"Gruppenfoto von Agnieszka, Willi und Jeannette, aufgenommen von NN-Fotograf HF"
16. Oktober 2026 · Kranenburg

Willis leises Verschwinden

Was tun, wenn der eigene Vater dement wird?

KRANENBURG. Willi singt. Viel und gern. Wenn Willi singt, geht es weihnachtlich zu – auch jetzt im Oktober. Deutsche Weihnachtslieder, niederländische Weihnachtslieder – was ihm gerade einfällt. Willi ist 92 und wenn man ihn nach früher fragt, hat er viel zu erzählen. Willis Leben: irgendwie bunt. Irgendwie vielstationär. Er war Maurer, stieg dann auf zum Polier. Am Ende war er Kranführer. „Ich habe in 100 Metern Höhe gearbeitet“, sagt Willi und irgendwie blinkt Stolz in seinen Augen. Das Haus, in dem er lebt: Gebaut mit den eigenen Händen. Dann fragt Jeannette: „Papa, was gabˋs heute zu Mittag?“ Willis Blick: irgendwie ratlos. Jetzt erst bemerkt man, dass da einer sein Verschwinden nicht mehr bemerkt. „Leichte Demenz“, sagt Jeannette und sie sagt auch: „Ich erkenne irgendwie sofort, wenn ein älterer Mensch dement ist.“ Es sei der Blick. Der bekomme etwas irgendwie sorgenfreies. Etwas kindlich-naives. Jeannette ist Willis Tochter. Jeannette hat Humor. Humor kann helfen. „Wie schreibt man ‚Jeannette‘?“, frage ich und sie antwortet: „Zwei ‚n‘, zwei ‚t‘ – bei den Buchstaben haben meine Eltern nicht gespart.“ Jeannette ist Bänkerin und sie ist – dieser Eindruck entsteht schon in den ersten Augenblicken – voll geerdet.

2011 bekam Jeannettes Mutter Demenz und starb fünf Jahre später. „Meine Mutter war am Ende ziemlich aggressiv.“ Willi ist anders. „Mein Papa“, sagt Jeannette, „ist ein Herzensmensch.“ Das hat sich vererbt. Jeannettes Philosophie: „Wenn du morgens aufstehst, kannst du dich entscheiden, wie du mit dem Tag umgehen möchtest. Wir haben nur ein Leben und das sollten wir schätzen.“ Man denkt nach über diese Worte. Man sitzt in Willis Wohnzimmer, hört seine Geschichte und die seiner Frau. Alles könnte sich schwarz und traurig anfühlen, denkt man. „Ist Ihnen Ihr Leben abhanden gekommen?“, frage ich Jeannette. Vielleicht war das anfangs so. „Das war nicht leicht.“ Jetzt ist es besser. Einer der Gründe dafür: Agnieszka. Die 46-jährige Polin betreut Willi seit nunmehr fünf Jahren. Agnieszka ist das, was man eine gute Seele nennen würde. Willi – das merkt man gleich – vertraut Agnieszka. „Bei meinem Vater geht alles übers Herz“, sagt Jeannette. „Sie glauben nicht, welchen Wert ein Lächeln hat“, sagt sie auch. Wenn Agnieszka mit Willi spricht, dann ist das weit mehr als eine Kombination von Worten. Da schwingt Herzlichkeit: in der Sprache; in den Gesten. Es wirkt, als würden sich Agnieszka und Willi seit Jahrzehnten kennen.

Und Jeannette? Die Zeit der „emotionalen Müdigkeit“ liegt hinter ihr. „Ich habe in mein Leben zurückgefunden und das liegt vor allem an Agnieszka.“ Nicht nur Willi vertraut ihr. Zweimal in der Woche wird Willi in die Tagespflege geholt. „Das bringt ihm Ablenkung. Er kommt unter Menschen. Das ist wichtig.“ Normalerweise sitzt Willi im Rollstuhl. Heute liegt er im Bett: Probleme mit der Verdauung. Willi kämpft viele Kämpfe. Da ist die Demenz, da war der Prostatakrebs und da ist das Asthma. All das merkt man nicht. Willi wirkt glücklich – so glücklich einer sein kann in seiner Situation.

Er lebt noch immer in dem Haus, der er mit eigenen Händen gebaut hat. Jeannette findet das wichtig. Aber: Der Kampf um die Selbstständigkeit ist schwer. Mittlerweile ist das Obergeschoss des Hauses vermietet. „Sonst würde es finanziell gar nicht gehen“, sagt Jeannette. Sie wohnt am anderen Ende des Dorfes. „Ich bin nicht jeden Tag hier“, sagt sie, „aber das geht nur mit Agnieszka. Ohne sie würde es nicht funktionieren.“ Die schlimmste Zeit im Jahr: Agnieszkas Urlaub. Zweimal im Jahr sechs Wochen. Dann schickt „Pro Medica 24“ Vertretungen. „Und man weiß vorher nie, wer kommt“, sagt Jeannette. Agnieszka und Willi – ein sturmerprobtes Team. Wenn das Wetter mitspielt, schiebt Agnieszka Willi durchs Dorf. „Es gibt Menschen, die möchten ins Heim. Für meinen Papa ist es wichtig, dass er zuhause ist – in seiner gewohnten Umgebung.“

Während wir uns unterhalten, stimmt Willi das eine oder andere Lied an. „Musik geht immer“, sagt Jeannette. Was rät Jeannette „Kindern“, die merken, dass ihre Eltern dement werden (man bleibt ja für die Eltern irgendwie immer das Kind)? „Ich denke, es ist wichtig, früh genug über die Dinge zu sprechen und herauszufinden, wie die Wünsche aussehen. Es ist auch wichtig, die Pflege den Profis zu überlassen, um selbst Zeit für das eigene Leben zu haben.“ Jeannette hat das anfangs nicht so gemacht. Ihre Gesundheit hat gelitten. Sie hat dazugelernt. „Wichtig ist, sich beizeiten Hilfe zu holen. Da kommt niemand und sagt dir, wie es geht – wie man Dinge beantragt und all das.“

Egal, ob sie nun jeden Tag zu Willi kommt oder nicht - „Papa ist der liebste Mensch ever“, sagt Jeannette und Agnieszka steuert ein Lächeln bei – es ist eben dieses Lächeln, das so wichtig ist; das Vertrauen schafft und Sicherheit.

„Machen wir noch ein Foto?“, frage ich. „Klar.“ Und Willi sagtfragt: „Das kommt in die Zeitung,oder?“ Klar doch.

Agnieszka, Willi und Jeannette. NN-Foto: HF

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