Maike Rühl betreut Kinder in SOS-Kinderdorf Niederrhein nach dualem Studium der Sozialen Arbeit. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein.
28. September 2026 Von NN-Online · Kleve

Nach dem Dualen Studium in die Festanstellung

Maike Rühl kümmert sich um acht Kinder und Jugendliche in einer Wohngruppe

KLEVE/GOCH. Vier Jahre ist es her. Da hat Maike Rühl aus Goch im Oktober als 19-Jährige mit ihrem Dualen Studium der Sozialen Arbeit angefangen. Drei Tage Praxis in einer Wohngruppe des SOS-Kinderdorfs Niederrhein in Kleve-Materborn, zwei Tage Theorie an einer privaten Hochschule in Duisburg. Nach dreieinhalb Jahren hatte sie ihren Bachelorabschluss in der Tasche und arbeitet seitdem als staatlich anerkannte Sozialarbeiterin fest beim SOS-Kinderdorf Niederrhein.

Maike Rühl erinnert sich noch genau an die ersten Tage und Wochen vor vier Jahren: „Es waren unfassbar viele Eindrücke, die auf mich niedergeprasselt sind, aber auch ein sehr herzlicher Empfang. Abends nach den Diensten war ich erst mal kaputt“, erläutert die 23-jährige Gocherin. Zunächst war sie am Nachmittag und Abend eingeteilt – immer von 12 bis 20 Uhr. Später im Studium kamen auch Rund-um-die-Uhr-Dienste mit Nachtschichten dazu. „Dann erlebt man die Betreuten noch mal ganz anders. Denn natürlich passiert es, dass Kinder in der Nacht wach werden, schlecht träumen und Unterstützung brauchen. Doch solche Situationen schweißen auch zusammen und lassen das Vertrauen zueinander wachsen.“

Zweimal pro Woche ging es von Goch aus zum Campus nach Duisburg. „Ich hatte einen Kommilitonen, mit dem ich die Fahrten gemeinsam bestreiten konnte. So haben sich auch unsere Spritkosten halbiert.“ Denn trotz gutem Verdienst – im ersten Studienjahr waren es über 1400 Euro brutto, im letzten über 1600 Euro brutto – sowie Zuschlägen für Dienste zu ungünstigen Zeiten, einem kleinen Nebenjob in einem Museum und dem Wohnen im Elternhaus war das Studium schon eine finanzielle Herausforderung. „Für mich kam damals nur ein duales Studium an einer privaten Hochschule infrage. Da fallen schnell bis zu 800 Euro monatlich an Gebühren an. Und die Kosten fürs Auto kamen obendrauf.“ An zuverlässige Zugfahrten sei nicht zu denken gewesen.

Neben der finanziellen Anstrengung kam hinzu, dass Maike bei ihrem Einstieg erst 19 Jahre alt war – die ältesten Jugendlichen, die sie betreute, waren damals 16, die jüngsten Kinder acht Jahre alt. Insgesamt leben acht Jungen und Mädchen in der Regelwohngruppe. „Die Nähe-Distanz-Thematik habe ich von Anfang an mit meinen Anleiterinnen stark reflektiert und auch mit den Betreuten. Ich bin sehr offen in den Austausch mit ihnen gegangen. Denn bei mir war es ja noch gar nicht so lange her, dass ich selbst vor den Herausforderungen des Erwachsenwerdens stand. Ich konnte also sehr gut nachvollziehen, was gerade in den jungen Leben so passiert.“ Gleichzeitig habe sie direkt die Rolle der professionellen, erwachsenen Pädagogin angenommen. „Ich trage Mitverantwortung für acht junge Leben und bin auch Ansprechpartnerin für alle Sorgen, Nöte und Wünsche der jungen Menschen. Da muss ich ein sicherer Hafen sein, an dem man zur Ruhe kommen kann, und ein stabiler Anker, an dem man sich festhalten und orientieren kann.“

