Resilienz im Kita-Alltag
Mitarbeiter und Kinder profitieren von gegenseitiger Achtsamkeit
REES. Dass es in den Gruppen „Kleiner Onkel“ oder „Herr Nillson“ mal hoch hergeht, ist in der Kindertagesstätte Villa Kunterbunt in Rees so normal wie in jedem anderen Kindergarten. Etwas ist hier aber außergewöhnlich, wenn der Lärmpegel mal zu sehr steigt, wenn Streitigkeiten unter den Kindern hohe Wellen schlagen, wenn die pädagogischen Fachkräfte an emotionale Grenzen stoßen.
Gegenseitige Achtsamkeit, bewusste Entlastungs-Schritte und erprobte Hilfestellungen verhindern dann, dass diese Grenzen überschritten werden. Das hilft nicht nur den Mitarbeitenden im Arbeitsalltag. Das strahlt auch auf die Kinder aus. Und wieder zurück. Als Kerstin Funke vor etwa drei Jahren die Leitung der Kita übernahm, brachte sie eine klare Vision mit. „Ich wollte das negative Bild der Kindergartenarbeit in der Öffentlichkeit von Belastung, Überforderungen und Perspektivlosigkeit aufbrechen.“ Denn sie weiß aus ihrem Team von der großen Begeisterung für den Beruf. „Die Liebe zu den Kindern und die Freude daran, ihnen wertvolle Entwicklungen zu ermöglichen, treibt uns alle an.“ Aus diesem Wissen entstand ihr „Herzensprojekt“, die Resilienz im gesamten Team nachhaltig zu stärken. „Wir möchten für die Kinder einen Raum zum Wohlfühlen schaffen, mit positiver und wertschätzender Sprache“, sagt Funke. „Wir Erwachsenen sind dabei wichtige Vorbilder.“ Sie weiß, wieviel pädagogische Fachkräfte jeden Tag investieren, um für Kinder einen Raum zum Wohlfühlen zu schaffen. Eine Fortbildung für Resilienz ist für Funke „der Schlüssel, um diesen eigenen Ansprüchen im pädagogischen Alltag gesund zu begegnen“.
Funke kennt die Herausforderung im Kita-Alltag. „Kinder loten Grenzen aus, sind kreativ im Herausfordern, neugierig auf Reaktionen“, sagt sie. „Wir müssen uns deshalb bewusst sein, wie wir reagieren können.“ Dazu ist das Wissen über die eigene Resilienz genauso wichtig wie die praktischen Hilfestellungen, die sich daraus ergeben. In der „Villa Kunterbunt“ hilft etwa die „Giraffe“. Das Wort fällt, wenn im Team jemand bemerkt, dass ein anderer gerade emotional besonders herausgefordert ist. Ein versteckter Hinweis, der so viel heißt wie: „Hoppla, schau mal, wie du gerade reagierst.“ Aus einem lautstarken Verbot kann dann eine ruhige Bitte an die Kinder werden. Eine andere Tonart, die auch dem Kind vermittelt: Es ist angenehmer, in Ruhe und wertschätzend zu reagieren. Die „Giraffe“ ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die seit der Inhouse-Schulung des Caritasverbandes für die Diözese Münster zum Thema Resilienz ihren Weg in den Kindergartenalltag in Rees gefunden haben. Einen Teamtag lang ging es um Wahrnehmung des eigenen Belastungsprofils, um Widerstandsfähigkeit, Eigenverantwortung oder gegenseitige Achtsamkeit. Und eben um ganz konkretes Handwerkzeug für die Umsetzung im Alltag.
Davon gibt es mehr als nur die „Giraffe“. „Wir geben uns auch mal ein Zeichen, dass wir uns aus der Situation rausziehen müssen.“ Hier reicht ebenso ein einfaches Signal an eine Kollegin. Es gibt das Auswechselzeichen aus dem Sport: Die Hände drehen sich umeinander, ein anderer übernimmt. „Und die Situation hat keine Macht mehr über mich.“
Kern dafür ist das Bewusstsein, was die eigenen Kräfte zulassen und was eben nicht. „Das zu wissen ist das eine, diese Linie in immer neuen Situationen zu erkennen und danach zu handeln, eine andere“, sagt Andrea Kapusta. „Trigger kennen, Reaktions-Modelle parat haben, Ausgleichsmöglichkeiten finden“, beschreibt die Referentin für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in der Fortbildung des Diözesancaritasverbands die Zielsetzung des Schulungsangebots.
In der „Villa Kunterbunt“ hat sich über die gemeinsame Auseinandersetzung eine Atmosphäre entwickelt, die wachsam hält. „Es gibt eine gegenseitige Aufmerksamkeit und ein Vertrauen in den anderen“, sagt Funke. Auch in den Mitarbeitenden-Gesprächen hat das Thema Resilienz Platz. Sie selbst hat eine Routine entwickelt, die ihr immer wieder das „bereichernde Gefühl“ ihrer „wunderbaren Arbeit“ vor Augen führt. „Wenn ich etwas Schönes erlebt habe, kommt eine bunte Kugel in das große Glas auf meinem Schreibtisch.“ Je nach Farbe stehen sie für eine andere Emotion: Stolz, Freude, Frieden, Gemeinschaft…