"Stefanie Winde, neue Ehrenamtskoordinatorin in Emmerich, lächelndes Porträt - Foto von Gerhard Seybert"
23. Oktober 2026 · Michael Bühs · Emmerich

„Wir dürfen das Ehrenamt nicht verheizen“: Was Emmerichs neue Koordinatorin fordert

Stefanie Winde will freiwilliges Engagement in Emmerich stärken. Im NN-Interview erklärt sie, warum Ehrenamt professionelle Unterstützung braucht und welche Rolle Politik und Kommunen dabei spielen.

EMMERICH. Ehrenamtliches Engagement ist eine wichtige Säule auch in Emmerich. Viele Menschen bringen sich bereits auf ganz unterschiedliche Weise ein – in Gruppen und Verbänden, bei Veranstaltungen, in sozialen Projekten und ganz persönlich für andere Menschen. Mit Stefanie Winde hat die Kirchengemeinde St. Christophorus/St. Johannes der Täufer zum 1. Oktober nun eine neue Ehrenamtskoordinatorin. Im NN-Interview spricht sie über ihre neue Aufgabe, über Ziele und die Bedeutung des Ehrenamtes.

Frau Winde, haben Sie sich bereits eingelebt als neue Ehrenamtskoordinatorin in Emmerich?

Stefanie Winde: Auf jeden Fall. Ich lebe seit 2021 mit meinem Partner in Hüthum, daher ist mir Emmerich natürlich vertraut. Mit der neuen Tätigkeit habe ich aber das Gefühl, die Stadt noch mal intensiver und ganz neu zu entdecken. Als Ehrenamtskoordinatorin bin ich sehr schnell angekommen und auch wahnsinnig herzlich begrüßt worden, sowohl von den Hauptamtlichen, von Netzwerkpartnern, aber eben auch von den Ehrenamtlichen. Sie haben in den vergangenen drei Monate in der „Bake“ die Fahne wirklich hochgehalten.

Was stand bei Ihnen bislang auf dem Programm?

Winde: Ich habe bereits viele Freiwillige, also Ehrenamtliche, kennengelernt, dazu Netzwerkpartner und Gremien. Mit den nächsten Terminen möchte ich die Einrichtungen hier in Emmerich und die Initiativen sowie die Projekte, die schon laufen, kennenlernen.

Stelle in Emmerich „auf den Leib geschrieben“

Sie haben bis Ende September die Familienbildungsstätte in Bocholt geleitet. Was hat Sie dazu bewogen, den Schritt nach Emmerich zu gehen?

Winde: Ich würde sagen, das hat mehrere Gründe. Ich habe die Familienbildungsstätte mit großer Leidenschaft geleitet und hatte dort ein tolles Team. Als ich die Stellenausschreibung aus Emmerich gesehen habe, war es natürlich der Aspekt, in der Stadt zu arbeiten, in der ich lebe. Viel wesentlicher war aber, dass ich das Gefühl hatte, die Stellenausschreibung ist mir auf den Leib geschrieben. Ehrenamt und Freiwilligkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben und auch durch meine berufliche Laufbahn. Ich habe in den Freiwilligendiensten gearbeitet, Menschen im Ehrenamt beraten und bin selbst auch in der Jugendverbandsarbeit ehrenamtlich tätig gewesen. Diese Dinge vereinen zu können in der Stadt, in der ich lebe, war einfach zu attraktiv. Da musste ich mich bewerben.

Haben Sie sich mit ihrem Vorgänger Malcolm Lichtenberger noch ausgetauscht?

Winde: Nicht vor meiner Bewerbung. Aber ich hatte die Möglichkeit und habe es mir auch nicht nehmen lassen, beim Abschiedsgottesdienst von Herrn Lichtenberger dabei zu sein und ihn am Tag danach in der „Bake“ selbst zu treffen und mich mit ihm auszutauschen. Ihn persönlich kennenzulernen war toll. Er hat auch versprochen, dass er mal auf einen Kaffee reinkommt und wir uns austauschen.

