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Setzen sich auf dem Boeckelter Weg für die Verkehrswende ein: (v.l.) Monika van Bebber, Ralf Sieben und Silvia Mölders. NN-Foto: TL
7. März 2026 · Thomas Langer · Geldern

Kritik und Lob im Diskurs um den Boeckelter Weg

Die Interessengemeinschaft „Verkehrswende Boeckelter Weg“ kommentiert die zweite Planungswerkstatt

GELDERN. Das Projekt Boeckelter Weg in Geldern ist seiner Realisierung ein Stück weit nähergekommen: In einer zweiten Planungswerkstatt haben sich Verantwortliche und Bürger über die Maßnahmen ausgetauscht. Während die Interessengemeinschaft (IG) „Verkehrswende Boeckelter Weg“ an einem entscheidenden Punkt nach wie vor Kritik übt, lobt sie die Verwaltung in anderen.

Für die Initiative ist der Boeckelter Weg mehr als nur eine Straße. Familienbildungsstätte, Schulen, Kita: All das und mehr mache ihn zu einem sozialen Zentrum, sagt Ralf Sieben. „Damit ist es eine Straße von großem Gemeinwohlinteresse“, formuliert es Monika van Bebber. Dementsprechend setzt sich die IG schon viele Monate für mehr Bürgerbeteiligung und Interessenausgleich ein. Dass Bürger, Verwaltung und Experten unter fachkundiger Moderation am 25. Februar fast vier Stunden lang erneut die Köpfe zusammengesteckt haben, zeigt: der Gesprächsbedarf ist nach wie vor groß.

„Verschiedene Themen sind sehr tief diskutiert worden“, erzählt Monika van Bebber. „Alle Seiten haben sich viel Zeit genommen und alle sind zu Wort gekommen“, lobt auch ihre Kollegin Silvia Mölders. Damit habe der Abend zwar einiges gebracht, „aber nicht in dem Ausmaß, wie wir uns das vorgestellt haben“, schränkt sie ein. „Der Ansatz bei der Verwaltung ist ein anderer als bei uns. Wir würden uns wünschen, sie wäre mutiger.“

Damit meinen Mölders, van Bebber und Sieben vor allem einen Paradigmenwechsel ¬– eine kreative, zukunftsorientierte Stadtplanung weg vom Einfluss der PKW-zentrierten Verkehrssichtweise aus den 70er Jahren hin zur Mobilitätswende, gleichberechtigten Teilhabe aller Verkehrsteilnehmer und zum Klimaschutz. Doch genau an jener Mentalitätsänderung entzünde sich aus Sicht der IG derzeit der demokratische Diskurs. Die im Vergleich zur ersten Planungswerkstatt zuletzt von allen Seiten klar und deutlich formulierten Positionen hätten diesen Kern des Konflikts offengelegt.

Nun ist es nicht so, als gebe es gar keine Übereinstimmungen: Ralf Sieben schätzt die deckungsgleichen Positionen durchaus auf 60 bis 70 Prozent. „Die entscheidenden 30 Prozent haben aus unserer Sicht jedoch das kritische Konfliktpotenzial.“ Im Detail bezieht sich die IG dabei vor allem auf das Nahmobilitätskonzept (NMK) der Stadt Geldern.

Eine verpasste Chance

Mit Blick auf den Gemeinwohlaspekt hält Monika van Bebber es für geboten, das NMK „mit seinen tollen Ansätzen“ auch auf den Boeckelter Weg und das umliegende Quartier anzuwenden. „Es wäre eine große Chance, das NMK erstmals zu verwirklichen und als Kommune, die für Klimaschutz und Fahrradfreundlichkeit ausgezeichnet wurde, ein Signal zu setzen.“ Zu beobachten sei derzeit jedoch eher das Gegenteil – für van Bebber „rückwärtsgerichtetes Denken. In dieser Diskussion haben wir gesteckt. Wir haben der Stadt das eigene Konzept entgegengehalten und daraus zitiert.“ Schon vor einem Jahr habe die IG mit dem eigenen Antrag unbewusst fast 1:1 den Wortlaut des NMK aufgegriffen.

„Die Diskussionen haben gezeigt, dass oft dieselben Begriffe verwendet werden, aber nicht dasselbe gemeint wird“, sagt Ralf Sieben. Das konkrete Beispiel: die Verringerung des Verkehrs. Laut Sieben verfolge das NMK bis 2040 das Ziel, den Kfz-Verkehr in Geldern um 30 Prozent zu reduzieren. Das Projekt Boeckelter Weg sei nun das erste große Bauprojekt seit Verabschiedung des NMK, doch „die Zielsetzung scheitert an operativen Abwägungen.“ Laut Verwaltung sei die Verringerung im Boeckelter Weg nun gerade nicht möglich, weil sich Verkehr dann in andere Straßen verlagere.

