Märchen und Demenz: „Schubladen der Erinnerung“
Märchenerzählerin Silvia Knapp zu Gast im Kursana Domizil Straelen
STRAELEN. Als Silvia Knapp den Raum betritt, erntet sie neugierige Blicke. Die professionelle Märchen-erzählerin trägt ein herrschaftliches Kleid mit Blumenmuster, leuchtend rotem Unterrock und weiten Ärmel. Nicht das Gewand einer Königin, aber doch das einer Edelfrau. Sie geht von Bewohner zu Bewohner, begrüßt jeden einzelnen und fragt nach dem Befinden. Dann stimmt sie ein Lied an: „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“. Die Minen erhellen sich. Manche singen mit, leise oder lauter, textsicher.
„Wer kennt das Märchen ,Der Teufel mit den drei goldenen Haaren?‘“, will Silvia Knapp wis-sen. Dann erzählt sie es. Eine ausdrucksstarke Mimik und großen Gesten unterstreichen ihre klar artikulierten Worte.
„Die Schubladen ganz unten öffnen“
Märchen, so die Silvia Knapp, seien keineswegs nur etwas für Kinder. Sie arbeite auch mit Erwachsenen, mit Menschen mit Einschränkungen, psychischen Erkrankungen und demen-ziellen Veränderungen – hierfür wurde sie speziell ausgebildet. Ihre Intention: „Die Menschen dort abzuholen, wo sie sind und Erinnerungen wecken an das, was in der ,Schublade‘ ganz unten ist.“ Aufs Märchen folgt eine Aktivierung: „Der Junge in der Geschichte hat eine Reise gemacht. Wohin sind Sie gerne in den Urlaub gefahren?“ Eine Frau erzählt von Holland, eine andere von Italien. Die Märchenerzählerin holt Nudeln aus ihrem Erinnerungskoffer – und es wird über Essen geredet.
Vertraute Sätze zum Mitsprechen
„Buttje, Buttje in der See, mine Fru, de Ilsebill, will nich so, wie ik wol will.“ Auch das zweite Märchen, „Der Fischer und seine Frau“, ist altbekannt. Der Refrain sitzt. Zum Abschluss dann ein heiteres Spiel mit verkehrten Liedtexten. Die Bewohner erkennen die Fehler sofort: „Im Frühtau zwei Zwerge …“ – „die Berge!“, ruft jemand. „Ein Bett im Bierzelt …“ – „Korn-feld!“, lacht eine andere.
Märchen, Gedichte und Lieder knüpfen bei Menschen mit Demenz an Erinnerungen und Sprachmuster an und bilden so eine Brücke in die Vergangenheit. Vertraute Reime, Texte und Melodien können auch dann noch zum Mitsprechen und -singen anregen, wenn das Sprechen ansonsten schwerfällt.
„Man weiß ja nicht, wo jemand gerade ist“, beschreibt die Märchenerzählerin ihren Blick auf Menschen mit Demenz. „Sie sind in dem Moment in einer anderen Welt, in der ,Anderswelt‘“. An diesem Nachmittag scheint diese Anderswelt für eine Weile ein gemeinsamer Ort zu sein – bevölkert von Märchenfiguren, Liedern, Nudeln, Urlaubserinnerungen und Lachen. „Das war schön“, bringen am Ende dieser Stunde viele zum Ausdruck. Silvia Knapp möge doch wiederkommen, „und bitte wieder in dem Kleid“.