Opferschutz im Kreis Kleve ausgezeichnet
Polizeigemeinschaft feiert 25 Jahre „Klever Modell“ / Innenminister Herbert Reul zu Gast
GOCH. Mit prominenten Gästen, darunter NRW-Innenminister Herbert Reul, wurde das 25-jährige Jubiläum des „Klever Modells“ gefeiert. Anwesend waren neben verschiedenen Rednern ebenfalls eine Vielzahl an Polizeibeamten, die mit ihrem Bereitschaftsdienst im Opferschutz regelmäßig Angehörigen von Verunfallten beistehen. Fünf von ihnen wurden für ihr besonderes Engagement geehrt.
25 Jahre Klever Modell – was mit einem Projekt begann, wurde in kürzester Zeit zur etablierten Prozedur im Umgang mit Todesfällen durch Verkehrsunfälle und der Benachrichtigung von Angehörigen. Die NN berichteten über die Hintergründe. Geändert habe sich besonders der Faktor Zeit, wie Landrat Christoph Gerwers betont. „Opferschützer haben jetzt Zeit. Niemand weiß, was einen an oder hinter einer Haustür erwartet wenn man solche schlimmen Nachrichten überbringen muss. Menschen reagieren unterschiedlich. Vor 25 Jahren waren die Hinterbliebenen mit ihren Gefühlen allein.“ Für den Opferschutzbereitschaftsdienst in seiner heutigen Form seien die Betroffenen daher besonders dankbar. „Sie haben diese Menschen nicht allein gelassen. Sie waren da“, lobt er und spricht die Beamten dabei direkt an. Von ihnen sind an diesem Tag auch einige gekommen, die durch Versetzungen nun nicht mehr für die Polizeiarbeit im Kreis Kleve zuständig sind, für diesen Anlass aber wieder den Weg zurückgefunden haben.
25 Jahre – 3.000 Einsätze
Opferschutz klinge manchmal „sperrig“, Innenminister Reul bezeichnet die Tätigkeit jedoch gern als eine der „wichtigsten in der Polizeiarbeit.“ In 25 Jahren leistete das Team des Opferschutzes rund 219.000 Stunden Bereitschaftsdienst und absolvierte in dieser Zeit etwa 3.000 Einsätze. „Der Richtungsgeber ist das Mitgefühl. In Trauer ist die emotionale Nähe zwischen Menschen besonders groß“, betont Reul weiter. Immer wieder hätten Betroffene sich im Nachhinein gemeldet und ebenfalls ihre Wertschätzung bekundet. Denn die Beamten sind auch nach der Todesnachricht weiterhin für sie da, stehen in den Tagen danach für Fragen und Antworten bereit.

Neben vielen Polizisten nahmen auch Innenminister Herbert Reul, Landrat Christoph Gerwers und der Gocher Bürgermeister Stephan Luyven an der Veranstaltung teil. Foto: Gerhard Seybert
Das das auch für die Polizisten selbst keine leichte Aufgabe ist weiß Polizeihauptkommissarin Julia Korsten, die vor den Anwesenden beispielhaft von einem ihrer Einsätze berichtet. Davon wie sie nachts von einem Anruf ihres Bereitschaftstelefons geweckt und zum Dienst gerufen wurde, mit der Gewissheit, dass ein junger Mann kurz zuvor sein Leben verlor. Informationsgewinnung stehe dann erstmal im Vordergrund. Gespräche mit dem Einsatzleiter vor Ort, begutachten der Unfallstelle, Nachforschungen zum Betroffenen anstellen und die Familie ausfindig machen: „Man möchte möglichst genaue Antworten haben“, betont Korsten. Was ist passiert und wo? Wann? Was geschieht mit dem Leichnam? Es ist nur ein Bruchteil dessen, was den meisten Eltern, Lebenspartnern oder Kindern des Toten in diesem Moment im Kopf herum schwirrt. Es sind Momente, in denen man als Beamter auch selbst verstehe: „Egal welche Meinungsverschiedenheit oder Auseinandersetzung es vielleicht noch kürzlich in der Familie gab, die spielen jetzt keine Rolle mehr.“ Mit klaren, kurzen Worten werde anschließend vom Unfall berichtet. „Dann bieten wir an, die Angehörigen zum Bestatter zu fahren, um eine Abschiednahme zu ermöglichen“, berichtet Korsten weiter.
Halt finden
Der Bereitschaftsdienst im Opferschutz ist für jeden Polizeibeamten freiwillig. Die Polizisten durchlaufen Trainings, teilweise auch mit Schauspielern, um auf verschiedenste Situationen vorbereitet zu sein. Darüber hinaus gibt es viermal im Jahr eine Supervision, bei der besonders harte Fälle noch einmal aufgearbeitet werden können, um auch bei den Opferschützern für Entlastung zu sorgen. Im Fall von Julia Korsten gibt ihr die Familie den Halt, den sie nach ihrer Arbeit als Opferschützerin brauche. Auch die Gewissheit, dass ihre eigene Familie gesund sei und friedlich schlafe, während sie zu Einsätzen müsse, beruhige sie. „Ich bin auch froh, in all diesem Leid eine kleine positive Wirkung erzielen zu können, indem man Abschied ermöglicht und Fragen beantworten kann“, betont Korsten abschließend. Wer sich für den Opferschutz entscheide, werde an die Hand genommen und könne an der Seite von erfahrenen Kollegen erst einmal austesten, ob das auch was für einen sei. Für die Zukunft wünscht sich Julia Korsten ein starkes, engagiertes Team und das noch mehr Beamte den Schritt in den Opferschutz wagen. Etwa 30 aktive Opferschützer sind im Kreis Kleve derzeit im Einsatz.
Fünf Opferschützer ausgezeichnet
Fünf von ihnen wurden für ihr Engagement mit einer Urkunde geehrt: Johannes Thockok, Carmen Meisters, Lena Keyzers, Nils Schönke und Raphael Havers. Herbert Reul fand für sie und die Arbeit im Opferschutzbereitschaftsdienst noch einige Worte: „Der Opferschutz ist keine reine Polizeiarbeit, sondern ein Dienst am Menschen und ein Akt der Nächstenliebe. Zum Abschluss kamen alle Beamten mit Reul sowie den Erfindern des Klever Modells zu einem Gruppenfoto zusammen.

30 aktive Beamte leisten derzeit Bereitschaftsdienst um Angehörigen von Verunfallten durch die ersten Tage des Verlustes zu helfen. Foto: NN/ J. Kurschatke
Im Gocher Kastell fand die Jubiläumsveranstaltung zu 25 Jahren „Klever Modell“ statt. Foto: Gerhard Seybert