„Stadtluft macht frei“
Ausstellungseröffnung: Wie der Niederrhein zur Städtelandschaft wurde
Der Ausspruch „Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“ verweist auf einen zentralen mittelalterlichen Rechtsbrauch: Unfreie, die ein Jahr und einen Tag ununterbrochen in einer Stadt lebten, konnten sich der Abhängigkeit von ihren Grundherren entziehen und einen neuen rechtlichen Status erlangen. Städte wurden so zu Räumen relativer Freiheit und rechtlicher Selbstständigkeit – zugleich entwickelten sie sich zu wirtschaftlichen und kulturellen Zentren mit wachsender politischer Eigenständigkeit.
Die Verleihung von Stadtrechten durch die Landesherren bildete seit dem 13. Jahrhundert die Grundlage städtischer Selbstverwaltung. Am Niederrhein statteten die Grafen von Geldern aufstrebende Orte mit Privilegien wie Markt- und Zollfreiheit sowie dem Recht zur Errichtung von Stadtmauern aus. Diese Vergünstigungen zogen Kaufleute und Handwerker an und förderten die wirtschaftliche Dynamik der Städte. Aus unterschiedlichen Berufsgruppen formierte sich allmählich ein selbstbewusstes Bürgertum: Handwerker wie Weber, Schmiede und Maurer, Kaufleute und Geldwechsler sowie Schreiber, Notare und Barbiere prägten das städtische Wirtschafts- und Sozialgefüge und den Dienstleistungssektor.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Grafschaft Geldern unter der Regentschaft Ottos II., auch der „Städtegründer“ genannt. Er regierte von 1229 bis zu seinem Tod im Jahr 1271. Sein Augenmerk galt vor allem dem inneren Ausbau seines Herrschaftsgebietes. Im Rahmen seiner Städtepolitik verlieh er zahlreichen Orten Stadtrechte: Geldern, Goch, Roermond, Harderwijk, Grave, Emmerich, Arnheim, Doetinchem, Doesburg und Wageningen verdanken ihm ihre Stadterhebung oder maßgebliche Privilegien. Auf diese Weise entstand ein dichtes Netz urbaner Zentren mit Markt-, Zoll- und Befestigungsrechten. Als wirtschaftliche Knotenpunkte stärkten sie zugleich Ottos landesherrliche Position gegenüber Adel und Kirche. Nicht zuletzt diese Städtepolitik ließ den Grafen von Geldern in den Rang der führenden weltlichen Reichsfürsten aufsteigen und bereitete den Boden für die spätere Erhebung Gelderns zum Herzogtum.
Handel und Hanse
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem überregionalen Handel im Kaufmanns- und Städtenetzwerk der Hanse, zu dem im Spätmittelalter in dieser Region Venlo, Wesel, Emmerich, Kalkar, Nimwegen, Roermond und Arnheim gehörten. Kleinere Städte wie Geldern profitierten davon: Als „Beistädte“ konnten ihre Kaufleute meist die Handelsprivilegien der offiziellen Hansestädte nutzen und sich inoffiziell bei Bedarf auf Versammlungen, den Tagfahrten oder Hansetagen, vertreten lassen. Insbesondere der Handel mit Tuch waren aus Wolle oder Leinen spielte in den niederrheinischen Städten eine große Rolle.
Die Entstehung der Stadtgemeinde schuf auch für Frauen neue Möglichkeiten. Frauen besaßen zwar meist keine politischen Rechte, waren aber wirtschaftlich zum Beispiel im Handwerk und sozial aktiv. Einen eigenen Berufsabschluss konnten sie jedoch nicht erwerben. Dennoch war es wohlhabenden Frauen möglich, besonderen Einfluss auszuüben, sich in der Armenfürsorge zu engagieren oder beim Eintritt in ein städtisches Kloster ihr Vermögen einzubringen. Auch die Beginenbewegung wird thematisiert.
Die Ausstellung veranschaulicht das Thema anhand zahlreicher historischer Zeugnisse. Gezeigt werden Drucke und Kupferstiche, die mittelalterliche Architektur und Stadtplanung dokumentieren, sowie numismatische, kartografische, literarische und dokumentarische Quellen, die das Bild einer lebendigen, selbstbewussten Städtelandschaft am Niederrhein abrunden.
Öffnungszeiten sind donnerstags und freitags sowie sonntags am 15. März, 26. April, 3 und 24. Mai jeweils von 11 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung läuft bis zum 30. Mai.
Führungen werden an den genannten Sonntagen jeweils um 12 Uhr angeboten. Weitere Führungen auf Anfrage.
Zum Begleitprogramm: Am Freitag, 27. März, und Samstag, 28. März, findet ein öffentliches Kolloquium „Macht und Territorium. Die Grafschaften Geldern und Kleve als regionale Herrschaftsräume“ statt. Anmeldung unter schindler@haus-ingenray.de.
Am Montag, 13. April, um 18 Uhr lädt Gerd Halmanns zum Bildvortrag „Gelre-Geldern-Gelderland. Einführung in die Geschichte von Grafschaft und Herzogtum“ ein. Der Vortrag beleuchtet die Entwicklung des Gelderlandes vom sagenhaften Drachenkampf über die Grafschaft und das Herzogtum hin zu den Nachwirkungen in spanischer, niederländischer und preußischer Zeit bis circa 1800. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.