"Michael Scholten erklärt die Grabstele des Barons von Wissel und das Disch-Familiengrab auf historischem Friedhof."
20. Juli 2026 Von NN-Online · Rees

200 Jahre Reeser Friedhof: Einblicke in Geschichte und Bestattungskultur

Geführte Tour mit dem Geschichtsverein Ressa über den historischen Friedhof am Westring beleuchtet lokale Persönlichkeiten und Entwicklungen seit 1823.

REES. Als der Reeser Friedhof am 16. November 2023 exakt 200 Jahre alt wurde, lud der Reeser Geschichtsverein erstmals zu einer geführten Tour über die Anlage am Westring ein. Damals regnete es in Strömen, weshalb die Führung jetzt noch einmal angeboten wurde.

35 Teilnehmer folgten bei stabilem Sommerwetter den Organisatoren Agnes Jay und Michael Scholten zu markanten Gräbern und lauschten den Erzählungen über das Leben und Sterben lokaler Persönlichkeiten sowie über die Entwicklung der Bestattungskultur.

Michael Scholten informierte zunächst über das „Allgemeine Preußische Landrecht“, das ab 1794 aus hygienischen Gründen untersagte, Verstorbene innerhalb der Stadtmauern zu begraben. Deshalb musste auch der katholische Friedhof aus unmittelbarer Nähe der Reeser Pfarrkirche in einen Außenbezirk verlegt werden. In Rees war das eine Herausforderung, weil die Gräber vor Hochwasser geschützt sein mussten. Die Wahl fiel auf das erhöht liegende Oranierbollwerk, einen Teil der alten Erdbefestigungsanlage am Westring.

Die kurzzeitig diskutierte Idee, einen gemeinsamen Friedhof mit der evangelischen Kirche anzulegen, wurde von der katholischen Mehrheit verworfen. Erst 1840 verlegten die Protestanten ihren Friedhof von der Kirche an den heutigen Standort in der Nähe des Stadtgartens.

Die älteste noch erhaltene Inschrift auf dem einst katholischen (und heute kommunalen) Friedhof steht auf einer gusseisernen Platte und zeugt vom Tod der Dorothea Baumann im Jahr 1849. An diesem Grab der Familie Baumann vom Wardmannshof begann auch die Führung über den historischen Teil des Friedhofs. Aus kunsthistorischer Sicht waren die Grabstele des Barons von Wissel, der Zaun um das Grab der Unternehmerfamilie Disch und das 1865 aus Spenden finanzierte Denkmal für Pfarrer Bernhard Hartmann interessant.

Der Reeser Dieter Roos hat recherchiert, dass der Grabstein und das Steinkreuz auf dem Grab des zur Kirmes 2003 verstorbenen Hoteliers Auwi Dresen bereits 1823 aufgestellt wurden. Im Gründungsjahr des Friedhofs wurde Alaida Jordans mit ihren Kindern in dem Doppelgrab bestattet, nach Ablauf der Pacht ging es an die Hoteliersfamilie Deymann, gefolgt von der Familie des Busunternehmers Schmitz. 2003 pachtete Magda Dresen das Doppelgrab, verbunden mit der Auflage, den historischen Grabstein samt Kreuz für die Nachwelt zu erhalten.

Die Gruft der Familie August Kersten, Besitzer der Tabak- und Pfeifenfabrik Oldenkott, wurde inzwischen aufgegeben, jedoch hat die Friedhofsverwaltung zwei markante Kunstwerke auf der Rasenfläche bewahrt: In eine Stele mit der Gravur „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, denn ihre Werke folgen ihnen nach“ (Offenbarung 14, 13) war einst eine prächtige Madonna eingelassen, die vor vielen Jahren gestohlen wurde, ein schwarzes Marmorkreuz weist neben den eingravierten Namen auch mehrere Einschusslöcher auf. Im März 1945, nach dem Rheinübergang der Alliierten, kam es auf dem Friedhof zu heftigen Schusswechseln zwischen der deutschen Wehrmacht und den alliierten Soldaten.

Gleich hinter den Pastorengräbern am Haupteingang informierte Michael Scholten über den Trend zur Urne, denn auch in Rees dominiert diese Bestattungsart inzwischen mit einem Anteil von drei Vierteln. Inmitten des „Rheinschwungs“, dem jüngsten Urnenfeld, wies Michael Arts-Meulenkamp, Vorsitzender des Verkehrs- und Verschönerungsvereins, auf den Trauerbriefkasten hin, den der VVV kürzlich in Kooperation mit den Reeser Kirchen installiert hat. Dort können Hinterbliebene Briefe an die Verstorbenen einwerfen. Immer am 2. November, zu Allerseelen, werden diese Briefe ungelesen in einer Feuerschale verbrannt.

An einer Sitzbank, die Ludger Dahmen zu Ehren seiner verstorbenen Eltern Hubert und Dori aufstellen ließ, trug Agnes Jay Hubert Dahmens amüsante Geschichte über den bauernschlauen Sohn eines verstorbenen Mannes vor. Am Grab von Josef Tasch spielte Dirk Kleinwegen eine Interpretation von „In mir klingt ein Lied“ vor. Die passenden Noten zieren den Grabstein des früheren Bürgermeisters und Realschulleiters Josef Tasch, der übrigens „mit Blick auf die Realschule“ beigesetzt werden wollte.

Zu Ehren aller Toten, die bei der Führung thematisiert wurden (darunter auch Bürgermeister Johann Meisters und der Bundestagsabgeordnete Eduard Lensing), zündete der 13-jährige Léon Scholten eine Kerze an und platzierte sie am jeweiligen Grabstein.

1971 übernahm die Stadt Rees die Verwaltung des katholischen Friedhofs, der zu einer kommunalen Einrichtung wurde. Der Grund und Boden des historischen Teils ist weiterhin im Besitz der Kirche, die Erweiterung in Richtung Schulzentrum und Mühlensteg gehört der Stadt. Noch vor 15 Jahren war eine Erweiterungsfläche am Grüttweg im Gespräch. Doch die Dominanz der Urnenbestattungen und auch die starke Konkurrenz durch den Trostwald in Haldern machten diesen Plan überflüssig. Stattdessen entstand auf der ursprünglich geplanten Ergänzungsfläche das Krematorium, das im Oktober 2023 den Betrieb aufnahm.

Im historischen Teil des Friedhofs informierte Michael Scholten über die Grabstele des Barons von Wissel und das Grab der Unternehmerfamilie Disch. Foto: Ressa/Dirk Kleinwegen

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