"Ingo Appelt bei Auftritt in Viller Mühle, humorvoll und direkt, Comedian auf Bühne, Foto von Leslie Barabasch"
30. Oktober 2026 · Michael Bühs · Goch

„Männer Nerven Stark“: Ingo Appelt will Männer erziehen

Warum nerven Männer so oft – und warum nehmen sie sich selbst so ernst? In seinem neuen Comedy-Programm liefert Ingo Appelt gewohnt freche Antworten. Im Interview spricht er über Testosteron, Männlichkeit und seinen Auftritt in der Viller Mühle in Goch.

GOCH. Er ist nicht milder geworden und tanzt auch aktuell unerbittlich auf dem schmalen Grat der Gürtellinie. Mit seinem neuen Programm „Männer Nerven Stark“ ist Ingo Appelt auf Tour. Nichts ist dabei vor ihm sicher – von der Kommunikation zwischen den Geschlechtern bis hin zu kleinen Macken und Mackern, die das Leben schwer machen. Denn wer ist schuld an der Misere? Die Männer! In einer Welt voller Fettnäpfchen reicht Ingo ihnen helfend die Hand. Für die Frauen, für den Frieden. Am Samstag, 7. November, gastiert er ab 20 Uhr in der Viller Mühle in Goch. Zuvor spricht er im NN-Interview über seine Verbindung zum Niederrhein, zur Viller Mühle und zu Hanns Dieter Hüsch, das dankbare Publikum, sein neues Programm – und die Männer.

Herr Appelt, stimmt es, dass Sie eine Gocher Vergangenheit haben?

Ingo Appelt: Genau genommen Hommersum. Da war ich ungefähr neun Monate alt, also relativ frisch geschlüpft. Nach etwa einem Jahr ist meine Mutter dann mit meinem Bruder und mir weggezogen.

Allzu viele Erinnerungen an Hommersum werden Sie dann ja nicht haben.

Appelt: Das kann man so nicht sagen, ich war ja schon ein paar Mal da. Vor 34 Jahren war meine allererste Tournee am Niederrhein. Es ging los in Rheinberg, dann Kleve, Kevelaer und Xanten bis nach Hassum an die „Weltbühne“ zu Heinz Bömler, dem verrückten Puppenspieler.

„Ich war immer ein Fan von Hanns Dieter Hüsch“

Der Niederrhein ist Ihnen also nicht fremd.

Appelt: Keineswegs. Ich war auch immer ein großer Fan vom „schwarzen Schaf vom Niederrhein“, Hanns Dieter Hüsch. Ich habe ihn auch zwei-, dreimal getroffen. Er ist so ein Mensch, der einem immer irgendwie nachläuft: Schon als Kind fand ich ihn gut, ich habe mir auch viele seiner Programme angeschaut und mich auch ein paar Mal mit ihm persönlich unterhalten. Wir mochten uns ganz gerne, und als er dann gestorben ist, war ich schon traurig.

War er für Sie eine prägende Persönlichkeit?

Appelt: Er war auf jeden Fall ein Vorbild, denn er hat an jedem dicken Baum gespielt. Hanns Dieter Hüsch war einer, der 320 Termine im Jahr gespielt hat – und für die restlichen 40 Termine hat er gefragt: Hast du da nicht noch was? Er ist wirklich in jedem Dorf, an jeder Ecke aufgetreten, auf jeder Bühne, egal wie klein oder groß. Das habe ich für mich übernommen.

„In großen Hallen bist du nur eine Kunstfigur“

Was macht für Sie den Reiz aus, an Orten wie der Viller Mühle zu spielen?

Appelt: Ganz klar: die Menschen! Wenn du in einer großen Halle spielst, so ab 1.000 Leuten, siehst du keinen mehr. Da lernst du auch keinen mehr kennen, da hast du keine Kontakte mehr. Du hast einen In-Ear-Monitor, du hast einen Bildschirm hinter dir, die Leute glotzen auf den Bildschirm. Du bist eine Kunstfigur, du bist nicht mehr echt, du bist nicht mehr greifbar. Ich spiele am liebsten in Läden, wo ich im Zweifel, wenn das Mikro ausfällt, immer noch spielen kann. Das ist mir kürzlich im Talbahnhof Eschweiler passiert: 220 Leute, Stromausfall, Mikro fiel aus, Notlicht ging an. Man konnte mich noch sehen, und so habe ich dann zweieinhalb Stunden tatsächlich ohne Mikrofon gespielt. Das hinterlässt Eindruck, das ist viel beeindruckender als vor 20.000 Leuten zu spielen, finde ich. Ich brauche diese Nähe. Ich bin ja ein relativ umstrittener Künstler, auch recht frech in dem, was ich tue. Das funktioniert zwar auf der großen Bühne auch, aber auf der kleinen finde ich es viel besser.