Viele Initiativen und Ehrenamtliche in Emmerich

Was hat er Ihnen denn erzählt, das sich jetzt in den ersten Wochen schon bestätigt hat rund um das Thema Ehrenamt und „Bake“ in Emmerich?

Winde: Zunächst hat er mir mal gesagt, dass es in Emmerich eine wahnsinnig hohe Zahl an Ehrenamtlichen gibt und ein hohes Engagement vorliegt – das war mir vorher nicht so bewusst. Es gibt tatsächlich sehr viele Initiativen und viele Ehrenamtliche, die gleich in mehreren Bereichen tätig sind. Dann hat er mir gesagt, dass es ein toller Arbeitsplatz ist mit ganz viel Herz, mit ganz viel Engagement und dass es sich sehr lohnt, hier tätig zu sein. Und den Eindruck habe ich aktuell auch.

"Ehrenamtskoordinatorin Stefanie Winde mit Team: Jeanette van de Locht, Matthias Lattek, Bernd de Baey, Pradeep Thankappan"

Die neue Ehrenamtskoordinatorin Stefanie Winde (vorn) mit (v. l.) Jeanette van de Locht, Matthias Lattek, Bernd de Baey und Pradeep Thankappan. Foto: Gerhard Seybert

Welche Bedeutung hat das Ehrenamt für die Gesellschaft und für die Stadt Emmerich?

Winde: Ich bin davon überzeugt, dass das Ehrenamt wichtig für die Gesellschaft ist, denn die Kommunen können mit Geld nicht mehr alle Aufgaben bezahlen – das Ehrenamt springt an vielen Stellen ein, wo es keine Träger mehr gibt. Und ich glaube auch, dass das Ehrenamt wichtig für eine Demokratie ist – wichtiger denn je vielleicht. In vielen Projekten lässt sich sehen, dass Menschen sich beteiligen, Vorschläge machen und entscheiden dürfen. Sie machen sich stark für das, was sie selbst, die Nachbarschaft oder bestimmte Bevölkerungsgruppen brauchen. Ich glaube, dass das perspektivisch immer wichtiger wird.

„Dürfen das Ehrenamt nicht verheizen“

Sehen Sie die Gefahr, dass sich Kommunen, Länder oder auch der Bund Bundespolitik auf diesem ehrenamtlichen Engagement „ausruhen“ könnten?

Winde: Ich glaube, das kann passieren, und ich hoffe, dass das Ehrenamt weder überschätzt noch das, was Ehrenamt braucht, unterschätzt wird. Soll heißen: Ehrenamt kann eine Menge leisten. Ich bin aber aufgrund meiner Erfahrung davon überzeugt, dass Ehrenamt auch immer ein Hauptamt im Hintergrund braucht. Ehrenamt braucht Unterstützung, Einarbeitung, vor allen Dingen Wertschätzung – und auch dafür braucht es Ressourcen. Jemand, der sich ehrenamtlich engagiert, sollte beispielsweise nicht dauerhaft auf seinen Fahrtkosten sitzen bleiben und gehört eben auch wertgeschätzt, fortgebildet, beraten. Ich hoffe, dass Politik und eben auch die Kommunen auf dem Schirm haben, dass es hier Ressourcen braucht: sowohl ausgebildete Personen, die Ehrenamtliche begleiten, als auch monetäre Ressourcen. Sonst sehe ich die große Gefahr, dass das Ehrenamt verheizt wird.

Wie wichtig ist es für Sie und ihre Arbeit, dass es die „Bake“ als Treffpunkt gibt – und das nicht nur für Ehrenamtliche?

Winde: Stimmt, die „Bake“ ist ausdrücklich nicht nur für Ehrenamtliche, sondern auch für Hilfesuchende und für Menschen, die beispielsweise einsam sind und einfach mal Kontakt haben wollen. Und das ist vielleicht schon die Antwort auf die Frage: Wenn ich ein Büro hätte, in dem ich berate, wäre das sicherlich ein guter Anfang. Aber ich bin davon überzeugt, dass gerade Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, die Tätigkeit des Ehrenamts oder auch den Gewinn des Ehrenamts am besten selbst vermitteln können. Und ich glaube, dass Ehrenamt häufig mit Begegnung anfängt. Auch das Ehrenamt darf im Kleinen anfangen: Das bedeutet beispielsweise, in ein Café zu kommen, in einen Raum wie die „Bake“, und von anderen Ehrenamtlichen oder auch von mir zu hören, welche Möglichkeiten es gibt, Ehrenamt auszuüben. Ich glaube, dafür sind solche Räume wichtig: damit Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, sich begegnen können und dass derjenige, der Hilfe geben will, auf denjenigen trifft, der sie braucht.

