Zusammen das Fasten brechen
Junge Menschen laden Nachbarn ein
KLEVE. Noch bis Donnerstag, 19. März, hält der Ramadan an, die Fastenzeit im Islam. Während tagsüber zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht gegessen und getrunken wird, wird am Abend nach Sonnenuntergang mit „Iftar“ das Fasten gebrochen. Man kommt zusammen, man isst, man spricht.
Diese Tradition des muslimischen Glaubens haben jetzt Jugendliche, die als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland kamen, mit ihren Mitbewohnern und Nachbarn in Materborn geteilt. Sie haben in Garten und Küche ihres Wohnhauses eingeladen, das von der Stadt Kleve bereitgestellt wird. Begleitet werden die jungen Menschen von pädagogischen Fachkräften des SOS-Kinderdorfs Niederrhein. Das multiprofessionelle Team ist vielsprachig aufgestellt: neben Deutsch und Englisch wird auch Afghanisch, Persisch, Ukrainisch, Russisch und Kurdisch gesprochen.
„Die jungen Menschen, die hier derzeit leben, kommen aus der Ukraine, Afghanistan, Somalia, Eritrea und Gambia“, erklärt Sozialpädagoge Sebastian Schneider-Iwand und führt aus: „Sie haben ganz normale Themen für ihr Alter – die meisten sind zwischen 16 und 19 Jahren alt – und dann kommen natürlich noch besondere Anforderungen hinzu wie das Erlernen der deutschen Sprache, das Zurechtfinden in der neuen Kultur, die Strukturen und Systeme in Deutschland, die Verarbeitung der eigenen Fluchterfahrungen und manchmal auch der Umgang mit Sterben und Tod, wenn man weit weg ist von der Heimat.“ Aktuell wohnen sieben Jugendliche in dem Haus in Materborn zusammen, zwei leben in unmittelbarer Nähe in der Verselbständigung.
Der 18-jährige Ramazan ist einer der Jugendlichen. Er kam vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. „Ich habe sofort angefangen, Deutsch zu lernen. Das war und ist für mich das Allerwichtigste.“ Erst hat er zweimal die Woche einen niedrigschwelligen Kurs im Familienforum Kermisdahl, das ebenfalls vom SOS-Kinderdorf Niederrhein in der Klever Unterstadt betrieben wird, besucht, später dann täglich einen Sprachkurs bei einem beruflichen Bildungsträger. „Für mich ist klar: Wenn man was will, kann man es auch schaffen. Ich bin ungefähr ein Jahr zum Berufskolleg gegangen, und während eines Praktikums in der Werkstatt eines Autohauses hat man mir direkt einen Ausbildungsplatz angeboten. Jetzt werde ich Kfz-Mechatroniker.“ Schon in Afghanistan sei er seinem Onkel bei Autoreparaturen zur Hand gegangen. In seiner Freizeit ist Ramazan im Fitnessstudio beim Training anzutreffen.
Mit ganz unterschiedlichen Gerichten aus den Heimatländern der jungen Menschen wurde das Fasten gebrochen. Foto: Bildnachweis: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Foto: Katrin Wißen
Für ihn und die anderen Jugendlichen ist das Fastenbrechen eine schöne Gelegenheit, auch mit anderen in Kontakt zu kommen. Zum Beispiel mit Nachbarin Roswitha. Die Seniorin hat sich sehr über die Einladung in ihrem Briefkasten zum gemeinsamen Fastenbrechen gefreut: „Ich find das hier einfach klasse. Die Jungs sind so nett, freundlich und ruhig. Wir grüßen uns auf der Straße, und mit einem habe ich sogar schon mal zusammen einen entlaufenden Hund aus der Nachbarschaft eingefangen.“ Roswitha verbindet ihren Besuch bei den jungen Menschen auch mit einem Appell: „Ich wünsche mir, dass die Mitmenschen mehr teilnehmen. Dass wir diejenigen sind, die auf die Menschen zugehen, die ganz allein zu uns kommen.“
Zwischen Kulturen zu vermitteln, das ist auch die Aufgabe von Ehsanullah Akbari. Der 28-Jährige arbeitet nebenberuflich als Kulturvermittler. Hauptberuflich ist er Pfleger im Krankenhaus. „Ich weiß, was die Jungs brauchen. Denn 2015 bin ich selbst als 17-Jähriger aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Dass wir heute hier zusammen mit den Nachbarn Fasten brechen, bringt unsere Kulturen zusammen.“
Und so gibt es beim Fastenbrechen ganz verschiedene Gerichte aus den jeweiligen Heimatländern der jungen Menschen. Bei Sonnenuntergang greifen alle beherzt zu.
Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islam
Der Ramadan ist für viele Musliminnen und Muslime eine besondere Zeit des Fastens und der Besinnung. Das Fasten in diesem Monat gehört zu den fünf Säulen des Islam. Dazu zählen außerdem das Glaubensbekenntnis, die fünf täglichen Gebete, die „Zakat“ als Pflichtabgabe für Bedürftige und die Pilgerfahrt nach Mekka. Das abendliche Fastenbrechen, das oft gemeinsam mit Familie, Freundinnen, Freunden oder in der Gemeinde begangen wird, heißt „Iftar“.
Das multiprofessionelle Team vom SOS-Kinderdorf Niederrhein kümmert sich in Kleve-Materborn um junge Menschen, die als unbegleitete minderjährige Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind. Ehsanullah Akbari, Christian Maaßen, Osman Firat Elis, Claas Joosten und Sebastian Schneider-Iwand haben zusammen mit den Jugendlichen zum Fastenbrechen die Nachbarschaft eingeladen. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Foto: Katrin Wißen