„Mit viel Adrenalin und ein paar Koffern geflohen“
Wie Nataliia und ihr Sohn einen sicheren Ort in einer unsicheren Welt gefunden haben
KREIS KLEVE. Fast drei Jahre ist es her. Da ist Nataliia mit ihrem Sohn aus der Großstadt Saporischschja im Südosten der Ukraine nach Deutschland geflohen. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine war gerade wenige Wochen in Gang. Sie blickt zurück: „Wir haben den Bombenalarm gehört, hatten unseren Notkoffer mit allen wichtigen Dokumenten gepackt, waren immer mit Jeans und Pulli angezogen – auch nachts – wir haben kaum geschlafen und waren jederzeit zum Aufbruch bereit.“
Die heute 38-Jährige erzählt weiter: „Die Flucht war nicht geplant, Deutschland war nicht geplant. Aber in Polen gab es schon keinen Platz mehr.“ Über eine ukrainische Freundin, die damals schon in Polen lebte, bekamen sie Kontakt nach Deutschland. „Wir sind mit sehr viel Adrenalin und ein paar Koffern nach Deutschland gekommen“, so Nataliia. Ihr Hund, ein Dackel, war auch mit im Gepäck. Die alleinerziehende Mutter sagt: „Wir hatten Glück. Wir sind zunächst bei einer sehr netten Familie im Kreis Kleve untergekommen, die uns bei der Integration geholfen hat.“ Doch Zeit zum Ankommen war nie. Es war viel zu regeln: Termine bei Behörden, Gelder beantragen, Integrations- und Sprachkurse finden, die Schule für den damals siebenjährigen Sohn organisieren. Der Druck war hoch, die Belastung enorm. „Wir mussten in den letzten drei Jahren drei Mal umziehen. Mein Sohn besucht jetzt die dritte Schule in Deutschland“, berichtet Nataliia. Dazu kam die Sorge um die Verwandten im Heimatland. „Meine Eltern und meine Großmutter leben noch dort. Bei einem Todesfall in der Verwandtschaft konnte ich nicht zurück.“ Nach außen funktionieren, nach innen zerrissen sein – das bedeutet Stress für die Seele und den Körper. Bei einem beruflichen Bildungsangebot für Menschen mit Migrationshintergrund des SOS-Kinderdorf Niederrhein lernt Nataliia die Übersetzerin und Psychologin Daria Stetsenko kennen. Diese merkt schnell, dass die Gruppengespräche im Rahmen des Programms „Aktive Integration in Arbeit“ nicht ausreichend sind. Sie schlägt Nataliia vor, Kontakt zur Traumahilfe Niederrhein aufzunehmen.
Die Traumahilfe Niederrhein ist ebenfalls ein Angebot vom SOS-Kinderdorf Niederrhein mit Beratungsräumlichkeiten im Franziskushaus in der Klever Innenstadt. Das Angebot wird derzeit von der Stadt Kleve finanziell mitgetragen. Traumafachberaterin und Traumapädagogin Julia Blind hilft bei der Bewältigung traumatischer Erfahrungen durch Flucht und Krieg. Unterstützt wird sie dabei von Daria Stetsenko. Das Angebot ist für alle Nationalitäten offen. Neben Geflüchteten aus der Ukraine nehmen auch Kinder, Jugendliche und Familien aus Syrien, Afghanistan und dem Irak die Hilfe an.