Wegen des direkten Feedbacks aus dem Publikum?

Appelt: Genau! Du siehst die Leute, guckst direkt in die Gesichter. Und wenn du merkst, das geht nicht, dann musst du umschwenken. Du siehst einfach jede Reaktion.

Haben Sie eine besondere Erinnerung, die Sie mit der Viller Mühle verbinden?

Appelt: Den Puppenspieler natürlich! Zum ersten Mal habe ich die Viller Mühle gesehen, noch bevor sie überhaupt ein Theater war – da lagen noch die Transmissionsriemen der Fabrik auf dem Boden, da war noch nichts renoviert. Das war 1992, da hatte Heinz noch die „Weltbühne“ im alten Bahnhof in Hassum. Und dann ging es 1994 mit der Viller Mühle weiter. Dieses alte Fabrikgelände, die alten Traktoren, der alte Frisiersalon aus den 50er Jahren, der ganze wunderschöne Nippes.

„Die Menschen hier sind sehr dankbar“

Nun kann der Ort ja noch so schön sein – wenn das Publikum nicht mitzieht, hilft es auch nicht weiter.

Appelt: Ja, aber das ist hier immer super. Die Menschen sind sehr dankbar. Das merke ich beispielsweise jedes Mal bei „Hart an der Grenze“, das ich mit Wilfried Schmickler zusammen mache und das Bruno Schmitz organisiert. Ich räume da jedes Mal ab, und die Menschen sind immer wieder bass erstaunt: Was der sich traut, was der da macht – sehr frech und trotzdem sehr lustig! Meist sind sie eher mein Alter, zwischen 40 und 70, manchmal aber auch jünger, manche bringen schon ihre Kinder und Enkelkinder mit. Das ist dann sehr familiär, sehr direkt und offen und sehr, sehr ulkig.

Wie unterscheiden sich die Menschen hier am Niederrhein beispielsweise im Vergleich zu ihrer jetzigen Wahlheimat Berlin?

Appelt: Die Berliner sind selbstgefällig. Die stellen sich hin und sagen: Ich bin cool, ich bin fresh, und das, was du da oben machst, das kann ich im Prinzip auch. Wenn du da ins Publikum reinfragst, dann kommt was zurück. Das ist in der Viller Mühle nicht so: Wenn du da was fragst, trauen sie sich nicht so richtig zu antworten. Die Menschen sind schon eher schüchtern, aber wenn man ihnen die Erlaubnis gibt – und das tue ich –, dann hat man sie direkt. Das ist gut.

„Jeder sagt alles – genau das ist das Problem“

Sie sagten ja bereits, dass Sie „recht frech“ sind. Auch in Ihrem aktuellen Programm?

Appelt: Viele sagen, ich sei durch die vielen Fernseh-Auftritte und „Kabarett aus Franken“ ein bisschen harmloser geworden. Daher gehe ich jetzt wieder ein wenig zurück zu den Anfängen, werde noch provokativer. Ich bin sehr schnell, sehr laut, sehr frech. Ich sage immer: Ich rede extra so schnell, damit ihr euch nicht merken könnt, was ich für einen Mist erzähle! Das heißt, ihr werdet morgens aufwachen und sagen: Wir waren gestern bei Ingo, war super! Was hat er gesagt? Haben wir vergessen – irgendwas mit Sex! Das reizt mich momentan total. Es heißt ja oft, man darf in diesem Land ja nichts sagen. Da sage ich: Jeder sagt alles, und genau das ist das Problem. Alle labern durcheinander, und man kommt nicht mehr klar. Es ist dieses Auseinanderdividieren der Gesellschaft, das ja momentan gerade durch Social Media und die Politik ganz stark betrieben wird – das nervt mich. Eine echte „Allgemeinheit“ gibt es gar nicht mehr. Man ist entweder für Ingo Appelt, oder man ist gegen ihn. Man ist entweder ein Deutscher oder keiner. Es findet gerade eine totale kulturelle Separierung mitten im Land statt – irre!

Wenn Sie auf der Bühne stets Vollgas geben, wie gestalten Sie die Zeit abseits der Auftritte, damit Sie wieder ein bisschen runter- und zur Ruhe kommen?