Sie sieht die Wohngruppe im SOS-Kinderdorf als „Zuhause 2.0“ für die Kinder und Jugendlichen an und erläutert: „Natürlich ist für viele nach wie vor die Herkunftsfamilie ihr Zuhause. Das darf und soll auch so sein. Aber ich möchte in der Gruppe einen Ort schaffen, an dem man sich sicher und willkommen fühlt, an dem man wirklich zur Ruhe kommen kann.“

Ruhe und Beständigkeit, Herzlichkeit und Wärme, aber auch Struktur und Konsequenz schaffen einen Rahmen, in dem sich die Kinder und Jugendlichen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können, gut entwickeln können. „Grenzen setzen heißt auch Möglichkeiten schaffen“, berichtet Maike Rühl und führt weiter aus: „Ich bin für die Kinder und Jugendlichen immer ein offenes Buch. Sie wissen, woran sie bei mir sind. Und indem ich sehr konsequent bin, gebe ich ihnen viel Sicherheit. Wer sich sicher fühlt, kann sich entwickeln, Neues entdecken und zunehmend seinen eigenen Weg gehen. Dafür schaffen wir den Raum.“

So zählen auch Ferienfreizeiten an die niederländische Nordseeküste und eine politische Bildungsreise nach Berlin im Rahmen ihres Studiums und auf Einladung eines Bundestagsabgeordneten zu den Höhepunkten ihrer Studienzeit. „Mit zwei Jugendlichen aus der Wohngruppe war ich drei Tage in Berlin unterwegs und wir haben wirklich alles gesehen, was die Stadt politisch, historisch und kulturell zu bieten hat.“ Darüber hinaus hat sie sich während ihres Studiums für die Mädchen-AG im Kinderdorf engagiert, bei Hilfeplangesprächen den rechtlichen Kontext kennengelernt und an zahlreichen internen Schulungen teilgenommen, zum Beispiel zur Trauerbegleitung, zu Deeskalationsstrategien und zur „Marte Meo“-Methode. Auch gab es regelmäßige Treffen aller Studierenden und Auszubildenden beim SOS-Kinderdorf, während der gesamten Zeit koordiniert von einer Praxisbegleiterin.

Für Maike Rühl war dann auch klar, dass sie gerne beim SOS-Kinderdorf Niederrhein bleiben möchte. „Die Bezahlung ist insbesondere durch die Zulagen mehr als fair, es gibt viele Weiterbildungsmöglichkeiten im gesamten Verein, tolle Kolleginnen und Kollegen und aufgrund der Größe auch zahlreiche verschiedene Arbeitsbereiche“, erklärt Maike Rühl. So hat sie auch ein sechswöchiges Praktikum absolviert und dabei Angebote der beruflichen Bildung, die offene Kinder- und Jugendarbeit und die Ambulanten erzieherischen Hilfen kennengelernt. „Das ist natürlich ein riesiger Vorteil, wenn man sein Duales Studium bei einem großen Träger absolviert.“

Schön ist auch, dass sie ihre eigenen Ideen einbringen kann. „Wir sind vor Kurzem erst mit der Gruppe in unser neues Haus gezogen. Das wurde im Rahmen des Klimadorf-Projektes saniert und modernisiert. Jetzt ist es noch ein bisschen kahl an den Wänden und ich freue mich schon darauf, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen unser Haus neu zu dekorieren und zu gestalten. Wir haben ein kleines Budget bekommen, um unser ‚Zuhause 2.0‘ ganz nach unseren Vorstellungen zu gestalten.“

Maike Rühl (23) aus Goch wurde nach ihrem Dualen Studium der Sozialen Arbeit beim SOS-Kinderdorf Niederrhein übernommen und betreut hier gemeinsam mit ihren Kollegen acht Kinder und Jugendliche in einer Wohngruppe. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Katrin Wißen

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