„Meer“ als nur Camping
Der letzte Bericht aus dem Ferienlager Alpen in Kroatien
ALPEN. In Medveja verbringen 15- bis 17-Jährige ihre Ferien zwischen Zelten und Adriaküste. Doch was aus diesen Tagen ein Ferienlager macht, lässt sich weder aufbauen noch planen. Es entsteht zwischen gemeinsamen Mahlzeiten, Volleyballturnieren, Regengeräuschen und einem Lied, das inzwischen jeder kennt.
Am Morgen in Medveja gibt es einen Moment, bei dem eigentlich niemand mehr erklären muss, was passiert. Aus dem Gemeinschaftsbereich erklingen die ersten Töne von „Schmier mir eine Schnitte“ von Tomas Tulpe. Für die Jugendlichen ist das inzwischen weniger ein Lied als ein Signal: Frühstück.
„Das Lied ist richtig toll. Dann habe ich immer viel mehr Lust auf das Essen“, sagt Arne Malmström, 16 Jahre alt. Was als Scherz des Küchenteams begann, gehört mittlerweile so selbstverständlich zu den Tagen in Kroatien wie Zelte, Meer und Sonnenschein – wobei Letzterer in diesem Sommer nicht immer zuverlässig war.
Vielleicht lässt sich gerade an diesem etwas eigenwilligen Morgenritual ziemlich gut erklären, was das Ferienlager des Ferienhilfswerks St. Ulrich Alpen ausmacht. Denn auf dem Papier ist Medveja zunächst einmal ein Campingplatz an der kroatischen Adriaküste. Für einige Tage stehen dort Zelte, Jugendliche schlafen auf Luftmatratzen, gegessen wird gemeinsam, und das Leben spielt sich größtenteils draußen ab.
Doch irgendwann ist es nicht mehr irgendein Campingplatz.
Es ist ihr Lager.
Wenn aus Fremden eine Gruppe wird
Das diesjährige Motto spielt genau mit diesem Unterschied: „Meer“ als nur Camping. Das Meer liegt nur wenige Meter entfernt. Das eigentliche „Mehr“ aber entsteht an Land.
„Wir sind eine Gruppe aus wildfremden Menschen, die zehn Tage lang Zeit zusammen verbracht hat. Und am Ende steigt man als geschlossene Gruppe wieder aus dem Bus“, sagt Lagerleiter Jona Rous, 24. Wie das geschieht, kann auch er nicht vollständig erklären. „Das ist irgendeine Art Magie, die da passiert. Leute lernen sich kennen, Leute haben tolle Erfahrungen zusammen.“
Wann diese Magie einsetzt, dafür gibt es keinen festen Zeitpunkt. David Joel Holl, 17, erkennt sie daran, dass die Grenzen zwischen den kleinen Gruppen verschwinden. Am Anfang bleiben viele zunächst bei denen, die sie bereits kennen. Angekommen sei das Lager für ihn dann, „wenn man merkt, dass sich die Gruppen nicht mehr nur untereinander aufteilen, sondern dass einfach eine große Gemeinschaft entsteht“.
Auf einem Campingplatz geschieht das vielleicht noch unmittelbarer als anderswo. Es gibt keine langen Hotelflure und kaum Türen, hinter denen man verschwinden kann. Zwischen Zelten, Gemeinschaftsbereich und Meer begegnet man sich ständig.
„Man sieht sich halt die ganze Zeit“, sagt Betreuerin Berit Münster, 19. Dadurch seien irgendwann nicht mehr einzelne Grüppchen unterwegs: „Jeder ist mit jedem unterwegs und jeder quatscht mit jedem.“
Die besten Momente stehen in keinem Programm
Natürlich gibt es auch in Medveja ein Programm. Ausflüge und Touren gehören dazu, ebenso das Bergfest und das Volleyballturnier, das für Malte Rous, 16, einer der Höhepunkte der Freizeit ist. Genau für solche Erlebnisse fahre er gerne mit nach Medveja, sagt er.
Aber ein Ferienlager für 15- bis 17-Jährige funktioniert nicht dadurch, jede Stunde des Tages durchzutakten. Betreuerin Tabea Krösel, 18, hält etwas anderes für entscheidend: Wenn es Programm gibt, müsse es so gestaltet sein, dass die Jugendlichen sich kennenlernen und miteinander in Kontakt kommen. Gleichzeitig brauche es genügend Abwechslung, „damit für jeden was dabei ist“.
Dass dieser Ansatz funktioniert, hat Elisa Monien überrascht. Die 16-Jährige ist zum ersten Mal dabei und hatte sich die Tage in Kroatien strenger vorgestellt. Sie habe erwartet, dass die Betreuenden die Jugendlichen zu deutlich mehr Programmpunkten verpflichten würden. Stattdessen sei es „eigentlich sehr chillig“ gewesen. Vor allem habe ihr gefallen, „dass wir uns alle auf einer guten Augenhöhe begegnet sind und schön zusammen die Zeit verbringen konnten“.
Und dann sind da jene Momente, die in keinem Programmheft besonders spektakulär aussehen würden.
Für Lutz Malmström, 17, gehören ausgerechnet die gemeinsamen Mahlzeiten zu den schönsten: „Wenn wir uns alle zusammen hinsetzen und zusammen essen.“
Mia Steinbrink, 15, denkt an die Spontaneität und ans Schnorcheln – etwas, das sie mit ihren Freunden zu Hause schon deshalb nicht genauso machen könnte, weil dort schlicht die Adria fehlt.
