was für Träume, was für Ziele hatten die Frauen vor 125 Jahren, fragte sich Krings. Wenn sie ihr Leben weiterlebten, dann würden sie heiraten, Kinder bekommen und den Haushalt führen, so wie es ihre Mütter und schon ihre Großmütter gemacht hatten. Im Roman träumt Bille von Auswanderung nach Amerika, obwohl sie fast nichts über das Land weiß, während Leonie hofft, dass Schüler der Düsseldorfer Kunstakademie ihr Interesse an Musik und Malerei bemerken und würdigen.
In ihrem Vortrag ging Dorothee Krings auch weiter auf die Geschichte der Gerresheimer Glashütte ein. Schon bald nach dem gescheiterten Streik der Glasmacher ersetzten Maschinen die Handarbeit in der Fabrik. Die Fabrikanten führten diese Maschinen aber nicht sofort und flächendeckend ein, sondern streckten dies über mehrere Jahre. Damit zeigten sie zum einen wieder soziale Verantwortung. Sie hatten allerdings auch ein wirtschaftliches Interesse, denn so bewahrten sie die Fertigkeiten der Glasbläser, deren Kunst noch nicht völlig durch Maschinen ersetzt werden konnte. Die Anführer des Streiks kamen jedoch auf „Schwarze Listen“, die die Fabrikanten untereinander austauschten. Deshalb fanden die Arbeiterführer in keiner Glasfabrik im Deutschen Reich mehr Arbeit.
„Tage aus Glas“ ist der erste Roman von Dorothee Krings, die als Redakteurin bei einer Tageszeitung in Düsseldorf arbeitet. Sie habe vier Jahre für diesen Roman recherchiert und geschrieben, erzählte sie. Schreiben sei für sie das Bewahren und Weitergeben von Geschichte und Geschichten. Unter dem langanhaltenden Applaus der fast 40 Zuhörer stellte Büchereileiter Thomas Dierkes fest, dass Krings diese vergangene Welt aus Glas hervorragend vermittelt habe.