"Portrait von Polizeimeister Günther Olfen, Gedenken an 1972 in Oberhausen gefallenen Beamten"
12. Juni 2026 Von NN-Online · Emmerich

15.06.1972: Die Schüsse von Oberhausen wirken ein Leben lang nach

54 Jahre nach dem Mord an ihrem Vater: Ehemalige Kriminalhauptkommissarin Nicole Olfen veröffentlicht bewegendes Essay über die lebenslangen Folgen eines Verbrechens.

EMMERICH. Als Polizeimeister Günther Olfen am Morgen des 15. Juni 1972 seine Wohnung in Emmerich verließ, ahnte niemand, dass er nicht zurückkehren würde. Wenige Stunden später war der 24-Jährige tot – erschossen bei einem Einsatz in Oberhausen. Gemeinsam mit zwei Kollegen wurde er Opfer eines Verbrechens, das damals bundesweit Schlagzeilen machte.

Doch während die Öffentlichkeit über Täter, Tatabläufe und Sicherheitsmängel diskutierte, begann für seine Familie eine Tragödie, die Jahrzehnte andauern sollte.

54 Jahre später erzählt seine Tochter Nicole Olfen diese Geschichte erstmals aus einer Perspektive, die in der öffentlichen Erinnerung bislang kaum vorkommt: der Sicht der Hinterbliebenen.

In ihrem Essay „Wenn die Kugel ihre Fallhöhe nicht verliert“, das sie am Montag, 15. Juni, auf ihrer Homepage und bei Facebook veröffentlicht, beschreibt die ehemalige Kriminalhauptkommissarin, Psychotherapeutin und Autorin eindrucksvoll, wie die Schüsse von Oberhausen weit über den Tod ihres Vaters hinauswirkten. Sie schildert die Traumatisierung ihrer Mutter, den Verlust eines ungeborenen Geschwisterkindes, die Folgen eines Lebens ohne Vater und die unsichtbaren Narben, die Gewaltverbrechen bei Angehörigen hinterlassen.

„Ein Verbrechen endet nicht, wenn die Schüsse verhallen“, schreibt Olfen. „Es beginnt dort oft erst seine eigentliche, lautlose Arbeit.“

Besonders bewegend ist die Schilderung ihres eigenen Lebensweges. Ausgerechnet sie entschied sich später für eine Karriere bei der Polizei. Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete sie im Polizeidienst, zuletzt als Kriminalhauptkommissarin. Erst nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 2022 erkannte sie, wie sehr ihr beruflicher Weg von dem Wunsch geprägt war, Antworten auf die Geschichte ihres Vaters zu finden.

"Nicole Olfen, ehemalige Polizistin, jetzt Heilpraktikerin für Psychotherapie in Emmerich, lächelnd im Büro"

Nicole Olfen war mehr als 33 Jahre im Polizeidienst, heute arbeitet sie als selbstständige Heilpraktikerin für Psychotherapie, psychologische Beraterin in Emmerich. Foto: privat

Das Essay verbindet persönliche Erinnerungen mit psychologischen Erkenntnissen über Traumata, Verlust und die Weitergabe seelischer Belastungen über Generationen hinweg. Gleichzeitig ist es ein Plädoyer dafür, den Blick stärker auf die oft übersehenen Opfer von Gewaltverbrechen zu richten: Ehepartner, Kinder und Familienangehörige, deren Leben durch eine einzige Tat dauerhaft verändert wird.

Die Veröffentlichung erfolgt bewusst am 15. Juni 2026 – exakt 54 Jahre nach dem dreifachen Polizistenmord von Oberhausen. Für Nicole Olfen markiert dieser Tag nicht nur einen Jahrestag, sondern den Abschluss einer lebenslangen persönlichen Spurensuche.

„Die Kugeln von Oberhausen töteten meinen Vater sofort - meine Mutter langsam über Jahrzehnte. Und mich banden sie viele Jahre an ein Leben, dessen eigentliches Problem ich erst spät verstand“, fasst die Autorin ihre Geschichte zusammen.

Mit ihrem Essay möchte Nicole Olfen dazu beitragen, das Verständnis für die langfristigen Folgen von Gewalt und Trauma zu vertiefen – und Menschen Mut machen, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen.

Über die Autorin

Nicole Olfen war mehr als 33 Jahre im Polizeidienst des Landes Nordrhein-Westfalen tätig, zuletzt als Kriminalhauptkommissarin. Heute arbeitet sie als selbstständige Heilpraktikerin für Psychotherapie, psychologische Beraterin und Autorin in ihrer eigenen Praxis in Emmerich. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich insbesondere mit den Themen Trauma, Psychosomatik, Resilienz und persönlicher Entwicklung.

Polizeimeister Günther Olfen aus Emmerich wurde am 15. Juni 1972 bei einem Einsatz in Oberhausen erschossen. Foto: privat

Prospekte