Reeser Politiker kritisieren eine „Pseudo-Privatisierung“
Peter Friedmann und Bodo Wißen zum Schienenpersonennahverkehr
REES/KREIS KLEVE. Peter Friedmann und Bodo Wißen sind Mitglieder im Ausschuss für Bauen, Entsorgung, Verkehr und Infrastruktur des Kreises Kleve. Die beiden Sozialdemokraten aus Rees begrüßen, dass der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) nunmehr bereits zum zweiten Mal die Rhein-Ruhr-Bahn, die im Auftrag des VRR den RE10 von Kleve nach Düsseldorf betreibt, abgemahnt hat.
Bodo Wißen sagt: „Es ist richtig, dass der VRR erneut die Rhein-Ruhr-Bahn abgemahnt hat. Das war nötig. Tausende Menschen leiden unter dieser untragbaren Situation. Menschen, die nicht rechtzeitig zur Schule, zur Ausbildungsstätte oder zur Hochschule kommen. Menschen, die sich beruflich oder privat um andere kümmern. Menschen, die darauf angewiesen sind, dass Züge fahren.“ Unschlüssig ist sich Wißen in der Frage, ob das reicht. Denn ein richtiges Druckmittel habe anscheinend weder der VRR noch die Politik.
Peter Friedmann hat Verständnis für die Vorgehensweise des VRR: „Wenn man den Vertrag kündigt und somit die Beförderungskonzession entzieht, müsste der VRR wohl neu ausschreiben. Vermutlich will man das nicht“, sagt der ehemalige technische Bahnbeamte in leitender Funktion.
Etwas wehmütig blickt Friedmann auf die Zeit vor 1994 zurück. Denn bis dahin, also vor der Privatisierung, gab es ein einziges Bahnunternehmen, das für alles zuständig war. „Die Fahrzeuge waren zwar nicht immer die neuesten, vielleicht war der ganze Apparat auch etwas zu gemächlich, und die Verbindungen waren vielleicht nicht so zahlreich. Aber die Züge fuhren zuverlässiger! Wenn etwas nicht klappte, war klar, die DB ist schuld und muss es lösen. Heute zeigt jeder auf den anderen. Nur interessiert das die Nutzerinnen und Nutzer nicht. Die wollen einfach nur, dass der Zug fährt.“
Beispiel Abellio
Auf einer Podiumsdiskussion kritisierte Bodo Wißen in diesem Zusammenhang eine „Pseudo-Privatisierung“ im schienengebunden Personenverkehr. „Pseudo“, weil es nicht selten Tochterunternehmen von ehemaligen Staatsbahnen seien, die in den Wettbewerb in Deutschland gingen. Er erinnerte an das Beispiel Abellio. Abellio war der Auftragnehmer des VRR auf der rechten Rheinseite und bediente die Strecke zwischen Emmerich und Düsseldorf (RE 19). Als der niederländische Mutterkonzern, die niederländische Staatsbahn, „den Geldhahn zugedrehte“, weil die Dienstleistung dem VRR gegenüber offenbar zu einem zu niedrigen Preis angeboten worden war, musste Insolvenz angemeldet werden. Dem VRR wurde der „ganze Kladderadatsch“ vor die Füße geschmissen. Jetzt fährt dort VIAS, bis 2019 anteilig in der Hand der dänischen Staatsbahnen.
Wißen, der schon seit Studentenzeiten die rechtsrheinische Zugverbindung von Haldern nach Düsseldorf nutzt, ist nicht wirklich zufrieden: „Es ist ja gut und richtig, dass durch den Bau des dritten Gleises mehr Kapazitäten geschaffen werden, um den Hafen von Rotterdam ans Ruhrgebiet anzubinden. Das habe ich immer unterstützt. Ich rede auch nicht über die ein oder andere Verspätung. Die gibt es auf Autobahnen auch. Allerdings ist dies kein Grund, warum man in Wesel am Bahnhof rausgeschmissen wird, dann auch noch falsche Informationen über einen angeblich einfahrenden Zug bekommt, mit dem man dann weiterfahren könne und dann überhaupt nichts passiert. Solcherlei Beispiele gibt es zuhauf. Wenn schon gebaut wird, sollten die richtigen Informationen wenigstens die Fahrgäste erreichen. Auf der Strecke fahren auch viele Niederländer, die schütteln nur noch mit dem Kopf. Ich glaube, die Erwartung ist grundsätzlich die, dass bestimmte Dinge funktionieren müssen und nicht nur nach Marktgeschehen betrachtet werden können. Wasser, Wohnen, Strom und eben auch der öffentliche Personennahverkehr decken Grundbedürfnisse ab. Viel Frust über die Politik entsteht genau daraus, dass es ein Gefühl der Ohnmacht, gibt, weil viele Dinge nicht mehr wie gewohnt laufen. Das müssen wir dringend ändern.“