„Was wollt ihr? Was ihr wollt!“
Am Freitag, Samstag und Sonntag spielt das Theater im Fluss in Kleve einen Shakespeare-Klassiker
KLEVE. Klar: Man kann den Sonntag verchillen – einfach mal nix tun, ausschlafen und es dann ruhig angehen lassen. Oder: Man verbringt den Tag mit einer Theaterprobe. Frühstück um 9, Probe um 10, Ende um 17 Uhr ...
Als Yannis van Soest seine Theatergruppe im Anschluss an die letzte Produktion fragte: „Was wollt ihr als Nächstes?“, war die Antwort: „Was ihr wollt.“ Okay – es war nicht ganz so. Van Soest wollte wissen: „Soll‘s was Modernes sein oder lieber was Klassisches?“ Die Truppe wollte es klassisch: Nicht im epochenreinen Sinn – da kämen dann eher Goethe und Konsorten ins Spiel. Die Wahl fiel auf den alten Engländer aus Stratford-upon-Avon.
Im Frühjahr 2024 begann die Truppe mit den Proben für „Was ihr wollt“. Jetzt sind es nur noch ein paar Tage bis zur (ausverkauften) Premiere am Freitag. „Aber“, sagt Regisseur van Soest, „für die beiden Aufführungen am Samstag und Sonntag (18. Januar, 20 Uhr und 19. Januar, 18 Uhr) sind noch Karten zu haben. Interessenten sollten allerdings nicht auf die Abendkasse hoffen. Da dürfte es – für den Samstag sind noch 20, für den Sonntag noch 30 Karten – eher eng bis unmöglich werden.
Zurück zur Probe. „Spielt ihr das komplette Stück?“ Van Soest: „Fast. Ich habe schon ein paar Dinge gekürzt. Von den 60 Seiten des Stückes sind jetzt noch 40 geblieben.“ 60 Seiten – das klingt nach gar nicht mal viel. „Das täuscht“, erklärt van Soest. „Für eine Seite braucht man drei bis fünf Minuten. Bei uns dauert das Stück...“, van Soest überlegt einen Moment und fährt fort: „... ich schätze irgendwas um die Zweieinviertelstunden, aber genau weiß ich das erst heute Abend.“ Die erste Szene wird geprobt und das Wort „Theaterdonner“ wird zur Bühnenwirklichkeit. Ja – beim Theater wird ja das „Als-Ob“ zur Theatergegenwart und im besten aller Fälle kommt beim Zuschauen die Welt abhanden. Auf der Bühne also: Unwetter, Nebel, eine Positionsleuchte: Unheil ohne Worte. Van Soest gibt Anweisungen zu den Bewegungen. Regie – das ist in erster Linie Überblickswahrung. Regie ist auch Hilfestellung beim Ausgestalten der Rollen. Mitunter gibt es kleine Tricks, um potenzielle Verkrampfungen zu brechen. Van Soest: „Ich frage schon mal: Wenn deine Rolle ein Tier wäre – welches wäre es dann?“ Wird die Rolle anschließend aus dieser Mischperspektive angegangen, entstehen neue Schattierungen. Dinge lockern sich. Nach dem Schiffbruch beginnt der Textteil: Sprache aus einer untergegangenen Welt. Es wird nicht gleich klar, was Sache ist. „Das Stück ist ja eigentlich eine Komödie“, sagt van Soest. Heute würde man vielleicht von „Boulevard-Theater“ sprechen. Shakespeare als Boulevardist? Also bitte. Immerhin: Die Sache mit dem Boulevard stammt ja nicht vom Regisseur, sondern vom Autor dieser Zeilen. Auf der Bühne werden derweil die Spuren verlegt, die es für das sich entwickelnde Liebesdreieck (das stammt vom Regisseur) braucht. Nach den ersten zehn Minuten denkt der Rezensent: Ganz schön wirr. Irrungen und Wirrungen. Nein – das geht jetzt gar nicht: Das wäre ja Fontane.
Es stellt sich heraus: Nicht das komplette Ensemble ist anwesend. „Kann mal eben jemand für den Soundso einspringen“, ruft van Soest, als auf das entsprechende Stichwort kein Auftritt folgt. Probenwirklichkeit.
Für die Umbauten hat van Soest französische Chansons ausgesucht: Die regnen aus den Lautsprechern. „Umbau ohne alles – das wäre irgendwie nicht gut“, sagt Yannis van Soest. Und er sagt auch: „Französische Chansons aus den 60ern passen für mich irgendwie gut zum Thema Liebe.“ Bei einer Probe merkt man, wie wichtig es ist, dass die einzelnen Gewerke des Theaters sich synchronisieren. Für die Technik zuständig: Lucas Hans. Technik ist nicht – wie bei einem großen Haus – multipel aufgeteilt. Lucas Hans ist für den Ton, das Licht und eben alles zuständig, was nicht integraler Bestandteil der „Theaterpartitur“ ist. Wenn eine Aufführung perfekt funktioniert, nimmt man das „Beiwerk“ nicht wahr, weil alles in die Inszenierung einfließt – eine irgendwie untrennbare Einheit wird.
Jetzt – während der Probe – geht es um Bewegungsabläufe, Timing – das großdramaturgische Ganze. Jetzt ist Zeit für Korrekturen. So sitzt Yannis van Soest mit dem Textbuch in der ersten Reihe – gibt zwischendurch Anweisungen, lässt Dinge wiederholen – sorgt für den ausgeglichenen Pegel des Dramaturgischen. Um 17 Uhr wird das meiste endgültig feststehen und ab Freitag wird das Ergebnis von fast einem Jahr Arbeit präsentiert: Was ihr wollt. Karten gibt es beim Theater im Fluss unter Telefon 02821/ 979379 oder unter thea.fluss@t-online.de.
Lucas Hans ist für die Technik zuständig. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
Yannis van Soest ist Regisseur des Stücks. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
Ab Freitag wird das Ergebnis von fast einem Jahr Arbeit präsentiert: Was ihr wollt. NN-Foto: Rüdiger Dehnen