"Regisseur Max Wendt mit Synchronsprecher Reiner Schöne bei einem Treffen"
8. August 2026 · Thomas Langer · Geldern

Regisseur aus Leidenschaft

Gewalt in der Gesellschaft: Max Wendt aus Pont arbeitet am Kurzfilm „Three Faces of Violence“

NIEDERRHEIN. Denkt man an Filme, denkt man vor allem an große Produktionen und Filmstudios in Hollywood. Aber auch im Kleinen treiben viele Kreative weltweit das Medium voran – der Niederrhein ist da keine Ausnahme, wie Filmemacher Max Wendt aus Pont beweist. Der 22-jährige Regisseur arbeitet derzeit an seinem zweiten Kurzfilm „Three Faces of Violence“. Im NN-Interview erzählt er, was dahintersteckt, wie er zum Medium Film gekommen ist und welche Vorzüge der Niederrhein Filmemachern bietet.

Herr Wendt, sind Sie Filmstudent, oder wie sind Sie zum Film gekommen?

Max Wendt: Filmstudent bin ich nicht – noch nicht. Ich möchte gerne versuchen, mich nächstes Jahr bei Universitäten und Hochschulen zu bewerben. Nach dem Abi 2022 habe ich mir erst einmal ein Jahr Zeit genommen, um ein paar Praktika zu machen – eine Art Findungsphase. Und da habe ich schon beim ZDF als Regieassistent gearbeitet und zum Teil als Set-Runner. Dabei habe ich schon so langsam gemerkt: Das könnte was sein, die Filmbranche.

Ich hatte aber schon von klein auf mit Kameras aufgenommen, mit Freunden oder wenn wir unterwegs waren im Urlaub. Ich hatte also immer Berührungspunkte mit Film. Nach meiner Zeit beim ZDF, im Herbst 2023, habe ich zweieinhalb Jahre eine Ausbildung zum Mediengestalter in Bild und Ton in Essen absolviert. Damit bin ich jetzt seit Januar fertig und möchte mich nun noch mal spezialisieren auf fiktiven, also szenischen Film. Ich habe noch ein paar Projekte vor mir und versuche dann nächstes Jahr, mich bei Hochschulen und Unis zu bewerben.

Worum geht es in Ihrem neuen Kurzfilm?

Wendt: Ich versuche, in dem Film die Sichtweise auf die Gewalt in drei Entwicklungsstufen zu erklären, auf eine teils satirische und ironische Art und Weise. Zum Teil, dass man die Gewalt erst einmal als etwas Schlimmes sieht, dann als etwas Neutrales, Alltägliches und später als etwas Schönes, also wie Gewaltverherrlichung. Das versuche ich so zu erzählen, dass ich am Anfang des Films einen Film im Film zeige, ein Drama mit einer Tragödie und einem schlimmen Ende. Und darauf folgt ein Schwenker in einen Saal mit Publikum, in dem alle euphorisch mit Applaus und Jubel reagieren. Das zeigt noch einmal die Gewaltverherrlichung explizit durch Medien. Damit versuche ich aufzugreifen, dass allein schon Kinder früh in Kontakt mit Gewalt kommen, sei es in Videospielen, Social Media oder durch die Nachrichten, in denen man immer wieder von Krieg hört. Auch wir Erwachsenen sind immer wieder damit konfrontiert. Und diese Art Medien versuche ich zu integrieren: sei es jetzt Kino, Radio oder das Internet. Und da versuche ich, eine dystopische Stadt zu erschaffen, in der es schon die dritte Stufe erreicht hat: dass Gewalt verherrlicht und desensibilisiert wird.

Ich glaube, da erübrigt sich wohl die Frage, warum Sie sich für das Thema entschieden haben.

