25 Jahre „Klever Modell“
Zum Jubiläum wird NRW-Innenminister Reul nach Goch kommen: Ein Zeichen für hohe Wertschätzung
NIEDERRHEIN. Auf dem Tisch: ein Heftchen. 43 Seiten. Auf der Titelseite: der Umriss des Kreises Kleve. Darüber steht: Der Un-Organisierte Tod. Darunter: Das Projekt ,Ein Jahr danach‘. Der Inhalt des Heftes: ein Fazit nebst Handlungsanweisung. Zuerst eine Jahreszahl: 1997. Dann die Zahl der tödlichen Unfälle, die sich damals im Kreis Kleve ereigneten: 29. Der Gedanke: Was ist zu tun? Gibt es Möglichkeiten der Prävention?
Bei der Kreispolizeibehörde (KPB) machten sich drei Menschen Gedanken: Jonas Meurs, Arno Tromp und Achim Jaspers. Das Trio entwickelte einen 11-Punkte-Plan. Elf Punkte im Kampf gegen den Tod auf den Straßen. Unter Punkt zwei: Gespräche mit Angehörigen. Die Idee: Vielleicht ließe sich aus dem, was die Betroffenen sagen, etwas herleiten. Das Projekt „Ein Jahr danach“ entstand. Aus dem Trio wurde eine Zehnergruppe. In einem Seminar wurden die Mitglieder der Gruppe auf ihre Aufgabe vorbereitet. Dann fanden 53 Interviews mit 86 Personen statt. Das Motto: zuhören.
Zum zweiten Mal Opfer werden
Wer Fragen stellt, muss mit den Antworten leben können. Schnell stellte sich heraus: Qualitätsmanagement würde eine der Hauptaufgaben für die Zukunft werden. Wer das Heft liest, wird indirekt Zeuge von Missständen, die aus heutiger Sicht unglaublich erscheinen. Der Tenor: „Durch eure Arbeit sind wir zu zweiten Mal Opfer geworden.“ Ausschnitte aus den Befragungen: „Die Verlobte hat Fahrzeugteile vom PKW ihres Freundes an der Unfallstelle eingesammelt. (...) Sie wurde von der Polizei nicht benachrichtigt, was sie sich aber gewünscht hätte. Die Mutter des Verlobten rief schließlich an und teilte ihr den Tod mit.“ Nicht nur die Polizei erhielt kein gutes Urteil. „Ich habe den Notarzt gefragt, ob mein Sohn habe leiden müssen. Er hat sich auf seine Schweigepflicht zurückgezogen. Das hat mich sehr enttäuscht ...“ Oder: „Ich habe meinen Freund nicht mehr sehen können und habe daher ständig ein Bild vor Augen, dass sein Kopf abgerissen ist.“ Oder: „Persönliche Gegenstände hätte man uns (den Eltern) geben müssen. Selbst auf der Beerdigung wurde uns noch von einem Kollegen Geld überreicht, das unser Sohn in der Tasche gehabt haben soll.“ Oder: „Frau T. bewahrte ein Paar Schuhe – offensichtlich die Schuhe ihre Sohnes – auf. Diese Schuhe seien alles, was sie an persönlichen Gegenständen nach dem Unfall habe retten können.“ Oder: „Ich bin zwei Stunden nach dem Unfall durch die Gegend gefahren. Wo ich war, weiß ich nicht; auch nicht, wie ich nach Hause gekommen bin.“ Oder: „Die Eltern waren von der Polizei enttäuscht und zeigten einen Zettel: ‚Ihr Sohn liegt in der Leichenhalle. Bitte nicht vor Montag melden‘.“ Man bleibt sprachlos zurück.
Ermöglichung
Karl Meurs ist einer aus dem Team von damals: „Wichtig für uns war es, Menschen zu haben, die das Projekt ermöglichen.“ Einer von ihnen: der damalige Landrat Rudolf Kersting. „Ohne den hätten wir nichts machen können.“ Das Ergebnis von „Ein Jahr danach“: Die Gründung einer Opferschutzbereitschaft. Freiwillige aus den Reihen der Polizei, erklären sich bereit, Angehörigen von Toten oder Schwerstverletzten die Nachricht vom Tod oder von einem schweren Unfall zu überbringen – immer in Zweierteams. Dazu: Jeweils ein Seelsorger.