Und Helene Legewi, 15, braucht nur einen Satz, um den Stellenwert dieser Tage zu beschreiben: Camping sei für sie eigentlich gut, „aber das Ferienlager in Medveja ist mein Jahreshighlight“.
Eine kleine Blase an der Adria
Warum solche scheinbar gewöhnlichen Situationen später so wichtig werden, lässt sich auf Fotos nur schwer festhalten.
Linda Martinietz, 18, kennt das aus vielen Lagermomenten. Auf Bildern sehe man lachende Gesichter. Was aber tatsächlich hinter diesem Lachen stecke, bleibe für Außenstehende häufig unsichtbar. Selbst wenn man die Geschichte später erzähle, lasse sich die Situation kaum vollständig vermitteln.
„Das Lager ist wie eine eigene kleine Blase“, sagt sie.
Es sind Insider, misslungene Aktionen, Gespräche zwischendurch und Situationen, die nur für diejenigen wirklich komisch sind, die dabei waren. Sie lassen sich nicht bestellen und auch nicht Monate vorher auf einen Ablaufplan schreiben.
Genau darin liegt eine der Herausforderungen für das Team.
„Viele Aktivitäten kann man vorher planen“, sagt Betreuerin Lilli Königs, 20. Kennenlernspiele, Unternehmungen und das Lagermotto stehen bereits vor der Abfahrt fest. Nicht planbar seien dagegen „die Gruppendynamik und die Stimmung unter den Jugendlichen“.
Und manchmal erinnert auch das Wetter daran, dass ein Ferienlager keine vollständig kontrollierbare Veranstaltung ist. In diesem Jahr machten mehrere Regen- und Gewittertage manche Planung schwieriger. Hinzu kam der Wechsel auf einen neuen Campingplatz, sodass das Team einige Möglichkeiten erst vor Ort entdecken konnte.
Doch selbst daraus entstehen Erinnerungen.
Fragt man Paulina Happe, 16, welches Geräusch sie später einmal unmittelbar nach Medveja zurückversetzen wird, nennt sie weder Meeresrauschen noch Musik.
Ihre Antwort: „Die Regengeräusche auf dem Dach des Zelts.“
„Schmier mir eine Schnitte“
Und dann wäre da noch dieses andere Geräusch.
Jeden Morgen.
Die Geschichte des inzwischen inoffiziellen Lagersongs beginnt nicht etwa bei einer großen Lagerbesprechung, sondern mit einem Kindergartenkind. Hendrik van Meegeren, 44, aus dem Küchenteam erzählt, dass ein Kind auf dem Campingplatz beim Frühstück immer wieder „Schmier mir eine Schnitte“ gesungen habe. Er und seine Frau Katharina fanden das so amüsant, dass sie das Lied mit ins Küchenteam nahmen.
Dort kam es ebenfalls gut an.
Die Idee war geboren: Das Lied wird zum Ruf zum Frühstück.
Was zunächst nur ein Spaß der Küche war, entwickelte schnell ein Eigenleben. Heute gehört der Song zu Medveja. Ein wiedererkennbares Ritual, das vermutlich niemand vor der ersten Freizeit als wichtigen Bestandteil eines Ferienlagers auf einen Plan geschrieben hätte.
Und genau solche Dinge sind es, die bleiben.
Was man nicht mit nach Hause packen kann
Am Ende stehen wieder Taschen vor den Zelten. Luftmatratzen werden zusammengerollt, persönliche Dinge zusammengesucht, das Camp abgebaut. Was für einige Tage wie ein eigener kleiner Kosmos funktioniert hat, verschwindet innerhalb kurzer Zeit.
Der Campingplatz bleibt.
Das Lager nicht.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen Camping und Ferienlager.
„Camping ist für mich eigentlich ganz toll“, sagt Francisco Vernaez Vacas, 16, „aber Ferienlager in Medveja ist für mich hundertmal cooler.“
Maxim Buchmann, 17, findet sein persönliches „Mehr“ vor allem in den gemeinsamen Aktivitäten: im Bergfest, in den Touren und in all dem, was die Gruppe zusammen unternommen hat.
Andere würden vermutlich die gemeinsamen Essen nennen. Das Volleyballturnier. Das Schnorcheln. Die Abende. Neue Freundschaften. Den Regen auf der Zeltplane. Oder einen ziemlich ungewöhnlichen Song beim Frühstück.
All das lässt sich vor einer Freizeit vorbereiten, ermöglichen und begleiten. Erzwingen lässt es sich nicht.
Man kann einen Campingplatz buchen. Man kann Zelte aufbauen, Ausflüge organisieren und ein Programm schreiben.
Aber aus wildfremden Jugendlichen eine Gruppe zu machen, aus gemeinsamen Tagen Insider entstehen zu lassen und aus einem Frühstückslied eine Erinnerung, die womöglich Jahre später bei den ersten Tönen wieder da ist – das passiert erst vor Ort.
Jona Rous nennt es Magie.
Vielleicht ist es genau das, was das Motto meint:
„Meer“ als nur Camping.
Auf dem Beachvolleyball-Feld wurde sich duelliert. Foto: privat
Hendrik und Katharina van Meegeren servierten Popcorn und Zuckerwatte. Foto: privat