Wendt: Ich bin jemand, der regelmäßig die Nachrichten verfolgt und ich habe schon immer gern auch gesellschaftskritische Themen untersucht und diese dann auch in Film verpackt. Und das war auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, als man immer mal wieder gehört hat, dass Gewalt zunimmt: in Schulen, auf den Straßen, durch Alkoholkonsum, im Nachtleben und allein durch Krieg. Man hört immer nur Krieg in den Nachrichten. Das Thema hat auf jeden Fall den Zahn der Zeit getroffen und ich habe mir gedacht: Warum nicht einfach einen Film darüber drehen? (lacht)

Als Filmemacher haben Sie ja sicherlich einige Vorbilder: Wer prägt ihre Arbeit?

Wendt: Unter anderem Christopher Nolan, Quentin Tarantino und James Cameron. Alle Regisseure, bei denen man merkt, sie stecken da ihr ganzes Herzblut rein. Wie Christopher Nolan einmal gesagt hat: Er liebt Puzzlefilme. Filme, die man nicht direkt auf Anhieb versteht. Aber durch Zusammensetzen verschiedener Symboliken et cetera ergibt sich ein Gesamtbild. Ich selbst mag auch seine Wenden im Film. Das sind so meine Vorbilder, würde ich sagen.

Gucken Sie sich da auch ein bisschen was ab für Ihren eigenen Stil? Wie könnte man diesen beschreiben? Was zeichnet Ihre Arbeit aus?

Wendt: Meine Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass ich generell viel Wert auf die Thematik lege, sie gesellschaftskritisch ist und vom Aufbau her versuche ich die Geschichten so zu erzählen, dass man am Ende einige Dinge hinterfragt: Wie sehe ich das Thema? Wie interpretiere ich den Film? Ich versuche nicht, Filme 100 Prozent zu erklären, sondern immer noch etwas offen zu halten, damit der Zuschauer noch Interpretationsfreiraum hat. Wenn ich als Regisseur schon hundertprozentig meine Meinung übermittele, dann wäre das glaube ich eher kontraproduktiv bezüglich der Meinungen der Zuschauer.

Sie konnten für Ihr aktuelles Werk obendrein Reiner Schöne, die deutsche Stimme von Darth Vader und Willem Dafoe, als Erzähler gewinnen: Wie ist es dazu gekommen? Und warum gerade er?

Wendt: Das war ein lustiger Zufall. Ich hatte eigentlich in meiner Ausbildung für meinen Abschlussfilm zwei Synchronsprecher gesucht. Da habe ich eine Handvoll Synchronsprecher über deren Management angefragt. Nach ein paar Tagen hatten die Synchronsprecher von Robert Downey Jr. und Keira Knightley zugesagt. Und eine Woche später hat dann Rainer Schöne auf meine Mail geantwortet, dass ich ihn bitte anrufen mag.

Dann musste ich ihm leider für diese Rollen absagen, aber mir fiel ein: Ich suche ja noch für mein anderes Projekt eine Voiceover-Stimme. Als ich ihn am Hörer hatte, war es direkt ein Gänsehautmoment für mich: Das war natürlich meine Kindheit, die ganzen Transformers-Filme und Star Wars. Dann habe ich ihn direkt gefragt, ob er denn auf ein anderes Projekt Lust hätte. Er sagte: ‚Ja, erzähl mal von der Geschichte. Das klingt ja interessant.‘ Und darauf meinte er, dass er sich total mit dem Thema identifizieren kann. Er ist auch Musiker, hat viele Songtexte auch über Gewalt geschrieben und dementsprechend schließlich zugesagt. Dann haben wir uns getroffen.

„Filmcrew beim ersten Drehtag, Kamera-Setup im Freien, kreative Produktion hinter den Kulissen“

Drehtag eins. Fotos: privat

Was sind für Sie die größten Herausforderungen auf dem Weg zum fertigen Film? Was hat man für Hindernisse?

