Alt-Tag: "Zwei Carmen-Darstellerinnen in eleganten Kostümen auf der Bühne"
6. November 2026 · Heiner Frost · Kleve

So, jetzt wartet die Welt auf dich!

Ausstellungseröffnung in Burg Ranzow: Carmen Ribbert und die Malerei

KLEVE. Eigentlich müsste man ein Buch schreiben über diese Frau. Alles Erzählen passt nicht in einen Zeitungstext. „Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben“, sagt Carmen Ribbert und schon bei den ersten Sätzen bricht ein bisschen odenwaldische Klangfarbe ins Sprechen. Aber hier und jetzt geht es nicht um Sprache. Es müsste, wenn eine Carmen heißt, vielleicht um Musik gehen. Immerhin: Im großzügigen Raum mit dem großen Tisch, auf dem Bilder und Plakate bereit liegen, steht ein altes Sauter-Klavier.

Reporter dürfen uncharmante Frage stellen. Also los: „Wie alt sind Sie?“ Die Antwort: „18.“ Der Zusatz: „Am besten, Sie tauschen die Zahlen. Aber so klingt es doch charmanter, oder?“ Carmen Ribbert ist ein Energiebündel, ohne laut zu sein. Da macht sich von innen Schaffenskraft auf den Weg zum Gegenüber.

Es gibt so viele Geschichten

„Sprechen wir über Ihre Ausstellung“, sage ich und: „Sprechen wir über Sie.“ Der Knopf ist gedrückt und die Ribbert fängt mit dem Erzählen an – biegt immer wieder in Handlungsnebenstraßen ab – muss wieder eingefangen werden. Es gibt so viel Geschichte(n).

Ribberts erstes Leben: Industriekauffrau mit nachgelagerter Fremdsprachenkorrespondentin. Familie, zwei Kinder. Fast denkt man: irgendwie normal. Die Ribbert hat Humor. Ihren Mann habe sie geheiratet, nachdem der ihr sagte, sie sei die klügste Frau, die er kennt. Da habe sie nicht anders gekonnt.

So, jetzt wartet die Welt auf dich

Nach Abschluss des ersten Lebens (sprich: Kinder groß gezogen und aus dem Haus) die Hinwendung zur Kunst. „Das war in den 80ern“, sagt sie. „Da war ich schon in den 50ern. Für die Kunst-Akademie ein bisschen spät.“ Also schreibt sie sich an einer Kunstschule in Wattenscheid ein. „Ich glaube, es war Wattenscheid.“ (Nach dem Termin mal kurz gegoogelt: ‚Institut für Ausbildung in bildender Kunst und Kunsttherapie, heute offiziell IBKK Design und Kunstzentrum. Standort: Wattenscheid.‘ Das könnte es sein.) Die Ribbert durchläuft eine zweijährige Ausbildung – dann das Diplom. „Als ich fertig war, dachte ich: So, jetzt wartet die Welt auf dich.“

Entweder oder

Nehmen wir eine Abkürzung zur nächsten Station. 2015 stirbt Ribberts Mann. „Ich dachte: Entweder stirbst du jetzt auch, oder du startest durch.“ Man beneidet die Ribbert um einen pragmatischen Scharfsinn der Sonderklasse. Sie malt, zeichnet, tut, macht. Sie stellt aus: im Klever Rathaus, im Langenbergzentrum in Goch und dann – vor zwei Jahren – in der Burg Ranzow in Materborn.

Nach ihrem Arbeitsrhythmus gefragt, sagt sie: „Ich stehe morgens um halb vier auf. Dann brauche ich erst mal Kaffee. Danach arbeite ich dann.“ Überall im Haus: Bilder. Bilder von ihr und von ihrer Enkelin (Isa)Bella. Die ist zehn „und malt wie besessen“. Bella lebt mit ihren Eltern in Dubai. (Ein anderes Kapitel aus dem fiktiven Ribbert-Buch). Man könnte an jeder zweiten Ecke in einen neuen Erzählstrang abbiegen.

Malfieber

"Carmen Ribbert präsentiert Kunstwerke ihrer Enkelin Bella, Familienkunst, kreative Arbeiten"

Carmen Ribbert zeigt Arbeiten ihrer Enkelin Bella. Foto: HF

Ribberts neue Ausstellung wird am Sonntag, 15. November, um 11 Uhr eröffnet. In der Burg Ranzow in Materborn. Der Titel: „Bunte Vielfalt. Zwei Generationen im Malfieber.“ Zu sehen sind dann Bilder von Carmen und Bella. „Sie können sich das nicht vorstellen: Dieses Kind ist wirklich besessen vom Malen.“ Bella, das ist der Großmutter wichtig, Bella muss unbedingt erwähnt werden. Leider wird sie nicht zur Eröffnung kommen. In Dubai ist Schule. Aber Ribberts Stolz reicht locker, um bis in die Emirate durchzustrahlen. Gleich neben dem Stolz und der Freude wohnt eine kleine Angst: „Wissen Sie, ich habe ein bisschen Angst davor, dass ich zur Eröffnung allein dasitzen werde.“ „Das wird, denke ich, nicht passieren“, sage ich.

Dann gehen wir aus dem Wohnzimmer ins Atelier. Bilder in allen Farben und Techniken – und: zwei Staffeleien. Auf jeder ein Porträt. Eines zeigt Bella – gemalt von Carmen. Das andere zeigt Carmen – ein Selbstporträt aus früheren Zeiten. „Damals war ich schön“, sagt Carmen und ich sage: „Sie sind es noch.“

Zweimal Carmen – zweimal schön. NN-Foto: HF

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