Alltägliche Herausforderungen
Emmerichs Integrationsbeauftragte Vera Artz im NN-Interview über die anstehende Integrationsratswahl
EMMERICH. Zeitgleich mit der Kommunalwahl am 14. September findet in Emmerich auch die Wahl des Integrationsrates statt. Dieser besteht seit dem Jahr 2010 und setzt sich aus direkt gewählten Migrantenvertretern und vom Stadtrat entsandten stimmberechtigten Mitgliedern zusammen. Im NN-Interview spricht Vera Artz, Integrationsbeauftragte der Stadt Emmerich, über die Hintergründe und Ziele des Integrationsrates sowie über die anstehende Wahl.
Frau Artz, wie ist der Start der Integrationsrates vor mittlerweile 15 Jahren verlaufen?
Vera Artz: Damals war ich noch gar nicht im Amt. Bei der zweiten Wahl allerdings gab es die Schwierigkeit – und diese besteht im Prinzip noch immer –, die passenden Kandidaten für den Rat zu finden.
Was bedeutet das?
Arzt: Grundsätzlich ist jeder angesprochen, der sich vorstellen kann, die Belange von Zugewanderten zu vertreten. Die Voraussetzung ist auch nicht, dass man selbst eine Zuwanderungsgeschichte hat. Es können sich zum Beispiel auch Deutsche engagieren, die sagen: Ich habe so viele Kontakte zu zugewanderten Familien, mir ist bewusst, wie hier die Problemlage ist, und ich bin bereit, dafür meine Stimme im Integrationsrat zu nutzen. Wenn man an die Zugewanderten denkt, ist es recht sinnvoll, sprachlich in einem politischen Gremium mitsprechen zu können und so weit angekommen zu sein, dass man sich politisch engagieren und Zeit investieren kann, um Interessen zu vertreten, die allen zugutekommen. Der Erfolg des Gremiums lebt davon, dass man diese Kandidaten findet, sie im Gremium aufeinandertreffen und ihre Stimme nutzen, um sich und ihr Anliegen hörbar zu machen.
Wie viele Mitglieder hat das Gremium?
Artz: Laut Wahlordnung werden zwölf migrantische Vertretung gewählt. Hinzu kommen sechs Ratsmitglieder, um im Gremium auch eine Plattform zu schaffen, wo Entsandte das Rates mit Migrantenvertretern aufeinandertreffen. De facto ist es aufgrund der Wahlordnung allerdings so: Wenn man als Einzelkandidat auftritt, aber so viele Stimmen bekommt, wie eigentlich für fünf Plätze nötig wären, verfallen die vier anderen Plätze, die nicht besetzt werden können. Deshalb konnten im letzten Gremium von zwölf zu vergebenden Plätzen nur fünf besetzt werden – weil Einzelkandidaten mehr Stimmen bekommen haben, als für einen Platz nötig gewesen wären. Deshalb weisen wir in diesem Jahr auch vermehrt darauf hin, möglichst als Liste zu kandidieren, damit keine Plätze verloren gehen. Denn die Regelung der sechs und zwölf Vertreter hat einen Grund: Die Idee ist, dass man ein Drittel Ratsvertreter zwei Drittel gewählte Vertreter gegenübersetzt.
Lässt sich sagen, weshalb es so schwierig ist, Kandidaten für den Rat zu finden? Spielen mögliche Sprachbarrieren eine Rolle? Oder ist der Integrationsrat zu wenig präsent in der Öffentlichkeit?
