„Tür zu, Licht anlassen!“
Ab Sonntag sind die Ergebnisse des Turmstipendiums 2026 zu sehen
GELDERN. Auf der Rückfahrt tun sich Gesehenes und Momentanes zusammen – schließen Freundschaft; treten in einen Dialog ein und Kilometer um Kilometer tropfen Worte ins Hirn. Text entsteht: „Auf der Rückfahrt ...“
Im Autoradio: ein Feature über den Niedergang der Warenhäuser. Im Turm – zehn Minuten früher – Schrift auf einer (Plexi)Glasplatte; senkrecht zur Blickrichung am Aufgang zum Turmtreppenhaus: Schwarzer Filz auf schimmrigspiegelnder Durchsichtigkeit: „Das habe ich gut gemacht“. Birgit Pardun hat’s geschrieben. Am Straßenrand stehen Sonnenblumen Spalier. Im Turm – gerade eben noch: Naturszenen. Blumen, Grünzeug, Aromen im Nebel. Ilka Sultens Welt: eine Täuschung. Und dann auch wieder nicht. Es ist der Versuch das Wunderbare abzubilden. Zerbrechlichkeit wird deutlich.
Auf der Autobahn: ein Lastwagen mit Schlachtvieh. Tiere auf dem Weg ins Nichts. Es treibt den Kopf zurück in den Turm, der kein Elfenbeinturm ist, sondern ein Dialogturm. Zwei Künstlerinnen haben gearbeitet, arbeiten auch jetzt. Bis zur Eröffnung ist es noch Zeit. Erlebenszeit. Realitätstransformationszeit. Fünf Tage bis zum Finale, das ein Endpunkt ist, aber nicht das Ende. Es wird kein Finale furioso. Wohldosiert. Wohldurchdacht. Wohldurchlebt. Leiseschön.
Im Turm: rettende Stille. Da ist eine, die Natur nachbaut und eine, die – ganz oben unterm Wasserturmdach – sich mit den Wänden unterhält. Aussage und Gegebenheit werden irgendwie eins. Ununterscheidbar für den schnellen Blick. Kunst und Welt in einer stillen Umarmung.
Eine der Arbeiten von Birgit Pardun. Foto: HF
Zu sehen ist, was der Turm aus den Stipendiatinnen gemacht hat und: Was die Stipendiatinnen aus dem Turm gemacht haben. Seit dem 3. August waren sie vor Ort, haben gearbeitet, gedacht, gefühlt, gespiegelt, agiert, reagiert. Das Leben zieht weiter. Die Kunst: eine Spur.
Längst ist das Autoradio in die Stille gezwungen. Was bleibt: das Geräusch des Motors; die vorbeiziehende Landschaft; die Melange aus Gerade und Jetzt. In Gedanken: nochmaliges Treppensteigen. Die Ebenen fließen ineinander. Aus Etagen werden Denkgelände. Das Gedachte – zuerst unsagbar – verfestigt sich zu Gedanken. Das Gedachte: ein Echo des Gesehenen. Kunst als Kopie der Welt. Und: die Welt als Kopie der Kunst. Grenzverwischungen. Das Denken: ein Geräusch. Das Sehen: ein Mosaik. Am Ende ist nichts mehr vom Nichts zu trennen. Eindruck entsteht. Ein Druck. Der Turm hüpft ins Hirn.
Umhimmelswillen: Was für ein Text ist das? Wer soll etwas damit anfangen? Man kann Kunst beschreiben, aber oft wird Beschreibung zur Beschädigung. Kunst braucht Reaktion. Alles löst sich auf im Subjektiven. Es geht um Gegenüberstellung. Seher und Gesehenes im Zweikampf. Nein: Kampf ist nicht das Wort. Dialog klingt zu gebraucht. Können Worte auf Bilder reagieren? Ja. Der Umweg führt übers Hirn. Und übers Herz. Die Rückfahrt. Nachdenken. Zusammendenken. Auseinanderdenken. Gesehenes und Momentanes begegnen sich. Ein Text entsteht ...
Beim Hinausgehen aus dem Turm ein Spruch am Ausgang. Ein Lukas hat ihn geschrieben: „Tür zu, Licht anlassen.“ Beim Verlassen des Turms ein Spruch auf am Ausgang: „Tür zu, Licht anlassen.“
Die Ausstellung zum Turmstipendium 2026 wird am Sonntag, 30. August, um 14 Uhr eröffnet und ist danach bis zum 13. September, jeweils samstags und sonntags zwischen 12 und 17 Uhr zu sehen.