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Dr. Wolfgang Beyen stellt in seinem Buch Ansätze im Lernen, Mythen und Alltagsweisheiten auf den Prüfstand. NN-Foto: T. Langer
2. Februar 2026 · Thomas Langer · Kevelaer

„Sonst wird es bei Pisa und Co. nichts werden“

Dr. Wolfgang Beyen über die Probleme in der Lehrerausbildung und weitere Mythen

KEVELAER. Das Lernen und Lehren ist für Dr. Wolfgang Beyen ein Herzensthema. Genau deswegen plädiert er für eine Überarbeitung der Lehrerausbildung. Wo genau er hierbei die Probleme verortet, ist eines von mehreren Themen in seinem Buch „Eine kleine Mythologie des Lernens. Waldorfpädagogik und andere Missverständnisse.“

Als ehemaliger Lehrer und Ausbildungskoordinator am Gelderner Berufskolleg hat Dr. Wolfgang Beyen viel Erfahrung mit dem Bildungssystem. Dass es hier Probleme gibt, offenbart nicht zuletzt die seit 2000 regelmäßig erscheinende Pisa-Studie. „Damals war Deutschland schockiert über das desaströse Ergebnis“, erzählt Wolfgang Beyen. Doch verbessert habe sich seither nichts, im Gegenteil: „Die Ergebnisse waren noch nie so schlecht wie bei der letzten Erhebung in 2022.“ Die Ergebnisse des innerdeutschen Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) seien nicht hoffnungsvoller. „Hier kommt insbesondere die Lesekompetenz der Schüler sehr schlecht davon“, sagt Beyen. Eine aus seiner Sicht sinnvolle Reaktion seitens der Kultusbürokratie sei bislang jedoch ausgeblieben. Der für Beyen größte Schwachpunkt des Bildungssystems bleibe damit bestehen: die Lehrerausbildung.

Sein Lösungsansatz: Weg vom unreflektierten, überkommenen Rezeptwissen, hin zu einer Einbindung der Erkenntnisse aus der pädagogisch-psychologischen Forschung (auch Lehr-Lern-Forschung genannt). Wie Wolfgang Beyen erläutert, habe er während seiner Zeit als Referendar-Betreuer nicht einmal einen Hinweis auf entsprechende Literatur in den Unterrichtsentwürfen und Nachbesprechungen der Lehrproben der Referendare gefunden. „Es gibt schon längst viele gute Ansätze in der pädagogischen Psychologie, aber sie werden von den Seminaren in der Lehrerausbildung einfach ignoriert. Es heißt zwar immer, sie seien auf dem neuesten Stand, aber auf welchem?“, stellt Beyen in Frage.

In den Zentren für Schulpraktische Lehrerausbildung (früher Studienseminare) – sie sind verantwortlich für die Ausbildung der Referendare an den Schulen – stelle man sich offenbar stur. Eine vor über zehn Jahren angedachte engere Zusammenarbeit mit den Universitäten sei, wie er es einmal selbst erlebt habe, auf Ablehnung gestoßen. Wolfgang Beyen sieht darin eine Verteidigungsreaktion, den eigenen Kompetenzbereich gegen Eindringlinge von außen – hier die Professoren – zu schützen. Die von ihm stark kritisierte Folge: Eine „überkommene, nur auf praktischem Wissen aufbauende Lehrerausbildung. Es fehlt an fundierter theoretischer Befruchtung durch die Lehr-Lernforschung“, sagt er.

Mit diesem Problem sei Deutschland aber nicht allein. Wie Wolfgang Beyen in einem Gespräch mit einem Schweizer Bildungsexperten erfahren habe, würden auch im Nachbarland die Ergebnisse der Lehr-Lernforschung in der Lehrerausbildung ignoriert. Beyens Fazit: „Solange man die neuen Lehrer-Generationen mit dem eigenen praktischen, oft unreflektierten Wissen füttert und nicht über den Rand hinausblickt, solange wird es bei Pisa und Co. nichts werden.“

Der Lehrermangel vergrößere das Problem nur noch mehr. Besonders deshalb, weil auch pädagogisch ungebildete Menschen schnell als Quereinsteiger lehren könnten – anders als zum Beispiel in Finnland, wo es dafür ein Ausleseverfahren gebe. „Nach einem der Modelle des Lehrerausbildungsgesetzes dürfen Studierende, die nicht auf Lehramt ein Fach studiert haben, an dem es gerade mangelt, unterrichten, ohne jemals etwas über Unterrichtslehre gehört zu haben oder ein Referendariat absolviert zu haben.“ Über eine Qualifikation für den Lehrerdienst als Alternative zu einer zweijährigen Berufserfahrung kann er ebenfalls nur den Kopf schütteln: zwei Jahre Erfahrung in der Erziehung eines minderjährigen Kindes. „Als ich das gelesen habe, dachte ich: Das darf doch nicht wahr sein. Wie schlecht muss es der Lehrerausbildung in Deutschland gehen?“ Das Didaktische werde Quereinsteigern zwar nebenbei vermittelt, Beyen vergleicht diese Herangehensweise jedoch mit einem Chirurgen. „Ihm würde man doch auch nicht sagen: Operier erst mal. Wie das richtig geht, lernst du dann später.“

Noch tiefer in dieses Thema eintauchen möchte Dr. Wolfgang Beyen mit seinem nächsten Buch „Das Elend der Lehrerausbildung“. Doch was sein aktuelles Werk angeht, stellt er nicht nur die Lehrerausbildung auf den Prüfstand. Auch weitere Ansätze im Lernen, Mythen, Legenden und Alltagsweisheiten finden sich dort wieder: „Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte“ zum Beispiel, die Waldorf-Pädagogik oder die Überzeugung, dass nichts über selbstständiges Lernen geht. „Absoluter Blödsinn“, befindet Beyen bezüglich letztgenanntem. Der sogenannte handlungsorientierte Unterricht war bereits vor vielen Jahren Gegenstand seiner Doktorarbeit. Wie er ausführt, sei dieser Ansatz den Lehrern bereits in den 1980er Jahren von oben angetragen worden. „Er war eine Farce: Ich musste die Schüler immer wieder korrigieren und sie baten mich permanent um Hilfe.“ Wolfgang Beyen ist sich sicher: „Selbstständiges Lernen verlangt, dass man zunächst genau das lernt. Man braucht das Rüstzeug dafür.“ Seine Ansicht und persönliche Studie dazu seien später von anderen, größeren Studien untermauert worden.

Damit möchte er sich jedoch nicht per se gegen selbstständiges Lernen und nur für Frontalunterricht aussprechen. „Man soll auch Phasen des selbstständigen Lernens einbauen. Aber man muss die Schüler steuern.“ Statt also nur auf die Praxis zu setzen, gelte es, diese mit aktueller Theorie sinnvoll zu verzahnen.

Wer sich selbst einen Einblick in Dr. Wolfgang Beyens Arbeit verschaffen möchte: „Eine kleine Mythologie des Lernens“ (102 Seiten) gibt es online über book on demand für 7,99 Euro.

Dr. Wolfgang Beyen stellt in seinem Buch Ansätze im Lernen, Mythen und Alltagsweisheiten auf den Prüfstand. NN-Foto: T. Langer

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