"Gruppe von Sängern besucht Bildhauer Christoph Wilmsen-Wiegmann im Atelierhof Appeldorn"
23. Juli 2026 Von NN-Online · Kleve

„Steine und Musik passen wunderbar zusammen“

Sänger nutzten die Sommerpause für einen inspirierenden Atelierbesuch in Appeldorn

KLEVE. In der Sommerpause bietet die Städtische Singgemeinde Kleve ihren Mitgliedern und Familien Angebote an, die gerne gemeinsam mit Kulturschaffenden in Kleve und am Niederrhein gestaltet werden. So besuchten 20 Sängerinnen und Sänger am ersten probenfreien Montag den Bildhauer Christoph Wilmsen-Wiegmann auf dem Atelierhof in Appeldorn.

Schon die Zufahrt über Schotterwege, gesäumt von Bäumen, Steinkreisen und Stelen des Künstlers, inmitten der Felderlandschaft an der Hohen Ley, stimmte die Teilnehmer auf eine besondere Begegnung an diesem Abend ein. Ehe man das Atelier betrat, betrachtete man die ersten Skulpturen und Rohblöcke im Außenbereich, sowie eine 300 Meter lange Sichtachse im Maisfeld. Christoph Wilmsen-Wiegmann berichtete sodann über seine Lebensdaten, Projekte und Ausstellungen und warum er sich entschloss, Steinbildhauer zu werden.

Er ist 1956 in Kalkar am Niederrhein geboren. Auf der Suche nach der Kulturgeschichte der Steine, besuchte er Steinbrüche und Kultbauten in Europa, Mexiko, Guatemala, Nordafrika und im Nahen Osten. 1976 gründete Christoph Wilmsen-Wiegmann sein erstes Atelier. Auf der Basis eines Archäologiepraktikums, Zivildienstes, einer Ausbildung, eines Gaststudiums und einer Wanderschaft mit Stationen in Xanten, Krefeld, Düsseldorf, Bad Münster am Stein, Carrara und Pompeji (1976 bis 1983) entstanden erste Kleinskulpturen und Säulenformen durch gebundenes Stroh, geschälte Holzstämme, gewachsene Hartbasaltsäulen. Sein skulpturales Schaffen umfasst bis heute vielfältige Themen, wie Baumkreise, Steinkreise, Steinspiralen, Erdkrusten, Baumreihungen, Steinreihungen, Steinbilder, Fokussteine, Steinzeichen, Disken, Kuben, Steintore, Lichtsteine, Quellsteine, Steingrate, Bewegungen, Steindrucke, Salz und Stein, Kristallstrukturen, Sicht-Achsen, Linien und Bänder in der Landschaft.

In einem Katalog „Bilder und Skulpturen aus Stein“ aus dem Jahr 1993 schreibt Franz Joseph van der Grinten, „Saxa loquuntur; seit Alters weiß man es: die Steine sprechen. Sie raunen, sie erzählen; für Sage und Geschichte scheinen sie unsere vertrauenswürdigen Zeugen, alles gründet auf ihnen, und ihre Dauerhaftigkeit lässt, was auch immer geschieht, episodisch erscheinen; kaum etwas aber, das nicht auf ihnen seine Spur hinterließe, der Mensch als letzter und am nachdrücklichen der Bildhauer.“

Der Stein verkörpert Festigkeit und Dauer. Er vertritt das Erste und Älteste, er setzt den Anfang der Schöpfung. Den unbearbeiteten Stein aus seinem natürlichen Zusammenhang herauslösen, ihn meditieren, fantasieren, bearbeiten, deuten und der Landschaft zurückschenken ist die Kunst des Bildhauers. Steine sind Sinnbilder des Menschen. Sie zeigen Symbole, Zeichen, Chiffren, Ideen, Bilder und schriftartige Formen. Sie sind Landschaften, die die Entstehungsgeschichte der Erde in Stein gezeichnet haben. Steine sind Wirklichkeit, tief menschlich und führen hin auf das Ganzheitliche. Steine reden, sie erfassen Ungesehenes und Wesenhaftes. Steine haben ein lyrisches und erzählendes Moment. Steine sind Symbole für Wagnis und Erinnerung. Sie offenbaren Geheimnisse und Lebenslinien. Gemeinschaft. Die Bildhauerei entsteht nicht aus einem gesellschaftlichen Auftrag, sondern für eine menschliche Gemeinschaft.

Christoph Wilmsen-Wiegmann ist im öffentlichen Raum, auch am Niederrhein, gegenwärtig. Bekannt sind Arbeiten wie das Nibelungentor in Xanten, das Steinzeichen im Dominikaner Bongert in Kalkar, die Steinsichel auf der Bundesstraße in Moyland, das Steinboot in Kalkar-Grieth oder das Steintor in Hoch Elten. Im Atelier werden die sorgsam geordneten Werkzeuge sichtbar, ebenso die strukturierten Arbeitsabläufe und die großen und kleinen Steinvolumina aus Granit, Marmor und Basalt. Er erzählt: Nur im Dialog mit den Steinen wandele sich die bildhauerische Arbeit zu einer Übung der Demut, des Schweigens und Verzichtens. Nicht sein Wille geschehe, sondern es sei ein geführt werden, geformt werden und gebildet werden. Steinbildhauerei ist nicht Hinzufügen, sondern Eindringen, Schaffen durch die Kraft des Wegnehmens des Überflüssigen, das am Sehen und Fühlen hindert, um zum Geist und zur Seele der Dinge vorzudringen.

Besonders eindrucksvoll und berührend waren auch die Berichte von Christoph Wilsem-Wiegmann über die Boden-Skulptur Buchenwald und seinen Reisen zu 50 Konzentrations- und Vernichtungslagern. Folgerichtig ist die Begeisterung des Künstlers über das Engagement der Schüler der Gesamtschule am Forstgarten groß. Sie haben nicht nur die Gedenkstätten in Auschwitz besucht, sondern ihre Erlebnisse in einem gemeinsamen Werk mit einer Vielzahl von unterschiedlich gestalteten Koffern, als Beitrag für das Friedens- und Gedenkkonzert 2024 in Kleve, nachdrücklich zum Ausdruck gebracht.

„Steine und Musik passen wunderbar zusammen“, befand die Städtische Singgemeinde Kleve und freut sich über alle Optionen zur weiteren Zusammenarbeit mit Christoph Wilmsen-Wiegmann und mit Künstlern aus Kleve und am Niederrhein für eine kreative Kulturarbeit in Kleve.

20 Sängerinnen und Sänger besuchten am ersten probenfreien Montag den Bildhauer Christoph Wilmsen-Wiegmann auf dem Atelierhof in Appeldorn. Foto: Städtische Singgemeinde

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