Warum dann noch Polizei? Die Antwort ist einfach: Nur die Polizei hat die nötigen Informationen und Befugnisse. Karl Meurs: „Es geht um Begleitung.“ Eine Begleitung, die zeitlich an nichts gebunden ist. (Zitat aus einer Befragung: „Ihr kommt zu spät und geht zu schnell.“) Meurs: „Es darf nicht sein, dass jemand aus dem Radio von einem schweren Unfall erfährt und aus der Meldung heraushört: Das ist mein Mann, meine Frau, mein Sohn, meine Tochter. Es darf nicht sein, dass sich Menschen unter Schock ins Auto setzen, um zur Unfallstelle zu fahren und dabei sich selbst und andere gefährden.“
Leuchtturm
Die KPB wurde mit „Ein Jahr danach“ zum landesweiten Leuchtturm. Setzte Maßstäbe. 25 Jahre ist das her. Feiern wäre das falsche Signal. Aber: Rückschau ist angebracht. Jo Verhoeven ist Opferschutzbeauftragter der KPB. „Es geht bei diesem Jubiläum darum, die Arbeit von Kollegen zu würdigen und wir freuen uns sehr, dass sowohl Landrat Gerwers als auch Innenminister Reul ihr Kommen zugesagt haben und ein Grußwort sprechen werden.“
Eine Woche, 24/7
Heute umfasst das Bereitschaftsteam circa 30 Beamtinnen und Beamte. Verhoeven: „Die Bereitschaft dauert jeweils eine Woche.“ Wenn ein Unfall passiert und der Anruf eingeht, ist es wichtig, sich zuerst mit den wichtigsten Informationen zu versorgen. „Es ist gut, dass man, wenn möglich, den Unfallort gesehen hat, denn die Angehörigen haben Fragen.“ Es geht auch darum, einen Abschied zu ermöglichen. Kein guter Satz: „Behalten Sie Ihren Angehörigen so in Erinnerung, wie Sie ihn zuletzt gesehen haben.“ Die Phantasie malt in der Regel grausamere Bilder als die Wirklichkeit.
Man muss den Hut ziehen vor all denen, die diesen Dienst versehen und man muss denen danken, die damals, vor 25 Jahren, die Weichen auf ‚Go‘ gestellt haben. Was die Mitglieder des Teams leisten, hat Respekt verdient. Karl Meurs: „Die Tatsache, dass die Kollegen ihre Arbeit hochprofessionell und mit Empathie versehen, ist ein Teil der ersten Hilfe.“
Zusammenspiel
Jo Verhoeven, der als Opferschutzbeauftragter die Nachfolge von Jonas Meurs antrat, hat das Projekt fast von Anfang an begleitet und gehört selber zum Bereitschaftsteam. „Der Tod eines Menschen bedeutet immer auch den Untergang einer ganzen Welt“, heißt es an einer Stelle des damaligen Berichtes. Eine Besonderheit bei einem tödlichen Unfall: Es gibt keine Vorbereitung. Ein Leben wird im vollen Lauf auf Null gesetzt. Was es dann vor allem braucht ist Unterstützung. Es braucht Menschen, die Angehörige mit Informationen versorgen, ihnen das Abschiednehmen ermöglichen, Fragen beantworten können. All das ist für Seelsorger nicht möglich. Sie decken einen wichtigen Teil der Hilfe ab, aber alles Behördliche kann einzig die Polizei ermöglichen. Da ist es wieder: das Wort ermöglichen. Jo Verhoeven: „Auch heute gilt: Wir müssen zuhören. Die Bedürfnisse derer einschätzen, deren Leben sich gerade aufzulösen scheint. Das ist eine unserer zentralen Aufgaben und die erfüllen wir im Zusammenspiel mit den Seelsorgern und den Notärzten. Jeder von uns hat sein eigenes Kompetenzfeld und muss in eben diesem Feld sein Bestes geben.“
Das Team der ersten Stunde. Hinten v. l. n. r.: Manfred Opgenorth, Walter Eckhart, Achim Jaspers, Norbert Dierkes. Vorne v. l. n. r.: Paul Urbanski, Jonas Meurs, Johannes Eerden, Karl Meurs, Michael Kohls. Foto: Kreis Kleve