Artz: Ich denke, es kommen mehrere Faktoren zusammen und es gibt für jeden andere Gründe. Die Sprache ist eine wichtige Hürde, die Präsenz in den Köpfen der Menschen, die in vielen Teilen vermutlich noch andere Sorgen haben als die politische Interessenvertretung auf kommunaler Ebene, eine andere. Hinzu kommt, dass es eine formale Wahl ist, wie die Kommunalwahl auch – das heißt, es ist ein relativ bürokratischer Prozess, sich überhaupt als Kandidat zu melden. Auch die Formalien später im Gremium selbst, das Sitzen im Ratssaal, könnten auf manche abschreckend wirken, verbunden mit dem Gedanken: Ich spreche nicht gut genug Deutsch. An dieser Stelle möchte ich aber betonen, dass es gerade nicht auf ein akzentfreies Deutsch ankommt, sondern es wirklich wichtig ist für den Erfolg des ganzen Modells, dass möglichst viele Stimmen vertreten sind – auch wenn diese nicht alle akzentfrei Deutsch sprechen.
Wenn die Sprache weniger im Vordergrund steht, worauf kommt es dann an bei den Kandidaten?
Artz: Wichtig wäre, dass sie dieses Gremium dazu nutzen, um ihre Perspektive und ihre Probleme sichtbar zu machen. Wichtig ist auch, dass man innerhalb seiner jeweiligen Gruppe gut vernetzt ist, denn: Die Situation der Menschen ist total unterschiedlich – je nachdem, ob sie nach Emmerich geflüchtet sind oder sie beispielsweise als EU-Zuwanderer in den Niederlanden arbeiten. Die Bandbreite der möglichen Herausforderungen ist durch die Bandbreite der Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen in Deutschland ist, riesig. Diese Dinge muss man in einem solchen Gremium dann transportieren: ob es der fehlende Sprachkurs ist oder die Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt, wenn man keinen deutschen Namen hat. Diese Dinge, die alltäglichen Herausforderungen, die in Emmerich existieren, muss man auf die politische Agenda und in die Köpfe der Verwaltung bekommen.
Damit werben Sie dafür, weshalb es sich lohnt, sich im Integrationsrat zu engagieren. Was aber müssen die Kandidaten mitbringen, um zu sagen: Ich will mich hier einbringen?
Artz: Die Bereitschaft, etwas verändern zu wollen. Man darf nicht schüchtern sein, sondern muss sagen: Ich nutze diese Chance, um Anliegen zu transportieren und an Lösungen zu arbeiten. Dabei sind Leute gefragt, die das Wort ergreifen und in ihrer Community so gut vernetzt sind, dass sie auch deren Anliegen vortragen können und wissen, was andere umtreibt, die zugewandert sind.
Wie ist der zeitliche Aufwand?
Artz: Wir hatten in der Vergangenheit vier Sitzungen im Jahr über jeweils anderthalb Stunden. Diese sind nicht fest vorgegeben; es können auch mal fünf sein, wenn es beispielsweise ein drängendes Thema gibt.
Das bedeutet aber auch, dass die Hauptarbeit außerhalb des Sitzungssaales stattfindet, in der eigenen Community.
Artz: Das stimmt. Man kann im Rahmen des Gremiums auch Impulse setzen, beispielsweise in Form von Veranstaltungen, die daraus hervorgehen und umgesetzt werden. Diese kommen dann zur Arbeit im Rat hinzu.
Kandidatur: Interessierte Bürger können bis Montag, 7. Juli, um 18 Uhr ihre Kandidatur für Emmericher Integrationsrat einreichen. Wählbar sind mit Vollendung des 18. Lebensjahres alle wahlberechtigten Personen sowie alle Bürger, die sich am Wahltag seit mindestens einem Jahr im Bundesgebiet rechtmäßig aufhalten und seit mindestens drei Monaten in Emmerich ihre Hauptwohnung haben. Wahlvorschläge können sowohl als Liste (von Gruppen) als auch als Einzelvorschläge eingereicht werden. Dafür sind amtliche Vordrucke zu verwenden, die im Wahlbüro unter Telefon 02822/751138 und per E-Mail an magnus.niemann@stadt-emmerich.de erhältlich sind. Weitere Informationen gibt es bei Vera Artz unter Telefon 02822/751970 und per E-Mail an vera.artz@stadt-emmerich.de.
Vera Artz, Integrationsbeauftragte der Stadt Emmerich. Foto: Stadt Emmerich