Wendt: Mein größtes Hindernis ist, dass ich nie mit mir zufrieden bin, also mit dem Ergebnis. Ich habe von vielen anderen gehört – ob es wirklich stimmt, ist dahingestellt –, ich sei ein Perfektionist. Alles muss stimmen, alles muss perfekt sein. Und auch wenn der Film fertig ist, denkt man sich: ‚Ach, die eine Szene könnte noch anders sein und da könnte man in der Postproduktion noch was dran feilen.‘ Und das ist wirklich für mich die Herausforderung, da einen Punkt zu setzen und zu sagen: OK, jetzt ist er fertig. Diesen Schritt zu gehen, ist immer eine kleine Überwindung, aber das versuche ich so zu umgehen, indem ich den Film auch anderen zeige: Bekannten, Freunden oder auch Fremden.

Welcher Aspekt Ihrer Tätigkeit als Chef vom Dienst macht Ihnen am meisten Spaß? Ist es das Regieführen, das Schreiben der Geschichte, oder etwas ganz anderes?

Wendt: Schön finde ich, dass man im Team arbeitet. Dass man ein eigenes Team aufstellt, mit ihm zusammen an einem Strang zieht und daraus etwas Handfestes wird. Den Prozess von einer Vision in deinem Kopf bis zu einem fertigen Film mitzuerleben, das ist das Schönste. Ich liebe es auch, eine leitende Position zu haben und meine Geschichten zu erzählen. Dafür ist es der perfekte Job. Ich bin aber immer gerne auch offen für Kritik und Tipps.

Wie findet man überhaupt sein Team? Ein Studio mit erfahrenen Leuten haben Sie ja noch nicht im Rücken.

Wendt: Das hat ein bisschen mit Glück zu tun gehabt. Meine Eltern haben einen Bekannten, dessen Cousine Casting-Direktorin in Berlin ist. Dadurch konnte ich etwas Fuß fassen, auch bezüglich der Praktika. Dadurch haben sich langsam einige Kontakte gebildet.

Auch während der Ausbildung: Meine Kollegen lieben es zu filmen, lieben es, eigene Projekte zu entwickeln. Später, als ich den Abschlussfilm gedreht hatte, kam ein Kollege auf mich zu und meinte: „Hey, ich fand den super. Wir müssen auf jeden Fall mal den nächsten Film zusammen drehen.“ So findet man Leute: durch Schule, durch Praktika, durch Ausbildung. Man versucht dann, solche Kontakte zu pflegen. Wenn ich mal Schauspieler brauche, stelle ich ein Inserat ins Internet, dann bewerben sich Leute bei mir per E-Casting. Mal hatte ich auch jemanden vor Ort, der mir eine Szene vorgespielt hat. Wenn ich hier in der Nähe wohne, wo ich groß geworden bin, versuche ich auch, viele Freunde und Bekannte zu involvieren. Das hat bis jetzt eigentlich immer gut geklappt.

Eignet sich der Niederrhein eigentlich gut für Filmdrehs? Was spricht für ihn?

Wendt: Ich würde sagen, hier kann man alles drehen. Seien es Szenen in Landschaften, in Städten, Altstädten – auch die Nähe zu Holland! Wir sind eigentlich sehr gut aufgestellt, wenn es um die Motivsuche geht. Die Leute sind auch sehr offen für Filme. Ich könnte mir in Zukunft gut vorstellen, hier noch öfter zu drehen, selbst wenn die Projekte größer werden sollten.

Wo haben Sie alles gedreht?

Wendt: Für den zweiten Kurzfilm habe ich einmal bei meinem Großvater in Goch gedreht. Er hat ein Haus, wo wir die Szenen für den Film im Film gedreht haben. Für die andere Szene habe ich im Herzogtheater in Geldern gedreht. Da hatte ich einfach mal nachgefragt: Von klein auf bin ich immer wieder dort gewesen, die kannten auch mein Gesicht schon. Als ich vom Projekt erzählt habe, waren sie total begeistert. Dann durfte ich dort mit knapp 70 Statisten und mit einer Crew von 15 Leuten drei Stunden drehen. Das war eines meiner Highlights, mal eine führende Position zu haben mit so vielen Leuten am Set. Es hat mir echt eine Menge Spaß gemacht, allein die Leute zu motivieren und kurze Ansprachen zu halten.
"Drehtag im Gelderner Herzogtheater, Filmcrew und Equipment in Aktion"

Viel los im Gelderner Herzogtheater: Drehtag zwei.

