Kritik an Honorarkürzungen für Psychotherapeuten kommt auch aus Straelen
Margit Plum, Sarah Erprath und Maike Görsdorf über die Konsequenzen für Patienten und Kollegen
NIEDERRHEIN. Psychotherapeuten in Deutschland sind alarmiert: Ab April sinken die Honorare für ambulante Psychotherapie als Kassenleistung um 4,5 Prozent. Das hat der Erweiterte Bewertungsausschuss auf Bestreben des Spitzenverbands gesetzlicher Krankenkassen entschieden, um Kosten einzusparen. Damit stellt sich die Politik aktiv gegen Proteste der Berufsgruppe und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die nun vor noch gravierenderen Engpässen in der Versorgung psychisch kranker Menschen warnen.
Maike Görsdorf, Sarah Erprath und Margit Plum sind psychologische Psychotherapeutinnen in eigener Praxis in Straelen und behandeln Menschen mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen. Dabei ist ihre Praxis mit Einzeltherapien, Gruppentherapien und Rehanachsorge Angeboten voll ausgelastet. On Top kommen langen Wartelisten, wie überall im Kreis: „Bei mir melden sich in der Woche etwa sechs bis sieben Personen, die einen Therapieplatz benötigen“, sagt Erprath. Der Leidensdruck der Betroffenen ist groß, genau wie die Versorgungslücke. Laut Bedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, kommt ein zugelassener Kassensitz im Kreis Kleve rein rechnerisch auf etwa 5.736 Menschen, gemessen an der Einwohnerzahl. In einigen Fällen teilen sich mehrere Psychotherapeuten einen Sitz. Im Kreis Wesel entspricht im Bedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein rechnerisch ein Psychotherapeut einem Versorgungsbedarf von etwa 5.270 Einwohnern. „Großstädten steht laut Bedarfsplanung ein besserer Schlüssel zu, dadurch wird die ländliche Versorgung in allen Facharztbereichen mit weniger Bedarf berechnet. Dies entspricht aber nicht der tatsächlichen Therapieplatznachfrage“, wie die Therapeutinnen weiter erläutern.
Die Probleme, die aufgrund der Honorarkürzung entstehen könnten, bewerten die Therapeutinnen als vielschichtig. Zum einen könne es die Anzahl an Fachkräften in den kommenden Jahren einschränken: „Viele werden sich aus wirtschaftlichen Gründen genau überlegen, ob sich die langjährige Ausbildung am Ende überhaupt für sie rentiert“, sagt Görsdorf. „Die Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten ist langwierig und teuer. Nach abgeschlossenem Studium folgt eine Fachweiterbildung, mit hohen Kosten, die bislang von den angehenden Psychotherapeuten selbst getragen wird. Um einen Kassensitz zu erlangen werden weitere hohe Ablösesummen gezahlt.“ Die meisten Therapeuten starteten dadurch erst spät in den Beruf. Häufig mit hohen Schulden, ohne bis dahin ausreichend fürs Alter vorgesorgt zu haben. „Diese Zeit lässt sich bei unkalkulierbarer Vergütung irgendwann nicht mehr ausgleichen. Das macht den Beruf aktuell für junge Menschen sehr unattraktiv“, berichtet Görsdorf weiter.
Sparen am falschen Ende
Dazu kommt, dass die Arbeitslast, oft über eine normale Vollzeitstelle hinaus gehe. „Psychotherapie ist eine hoch emotional belastende Arbeit. Patienten können nicht wie am Fließband abgearbeitet werden. Im Durchschnitt schaffen wir 25 bis 30 Patientenstunden pro Woche. Dazu kommen Vor- und Nachbereitungszeit sowie Verwaltungsarbeit für die Praxis bei steigenden Kosten“, berichtet Görsdorf. Hierbei sind sich alle einig: „Die plötzliche Kürzung des Honorars ist eine Herabwürdigung des Berufs, für dessen adäquate Bezahlung jahrelang gekämpft werden musste.“ Tatsächlich kann ambulante Psychotherapie nachweislich den Gesundheitszustand der Patienten nicht nur verbessern, sondern auch stationären Aufenthalten in einer Psychiatrie vorbeugen. Nach Einschätzung des GKV-Spitzenverbands aus dem vergangenen Jahr, seien es gerade Klinikaufenthalte, die die Kosten für die Versicherungen erheblich in die Höhe trieben.
Eine Vielzahl an Therapeuten könnte zukünftig entscheiden, mehr Privatpatienten und Selbstzahler zu behandeln, da die Vergütung für diese Gruppen von den Kürzungen nicht betroffen sei. In allen Fällen tragen Kassenpatienten die Konsequenzen, in dem sich Wartezeiten noch weiter verlängern. Und das übe neuen psychischen Druck aus, wie Margit Plum erklärt: „Die Hemmschwelle sich seinen Problemen zu stellen und einen Therapieplatz zu suchen, ist per se sehr hoch. Dann haben Betroffene oft bereits viele Jahre an Leid hinter sich und werden zusätzlich aufgrund von einem Mangel an Plätzen mit vielen Absagen konfrontiert. Jetzt zu hören, dass die Honorare gekürzt und die Wartelisten vermutlich noch länger werden, erhöht den Leidensdruck der Erkrankten nur umso mehr.“
Was man tun kann
Es sei wichtig, aufzuklären: „Die Regelung kann noch zurückgenommen werden“, sagt Görsdorf. Interessierte die sich gegen das neue Gesetz einsetzen möchten, könnten sich an die lokale Politik richten, damit ihre Stimme über die Lokale- und Landesebene schließlich auch beim Bund ankomme. Eine Petition soll ebenfalls dabei helfen. Diese finden Interessierte unter www.change.org.
Margit Plum, Sarah Erprath und Maike Görsdorf würden trotz der aktuellen Umstände wieder ihren Beruf wählen. Dennoch werden sie sich weiter für eine gerechte Vergütung ihrer Arbeit einsetzen, um ihre Patienten vollumfänglich zu unterstützen. So betonen sie abschließend, was ihnen besonders wichtig ist: „Trotz dieser neuen Regelung wird sich für unsere bestehenden Therapien nichts verändern“. Aber die Sorge vor der Versorgungssituation bleibt. „Die Versorgung für Kinder ist im Kreis noch schwieriger als
für Erwachsene, nicht nur hinsichtlich Psychotherapie, sondern auch bei allen anderen Fachärzten. Schon jetzt sind etwa 46 Hausarztsitze im Kreis nicht mehr besetzt. Es fehlen Kinderärzte, Neurologen und Psychiater.“
(V.l) Maike Görsdorf, Sarah Erprath und Margit Plum kämpfen für eine gerechtere Gesundheitspolitik, die Fachkräfte und Patienten unterstützt. NN-Foto: J. Kurschatke