Mit Blick auf das NMK und den erläuterten Stellenwert des Weges sieht Sieben in den Plänen einen „Widerspruch gegen das eigene strategische Ziel.“ Gleiches gilt für Monika van Bebber: Die Verwaltung habe die Straße so überarbeiten wollen, dass sie sogar mehr Verkehr bewältigen könne. Die IG selbst argumentiert mit der Umgehungsstraße als Alternative. „Möchte man Verkehr reduzieren, dann muss man lenken oder bestimmte Dinge nicht mehr so attraktiv machen für den motorisierten Verkehr“, sagt Silvia Mölders – zusätzlich zum Ausbau von ÖPNV, Fuß- und Radwegen. „Mit der Verkehrslenkung tut sich die Stadt schwer, obwohl sie diese Ziele selbst schon im NMK festgelegt hat.“

Die Verwaltung müsse kreativ Spielräume der Gestaltung nutzen. „Diese Spielräume hat sie von der neuen Straßenverkehrsordnung und dem Nahmobilitätskonzept definitiv bekommen,“ sagt Sieben. Abseits ihrer Kritik können die Vertreter der IG jedoch gleichzeitig von positiven Signalen und Zugeständnissen berichten, „die durch unsere Anregungen übernommen wurden und werden.“

Wie es weitergeht

Im Zuge des Austauschs mit der Bürgerschaft soll der Boeckelter Weg zum Beispiel ein Tempolimit von 30 erhalten. Die Feuerwehr habe diesem Limit ebenfalls zugestimmt, „trotz des zeitlichen Drucks bei Einsätzen“, sagt Sieben.

Eine Umleitung der Linie 36 zu morgendlichen Stoßzeiten soll es ebenfalls geben, wie ein Vertreter der Niag zuletzt bestätigt habe – von fünf auf nur noch einen Gelenkbus, da sie zumeist schon leer waren und keine neuen Fahrgäste auf dem Boeckelter Weg mehr aufgenommen haben. „Danach haben wir schon lange gefragt und die Niag hat es durchgeprüft“, lobt Silvia Mölders.

Lob hat die IG auch für die Zusage neuer Baumstandorte – auch wenn noch unklar ist, wie viele es letztlich werden sollen. „Viele wurden in der Ursprungsplanung wegen Leitungen verworfen oder gar nicht zugelassen“, erläutert Sieben. Die Verwaltung wolle nun prüfen, wo Leitungen bei Bedarf zugunsten neuer Bäume verlegt werden können. „Die Straße wird ohnehin grundlegend saniert.“ Das halte den Mehraufwand in Grenzen.

Angesichts des Durchgangsverkehrs ist insbesondere eine Verbesserung der Situation für Radfahrer und Fußgänger essenziell für die IG. „Im Moment trauen sich die meisten Eltern nicht, ihre Kinder über den Boeckelter Weg fahren zu lassen“, sagt Mölders. Die IG habe zwar einen Plan für eine Fahrrad- oder Einbahnstraße vorgetragen, dieser Ansatz sei jedoch mit Blick auf den Durchgangsverkehr von der Verwaltung abgelehnt worden, sagt Monika van Bebber. Daher habe sich der Fokus der Diskussion auf Schutzstreifen und Piktogrammketten verschoben. Der Forderung nach einem Verbot für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen (Ausnahme Anlieger- und Lieferverkehr) stehe die Verwaltung offen gegenüber.

Die Beschilderung auf anderen Straßen führt den Durchgangsverkehr von Kerken kommend noch durch die Stadt und über den Boeckelter Weg zum Krankenhaus oder zum Seepark. Auch das könnte sich ändern: Eine über die B9/B58 und Umgehungsstraße führende Beschilderung möchte die Verwaltung nun vornehmen. „Zeitlich ist das kein Verlust. Es ist vielleicht ein Kilometer mehr“, sagt Sieben.

Ein häufiger Wunsch – auch von Schülern und Kita-Kindern – sei ein Zebrastreifen vor der Familienbildungsstätte. Auch hier habe die Verwaltung ein Umdenken signalisiert. Keine Zustimmung fand der von der IG angedachte „shared space“ in diesem Bereich. „Aber die Verwaltung möchte sich mit der Ampelschaltung auseinandersetzen und die Einfahrtsituation an beiden Enden verändern“, sagt Mölders. Wer in den Boeckelter Weg einfahre, solle die veränderte Situation nicht nur durch das 30-Schild, sondern zum Beispiel auch durch Verengungen, Grün oder Sitzgelegenheiten erkennen.

Ein Verkehrsgutachten für das gesamte Quartier – ein lange geforderter, zentraler Punkt der IG – soll es immer noch nicht geben. Zumindest aber soll um Pfingsten ein kleiner Versuch erfolgen: mit Verkehrszählungen und Geschwindigkeitsmessungen unter Tempo 30-Bedingungen.

Die Ergebnisse der zweiten Planungswerkstatt sollen schließlich mithilfe einer Abwägungstabelle durch Pro- und Contra-Argumente und einer Stellungnahme in einen Beschlussvorschlag für die Politik einfließen. Die Entscheidung soll im Juni im Bau- und Planungsausschuss fallen. Der Baubeginn soll nach aktuellem Stand 2027 erfolgen.Thomas Langer

Setzen sich auf dem Boeckelter Weg für die Verkehrswende ein: (v.l.) Monika van Bebber, Ralf Sieben und Silvia Mölders. NN-Foto: TL

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