Wo steht das Projekt aktuell bzw. wie geht es nun weiter? Darf man sich bald selbst vom Ergebnis überzeugen?

Wendt: Die Postproduktion dauert noch maximal zwei Monate. Bevor der Film veröffentlicht wird, reiche ich ihn aber bei Festivals ein. Viele wollen nicht, dass er schon irgendwo veröffentlicht wurde oder vorher schon bei anderen Festivals Premiere hatte. Es geht um die ganzen A-, B-, und C-Festivals. A ist zum Beispiel die Berlinale oder das Cannes Festival, B und C sind sowas wie die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Da versucht man, sich von oben nach unten zu arbeiten. Deswegen wird sich die Veröffentlichung auf YouTube noch locker auf ein halbes bis ein Jahr strecken.

Was steht als nächstes für Sie an? Gibt es schon ein neues Projekt?

Wendt: Ja, absolut. Ich weiß aber nicht, ob es schlau ist, schon jetzt schon viel darüber zu erzählen, weil noch nichts offiziell ist. Aber ich habe mich mit einem Produzenten und mit einem Kameramann zusammengetan. Die kenne ich aus meiner Ausbildung. Da planen wir schon den nächsten Film, einen historischen. Wahrscheinlich dreht er sich um den Zweiten Weltkrieg.

Haben Sie ein besonderes Traumprojekt, das Sie gerne mal realisieren würden? Oder ein anderes Ziel, das Sie erreichen möchten?

Wendt: Ja, ich bin schon immer ein riesiger Fan von Science Fiction und Fantasy gewesen. So einen Film würde ich gerne mal machen. Ich versuche gerade die Zeit zu nutzen, um mich ein bisschen auszuprobieren: mit Dramen, mit Thrillern, ein Film hat einen leichten Horrortouch. Aber eine Science Fiction-/Fantasy-Welt fehlt mir noch. Vielleicht ergibt sich mal in der Zukunft eine Gelegenheit!

Zum Abschluss vielleicht noch eine Frage aus gegebenem Anlass: Immer häufiger hört man, dass KI zum Beispiel Synchronisationen übernehmen oder sogar Schauspieler ersetzen soll. Haben Sie als junger Filmemacher die Sorge, dass die KI Ihre und die Arbeit vieler Ihrer Kollegen ersetzen wird?

Wendt: Absolut nicht. Viele werden es versuchen und, ich denke, auch langfristig scheitern. Was den Film am Leben hält, ist, dass da echte Menschen hinterstecken. Wenn man weiß, da steht und spricht eine echte Person, macht das etwas anderes mit einem, als wenn man weiß, dass alles mit KI gemacht ist.

Die Menschen brauchen auch gewisse Vorbilder, was schon bei den Schauspielern anfängt. Carl Laemmle, der Gründe von Universal Studio, hat dieses Prinzip erschaffen, dieses Star-System, indem er die Namen der Schauspieler im Abspann gezeigt hat. Ich denke, das gilt auch für Synchronsprecher, dass man einen Namen, einen echten Menschen haben muss. Wenn man einen Dialog hat, sind die zwei Synchronsprecher wirklich vor Ort und interagieren miteinander, sie sehen sich. Das trägt noch mal dazu bei, dass diese Szene authentischer aufgenommen wird, als als wenn getrennt voneinander irgendwelche K.I.-Stimmen generiert werden, die sich nicht kennen.

Regisseur Max Wendt (l.) mit Synchronsprecher Reiner Schöne. Foto: privat

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