Kostenlose Fortbildungen und Schulungen

Welche Ideen und Pläne haben sie für die Zukunft der Bake und des Ehrenamtes in Emmerich?

Winde: Zunächst einmal kann mir vorstellen, gemeinsam mit den Ehrenamtlichen zu schauen, ob wir die „Bake“ noch ein bisschen gemütlicher hinbekommen – oder besser gesagt, die Gestaltung weiterentwickeln. Hier ist etwas Tolles entstanden unter Herrn Lichtenberger, und ich mag den Vintage-Charme, den das Ganze hat. Den möchte ich auch gerne beibehalten. Ein weiteres Ziel wäre ein Ehrenamtsteam – also Ehrenamt für Ehrenamt, so dass die Tür der „Bake“ möglichst lange offen ist. Und was ich persönlich ganz wichtig finde, sind kostenlose Fortbildungen und Schulungen, zum Beispiel zu Vereinsrecht, Kommunikation und Prävention.

Wie sieht es mit Ideen seitens der Ehrenamtlichen aus?

Winde: Auch die gibt es natürlich und sind sehr wichtig. So ist zum Beispiel eine junge Frau mit Migrationshintergrund zu mir in die „Bake“ gekommen, die in ihrer Heimat Kunst studiert hat und hier gerne ein Kunstprojekt für Kinder anbieten würde. Da denke ich mir: Ja, besser geht es gar nicht!

Was braucht das Ehrenamt in Emmerich aus Ihrer Sicht dringend?

Winde: Ich glaube, dass es die offizielle Anerkennung ist. In den verschiedenen Einrichtungen, etwa bei den Kollegen der Caritas, gibt es eine hohe Wertschätzung für die Ehrenamtlichen. Ich habe mich sehr gefreut, dass die Stadt Emmerich kürzlich den Heimatpreis an Emmericher Vereine vergeben hat. Das ist toll. Wünschen würde ich mir aber, dass auch die einzelne ehrenamtlich tätige Person etwas davon hat. Dies könnte zum Beispiel mit der Ehrenamtskarte funktionieren, die es aber in Emmerich leider noch nicht gibt. In vielen Städten in NRW wird diese bereits gut angenommen.

Worauf freuen Sie sich in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten am meisten – abgesehen vom kurzen Weg zur Arbeit?

Winde: Da gibt es eine Menge Dinge. Am meisten freue ich mich eigentlich darauf, die Empfänger des Ehrenamtes kennenzulernen und ihnen zu begegnen. Und den Ehrenamtlichen zu begegnen und zu hören, mit welcher Leidenschaft sie ihr Ehrenamt ausführen und wie viel Freude sie haben. Ich freue mich auch jetzt schon auf die Weihnachtsaktion „Weihnachten im Schuhkarton“. Und zu erleben, wie durch gemeinsames Engagement Menschen einen guten Tag haben, eine gute Stunde am gemeinsamen Kaffeetisch oder beim gemeinsamen Gebet hier in der „Bake“, beim gemeinsamem Singen oder Tanzen.

Kontakt zum Ehrenamt in Emmerich

Wer Fragen rund ums Ehrenamt in Emmerich hat und sich ehrenamtlich engagieren möchte, wendet sich an Ehrenamtskoordinatorin Stefanie Winde, Telefon 0175/6939808, E-Mail winde@bistum-muenster.de, und in der Begegnungscafé „Bake“, Kaßstraße 35.

Stefanie Winde ist die neue Ehrenamtskoordinatorin in Emmerich. NN-Foto: Gerhard Seybert

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