Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.OKWeitere InformationenCookies Auflistung
Szenenprobe für das neue Stück bei mini-art. Premiere ist am 14. März. NN-Foto: HF
27. Februar 2026 · Heiner Frost · Bedburg-Hau

Vergangenheitsdemaskierung

Premiere bei mini-art: „Ein anderes Leben hätt‘ ich mir gewünscht“

BEDBURG-HAU. Irgendwie ist es still im Auge des Orkans: totenstill. Man sitzt und starrt und hört und denkt. Crischa Ohler, Sjef van der Linden und Rinus Knobel proben ihr neues Stück: „Ein anderes Leben hätt‘ ich mir gewünscht“. Premiere wird am Samstag, 14, März sein. Jetzt – vorab für die Presse: zehn Minuten aus der Produktion.

Mini-Art – daran hat man sich gewöhnt – ist nicht die Adresse für Wohlfühltheater. Hier greifen sie nach deinem Hirn. Das neue Stück: eine Zeitenverwirbelung aus „Vergangenwart – Gegenheit“. Auf dem Programmzettel steht: Eine dramatische Begegnung, ein Flashback im Hier und Jetzt, ein Ringen um Schuld und Vergebung.

Aus dem Halbdunkel des Theaters, das auch ein Halbdunkel der Geschichte ist, tauchen zwei Personen auf und man begreift schnell: Es geht um Abrechnung. Da ist der Mann, der – ein bisschen denkt man an Hannibal Lecter – mit Sturmhaube im Rollstuhl sitzt und ... schweigt. Und da ist die Frau, die zur Anklage anhebt. Hinter den beiden: eine Leinwand, auf der aus den anfänglichen Lichtnebelpunkten ein Foto entsteht. Es ist das Fotos des Gerichtssaals in Nürnberg, in dem damals abgerechnet wurde mit einem Regime und seinen Schergen. Es geht um die Vergangenheit des Mannes im Rollstuhl, der später aus seinem Schweigen aus- und zu einer Lebensrechtfertigung aufbricht.

Es geht um ein Regime, das damals an die Macht gewählt wurde und zum allesfressenden Geschwür wurde. Schnell lösen sich Grenzen auf. Das Einst wird zum Jetzt. Die Frage taucht auf: Wie sich verhalten? Wohin schrumpft der eigene innere Widerstand? Was tun? Was denken? Wie handeln? Es geht um die großen Despoten und ihre Diener, die morgens mit der Familie frühstückten und anschließend zum Töten ausrückten – ganz so, als gäbe es keine Trennlinie.

Man wird zum Zeugen bei der Erfindung des Bösen. Es geht darum, wer das Recht zur Anklage hat und was Verteidigung bedeutet. Ja – all das hat man in zig Dokumentationen nacherlebt, aber auf dem Theater entsteht eine andere Wirklichkeit. Man  kann nicht mal eben wegzappen. Es entsteht eine Wirklichkeit, die keinen Rückzug erlaubt, denn man wird Teil einer realen Fiktion. Ohler, van der Linden und Knobel beherrschen die Grenzverschiebung. Sie werfen Köder aus – man schnappt nach ihnen und begreift: Es bringt nichts, das Verhängnis nur im Gegenüber zu suchen, denn schweigend ist man selber Teil davon.

Man wird Zeuge einer nachträglichen Fiktionslitanei. Man hört die tausendmalgehörte Frage der Täter: „Was hätte ich den tun sollen?“ Man merkt, wie sich einer wegwünscht aus der eigenen Vergangenheit und in einem gesäuberten Leben wieder auftauchen möchte. Man spürt das eigene Ringen um die Identifikation von Richtig und Falsch und mit jeder Sekunde, die das Stück sich weiter ins eigene Hirn frisst, wächst die Gewissheit, dass es nicht die eine Antwort gibt. Das Stück: herz- und hirnzerreißend.

Die Gegenwart wird zur Absurdität. Das Wandern zwischen dem, was war, dem, was ist und dem, was sein wird, gerät zur Irrfahrt. Ja – da ist dieser innere Kompass des moralisch Guten, aber zwischendurch mussmöchte man das eigene Leben weiterleben ohne in einen Dauertränennebel gehüllt zu sein. Man möchte wegschauen und sich in den Traum von der heilen Welt zurückziehen.

„Ein anderes Leben hätt‘ ich mir gewünscht“ ist großes Theater der schreienden Stille. Es ist Anklageverteidigungsdialog auf der Innenseite der Gedanken. Es ist ein Appell an das eigene Verhalten.

Zwischendurch werden Szenen mit Musik unterlegt und man denkt: Es hätte die Töne nicht gebraucht. Sie entkräften die Kompromisslosigkeit des Erkennens. Und dann denkt man: Vielleicht wäre all das ohne die Töne nicht aushaltbar. Vielleicht muss man nach einem solchen Stück in die Selbstwaschanlage. Die Lehre: Man kann nicht nicht kommunizieren bei der Demaskierung des Vergangenen, die auch die Demaskierung des Gegenwärtigen ist. Und noch etwas. Der Satz „Alles nur Theater“ wäre – dächte man so – ein Aufbruch in den Selbstbetrug.

Szenenprobe für das neue Stück bei mini-art. Premiere ist am 14. März. NN-Foto: HF

Prospekte
weitere Artikel