Xantener sagt nach homophober Gewalttat: „Jeder soll doch so sein dürfen, wie er ist“
Ein Xantener berichtet, dass er homophoben Äußerungen ausgesetzt ist – jetzt kam es sogar zu Gewalt
XANTEN. Verstecken möchte sich Jan Becker* nicht. „Ich habe mich bereits mit 14 Jahren geoutet. Ich lebe seitdem offen schwul. Ein Mann mit einer pinken Leopardenjeans fällt natürlich auf“, sagt der 23-jährige Xantener. Das sei vor allem in seiner Schulzeit nicht immer einfach gewesen. Gewisse Sprüche („das Wort ,Schwuchtel‘, das ja total negativ behaftet ist, fiel häufig“) habe er sich auch damals schon häufig anhören müssen. „Das ist mittlerweile leider schon zum Alltag geworden“, sagt Becker. In seinem Freundeskreis sei seine Sexualität dagegen nie ein Thema gewesen. Hier erhalte er sehr viel Toleranz und Unterstützung.
Am frühen Morgen des 11. Januar sei das jedoch anders gewesen: Bei einer geselligen Veranstaltung in einem Xantener Ortsteil habe ihm ein Mann grundlos ins Gesicht geschlagen. Becker machte den Vorfall einige Stunden später im sozialen Medium Facebook öffentlich. Dort schrieb er: „Auf einer Party, ein Ort, der sicher sein sollte, wurde ich aus dem Nichts angegriffen. Ein mir völlig fremder Mann schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht. Ich habe stark geblutet. Ich hatte extreme Schmerzen. Und vor allem: Ich hatte Angst. Ich kannte diesen Mann nicht. Der einzige Grund für diese Gewalt war, wer ich bin. Es war eine homophobe Tat. Punkt.“ Noch in der Tatnacht wurde auch die Polizei informiert. „Ich habe Anzeige gestellt“, sagt Becker, der eine Platzwunde und eine blutige Lippe davontrug. Die Kreispolizeibehörde Wesel bestätigt den Einsatz und die Anzeige auf NN-Anfrage.
Bei der Anzeige allein wollte es der Xantener aber nicht belassen. „Ich muss nicht schweigen, ich kann auch den Mund aufmachen und darüber sprechen“, sagt Becker etwas mehr als eine Woche nach dem Vorfall. Damit wolle er auch ein Zeichen für viele andere homo- oder transsexuelle Personen setzen. „Jeder soll doch so sein dürfen, wie er ist. Es ist doch nicht nur Heterosexualität normal. Es ist doch egal, ob jemand heterosexuell, homosexuell oder transsexuell ist. Mir ist ganz wichtig gewesen, das einmal zu sagen. Deshalb habe ich dieses Facebook-Posting gemacht“, betont Becker. Darunter erhält der Xantener sehr viele aufmunternde und verständnisvolle Worte: „Ich bin gerade fassungslos und entsetzt. Ich wünsche dir, dass die körperlichen Schmerzen bald vergehen und hoffe, dass es Konsequenzen für den Täter hat. Wir leben in einer Zeit, in der wir unser Leben selber gestalten können, und kein anderer Mensch hat das Recht, einen dafür zu verletzen“, schreibt etwa eine Userin. „{…} In einem muss ich Dich berichtigen. Es liegt nicht daran, wer oder was Du bist. Du bist ein super toller Mensch. Sondern oftmals an dem, was der Täter nicht sein darf oder sich nicht traut oder erlaubt zu sein! {…} Sei weiterhin mutig und stolz, Du zu sein!“ „Von dieser positiven Resonanz war ich ehrlich gesagt überwältigt“, sagt Becker. Sie habe ihn aber auch sehr gefreut.
Einen Tag später wandte sich der 23-Jährige deshalb nochmals an seine Facebook-Community und schrieb unter anderem: „Für mich ist es definitiv keine Option, Partys, Feste oder ähnliche Veranstaltungen zu meiden, nur aus Angst, dass so etwas wieder passieren könnte. Und trotzdem bleibt diese Angst im Hinterkopf. Sie ist da, leise aber präsent. Alles, wovon ich hier schreibe, hatte ein eindeutig homophobes Motiv. {…} Ist es normal, dass ich seit Jahren darüber nachdenke, wo ich hingehen kann und wo nicht, aus Angst vor Diskriminierung? Ist es normal, dass ich mich frage, ob ich heute zu schwul aussehe? Ob ich Schmuck tragen kann oder lieber nicht? Ob ich meine Lieblingsfarbe Pink anziehen möchte oder darauf verzichte, um dummen Blicken und abwertenden Kommentaren zu entgehen? Diese Gedanken begleiten mich fast täglich. Und das alles nur, weil ich so bin, wie ich nun mal bin – genau wie jeder andere Mensch auch. Mein Ziel ist es auf keinen Fall, ständig das Wort schwul in den Vordergrund zu stellen. Mir macht es selbst keinen Spaß, mich immer und überall erklären oder rechtfertigen zu müssen. Ich möchte nicht erklären müssen, warum ich so bin, wie ich bin. Ich wurde einfach so geboren. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Auch wenn ich mir manchmal wünsche, normal zu sein, weil es einfacher wäre. Weil es fast nur Vorteile hätte. Weil ich besser in alte klassische Raster und Muster passen würde. Doch selbst im Jahr 2026 gibt es noch einen riesigen Berg an Aufklärungsarbeit zu leisten. Damit all das irgendwann endlich ein Ende hat. Damit wir eines Tages, wenn wir alt und schrumpelig sind, zurückblicken und nur noch den Kopf schütteln müssen, weil dieser ganze Scheiß endlich vorbei ist.“ Jan Becker hofft, dass er dazu etwas beitragen kann, weil er seine Geschichte erzählt und den Vorfall öffentlich gemacht hat, anstatt zu schweigen.*Name von der Redaktion geändert
Sabrina PetersDer 23-jährige Xantener (hier wird lediglich ein Symbolfoto gezeigt) möchte sich nicht wegen seiner Homosexualität verstecken müssen. Symbolfoto: Freepik
Redakteurin in Xanten, Kalkar, Rheinberg und Alpen sowie Büderich und Ginderich