Philosophie der Rückseiten
Museum Goch zeigt die Ausstellung „Kunsthistorisches Allerlei – Sammelsurium. Quer“ von Martin Lersch
Am gestrigen Freitag hat Martin Lersch seinen 70. Geburtstag gefeiert – 70 Malereien präsentiert er ab sofort im 1. Geschoss des Museums, 35 an jeder Längswand des Treppenhauses. „Vollkommen zentral, im Herz des Gebäudes“, wie Museumspädagogin Jasmin Schöne unterstreicht. Lerschs Traum war es zunächst, die Ausstellung 70 Tage lang zeigen zu können. „Das war aber nicht möglich, jetzt haben wir 35 Tage angesetzt“, erzählt Lersch. Ausgesucht hat er 35 abstrakte und 35 figürliche Darstellungen, basierend auf seinem Schaffenszyklus „J‘aime Pictures Malen“. Er habe darauf geachtet, dass die Bilder im weitesten Sinne mit dem Museum zu tun haben: Zum Beispiel ein Mensch mit Geige – eine Reminiszenz an die eben zu Ende gegangene Stringtime NiederRhein, die renommierte Gocher Streicherakademie für junge Musiker aus Deutschland, den Niederlanden und Polen. Das Museum war schon Proben- und Spielort.
Interaktiv
Eine „interaktive Ausstellung“ erwartet die Besucher, denn die jeweils 35 Werke – alle im Querformat, so deutet es schon der Ausstellungstitel an – hängen mit der Rückseite zum Betrachter. Seit gestern werden täglich zwei Bilder umgedreht. „Und das ohne System“, unterstreicht Martin Lersch. Auch platziert wurden die Bilder von ihm und Museumstechniker Ulrich Martens ohne einen genauen Plan; die Klammern sogar auf der Rückseite angebracht, um beim Aufhängen keinen Blick zu erhaschen. Das birgt nicht nur für den Künstler Überraschungen. Auf einigen Rückseiten befinden sich Skizzen für andere Bilder, bei manchen scheinen Konturen durch und lassen womöglich ein Motiv erahnen. Bis zum 8. Mai dauert es nun, alle Bilder herumzudrehen, dann wird es um 18 Uhr eine offizielle Eröffnung mit Geburtstagsgrüßen von Museumsdirektor Dr. Stephan Mann geben.
Die Bilder umdrehen wird aber nicht nur Martin Lersch, auch die Museumsaufsichten übernehmen diesen Part. „Es dürfen sich aber auch gerne Besucher melden, wenn sie Interesse haben und unter Aufsicht tätig werden“, betont Jasmin Schöne. „Wir sind schon sehr gespannt, wie und wo sich etwas ändert“, freut sich auch Kurator Steffen Fischer auf die Entwicklung der Ausstellung. „Je nach Lichteinfall wird es knallbunt“, macht Martin Lersch neugierig. Er selbst ist neugierig, ob es Menschen gibt, die öfter wiederkommen werden, um die Veränderungen zu beobachten. Die Rückseite sei schon seit den 1970er-Jahren ein künstlerisches Thema, so Lersch. Der französische Konzeptkünstler Daniel Buren, geboren 1938, habe zum Beispiel mit gestreiftem Markisenstoff experimentiert. „Alle Dinge haben eine Rückseite“, erklärt Lersch, „es ist wichtig, dass die Menschen einmal versuchen, anders zu denken, eben von der ,Rückseite‘ her“, bringt er es auf eine philosophische Ebene. Und ganz praktisch seien Rückseiten für die Museumsarbeit wichtig: Um das Material eines Kunstwerks zu erkennen oder einen Stempel zu entdecken. In Goch können die Besucher nach der vollständigen „Enthüllung“ noch bis zum 21. Mai auf Entdeckungsreise gehen. Als dritter Künstler der Interventions-Reihe wird dann Horst Keining eine Ausstellung zeigen.
Corinna Denzer-Schmidt
Das Geheimnis liegt auf der anderen Seite: Der Künstler Martin Lersch wird es nach und nach enthüllen. NN-Fotos: CDS