Bei der Traumahilfe Niederrhein gibt es Raum und Zeit für Einzelgespräche. „Häufig ist unsere erste Aufgabe zu erklären, dass Stress, Ängste, Wut oder auch Panik normale Reaktionen sind auf die extremen Erfahrungen, die die Menschen, die zu uns kommen, erlebt haben“, erklärt Julia Blind und führt weiter aus: „Viele unserer Klientinnen und Klienten haben Schlafprobleme, empfinden tiefe Trauer, müssen die Verluste von Heimat, Familie, ja ihrem ganzen bisherigen Leben verarbeiten. Sie haben Angst vor der Zukunft, die für sie ungewiss ist. Sie fühlen sich häufig ohnmächtig und verzweifelt.“
Kinder und Jugendliche mit traumatischen Erfahrungen zeigten oft auffälliges Verhalten in Kitas und Schulen, wie Rückzug, Überempfindlichkeit oder Aggression. Wenn nicht traumasensibel reagiert würde, könne dies zu weiteren Problemen führen, indem sich die Kinder noch mehr zurückziehen oder Konflikte verstärken. Ein traumasensibler Ansatz sei entscheidend, um ihnen Sicherheit zu bieten und gesunde Bewältigungsmechanismen zu fördern, so die Expertin. Julia Blind nennt ein Beispiel: „Kinder, die über die Mittelmeerroute geflohen sind und traumatische Erfahrungen gemacht haben, können beim langen Stillsitzen in der Schule große Schwierigkeiten haben. Diese Situation kann Erinnerungen an enge Räume und Todesangst hervorrufen, was ihre Konzentration und ihr Wohlbefinden beeinträchtigen kann. Es ist wichtig auf ihre Bedürfnisse einzugehen und flexible Lernumgebungen zu schaffen.“ Deshalb bietet die Traumahilfe Niederrhein nicht nur Einzelgespräche an, sondern begleitet auch zu Gesprächen in Schulen und klärt dort über traumasensible Pädagogik auf. „Wir erleben, dass sehr viele Lehrkräfte sehr bemüht sind. Doch häufig ist auch hier das System so unter Druck, dass es zwangsläufig zu Konflikten kommt.“
Für Nataliia und ihren Sohn ist die Traumahilfe Niederrhein vor allem ein sicherer Ort in einer unsicheren Welt: „Hier ist alles ruhig, hier ist es entspannt, hier haben alle Gefühle Platz.“ Dies gibt ihnen Kraft und Stabilität ihren Alltag zu meistern.
Inzwischen konnte die studierte Architektin auch beruflich Fuß fassen am Niederrhein. Seit zwei Monaten arbeitet sie als Bauzeichnerin in einem Architekturbüro, nachdem sie dort zuvor im Rahmen des Programms „Aktive Integration in Arbeit“ zehn Wochen Praktikum gemacht hat. „Weil das Baurecht so unterschiedlich ist in beiden Ländern, kann ich nicht als Architektin in Deutschland arbeiten. Aber jetzt kann ich immerhin meine Fähigkeiten behalten und in der Branche tätig sein, die mich schon mein ganzes Berufsleben erfüllt“, berichtet Nataliia zuversichtlich. 12 Jahre hatte sie in der Ukraine als Architektin gearbeitet, bevor der Krieg ausbrach. „Es ist schade, dass so viele Ausbildungen und Erfahrungen in Deutschland nicht anerkennt werden“, berichtet Daria Stetsenko. Das sei immer wieder ein Problem, denn es gebe sehr viele qualifizierte Geflüchtete.
Gleichzeitig entstehe ein enormer Druck auf Kinder und Jugendliche. Von ihnen wird erwartet, dass sie es schaffen. „Doch am Anfang sitzen sie ja auch erstmal sechs Stunden in der Schule, ohne auch nur ein Wort zu verstehen“, beschreibt Stetsenko die Situation vieler geflüchteter Kinder und Jugendlichen. Auch deshalb komme es häufig zu auffälligem Verhalten. Für Traumaexpertin Julia Blind ist klar: „Wenn sich Kinder dysfunktional verhalten, gibt es einen sogenannten ‚guten Grund‘. Kinder und Jugendliche versuchen mit dem Erlebten umzugehen. Für Außenstehende ist ihr Verhalten merkwürdig und oftmals anstrengend, doch für sie selbst macht es Sinn.“ Das führe häufig zu Ratlosigkeit und Überforderung auf allen Seiten. Der Schlüssel liege dann in der Beziehungsarbeit: Aufmerksamkeit, Zuwendung, sich über das ‚Hier und Jetzt‘ unterhalten, in den Kontakt treten, Beziehung durch Aktivitäten zu gestalten – sei es durch Spiele, künstlerisch-gestalterische Dinge oder sportliche Angebote. „Für Erwachsene ist es häufig schwierig, das auffällige Verhalten auszuhalten; insbesondere dann, wenn Kinder oder Jugendliche zunächst die Beziehung ablehnen“, berichtet Julia Blind und erklärt weiter: „Trotzdem lohnt es sich dranzubleiben, Stabilität zu bieten und immer wieder neue Beziehungsangebote zu schaffen.“
Traumafachberaterin und Traumapädagogin Julia Blind sowie Übersetzerin und Psychologin Daria Stetsenko vom SOS-Kinderdorf Niederrhein im Gespräch mit Nataliia und ihrem zehnjährigen Sohn in den Räumlichkeiten der Traumahilfe Niederrhein im Franziskushaus in Kleve. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Katrin Wißen