Appelt: Ich führe einfach ein ganz normales Leben mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich werde in der Öffentlichkeit zwar erkannt, aber ich werde nicht hofiert. Es gibt Kollegen, die ständig mit Personenschützern rumlaufen müssen, mit denen du nirgendwo mehr hingehen kannst, ohne dass über die Straße geschrien wird. Das ist ja nervtötend, und dann verstehe ich auch, dass manche ins Ausland gehen, um dort ein normales Leben führen zu können. Aber ich kann halt nur Deutsch. Und die Schweiz nimmt mich nicht, dafür bin ich zu arm.

Wie schwierig ist es, den Ingo Appelt auf der Bühne auch auf der Bühne auch zu lassen und nicht mit ins Privatleben zu nehmen?

Appelt: Das ist manchmal schon schwierig. Es ist mir leider auch schon passiert, dass ich Leuten aus meinem privaten Umfeld vor den Kopf gestoßen habe. Man ist, gerade direkt nach Auftritten, manchmal irgendwie völlig überdreht.

„Männer müssen nervenstärker sein“

Ihr aktuelles Programm heißt „Männer Nerven Stark“. Mit der Betonung auf „Nerven“ oder auf „Stark“?

Appelt: Beides natürlich. Ich finde, dass Männer nervenstärker sein müssen. Sie rasten viel zu schnell aus. Es wird momentan ja viel über diese permanente mangelnde Resilienz diskutiert. Frauen sind da sehr empfindlich, die Männer aber auch; die sind völlig verunsichert. Da ist einfach so viel Lust an der Gewalt. Und die ist ja sehr männlich. Das war sie schon immer. Männer, Fußball, Sport, Gewalt, Krieg und Ballerspiele: Das hängt schon zusammen. Testosteron macht was mit uns. Und das wird ja immer schlimmer.

Also haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Männer zu ändern?

Appelt: Eigentlich zu erziehen, das wäre der richtige Begriff. Zumindest aber darauf hinzuweisen. Mir geht es eigentlich darum, ein wenig selbstkritisch zu sein. Mir geht es ja auch so: Wenn man bestimmte Dinge über sich weiß, geht man lockerer damit um. Und dann fängt man auch an, sich selbst nicht so wahnsinnig ernst zu nehmen. Das Problem ist, dass die Jungs sich unheimlich ernst nehmen, auch ernst genommen werden wollen. Gleichzeitig ist es unglaublich schwer als Mann, seine Rolle zu finden. Ich weiß gar nicht, was ich den Jungs da sagen soll, denn ich weiß auch nicht, was richtig ist. Ich weiß nur, dass Männer grundsätzlich immer das Problem sind aufgrund des Testosterons. Deshalb erleben wir derzeit weltweit diesen Rachefeldzug. Ob es Trump ist, Putin oder Erdogan – es ist eine Maskulinität, die sehr gewalttätig und sehr kriegsbezogen ist. Wir hatten jetzt 80 Jahre Frieden, eigentlich rüsten wir ab, und jetzt auf einmal heißt es wieder: Wir rüsten auf! Daher bin ich total froh, wenn massenhaft junge Männer auf die Straße gehen und sagen: Wir wollen nicht den Wehrdienst leisten.

Erwischen Sie sich manchmal selbst dabei, dass Sie sagen: Jetzt muss ich auf der Bühne aufpassen, dass ich nicht den moralischen Zeigefinger hebe?

Appelt: Ja, natürlich, das mag ich auch nicht. Moralisieren ist ohnehin nicht mein Thema, ich bin eher antimoralisch. Leute, die moralisieren, gehen mir auf die Nerven. Deswegen bin ich auch nicht in der Politik gelandet: Diesen sogenannten Fraktionszwang, was Politiker zu machen und zu sagen haben, das habe ich noch nie gekonnt. Das ist überhaupt nicht mein Ding.

Karten im Vorverkauf

Karten für Ingo Appelt am 7. November, 20 Uhr, in der Viller Mühle gibt es unter anderem im Kulturbüro Niederrhein in Kleve, Telefon 02821/24161, und unter www.niederrhein-nachrichten.de/ticketshop.

Tickets für Ingo Appelt gewinnen

Die NN verlosen 3 x 2 Karten für den Auftritt von Ingo Appelt in der Viller Mühle. Einfach eine E-Mail mit Name, Anschrift, Telefonnummer und dem Betreff „Ingo Appelt“ an gewinnspiel@nn-verlag.de senden. Einsendeschluss ist Dienstag, 3. November. Die Namen der Gewinner werden unter www.niederrhein-nachrichten.de veröffentlicht.

Als „sehr familiär, direkt und offen“ empfindet Ingo Appelt Auftritte wie in der Viller Mühle – sanfter wird der Comedian deshalb aber nicht. Foto: Leslie Barabasch

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