Klaus Wolfertz aus Xanten erhält das Bundesverdienstkreuz
Seit vier Jahrzehnten engagiert sich der 70-Jährige für Menschen in Nigeria. Mit dem Freundeskreis Nigeria hat er zahlreiche Hilfsprojekte zur Selbsthilfe auf den Weg gebracht.
XANTEN. Auf den Esstisch habe seine Familie oft verzichten müssen. „Er hatte sogar den großen Vorteil: Er war ausziehbar“, sagte Klaus Wolfertz (70). Da er noch kein Büro gehabt habe, als seine drei Kinder noch zuhause gelebt hätten, habe er den Esstisch im Xantener Eigenheim schlichtweg immer zu „seinem“ Büro umfunktioniert. Nicht nur hier mussten die drei Kinder sowie Ehefrau Ulla Verständnis für das zeitaufwendige Ehrenamt ihres Vaters und Ehemannes aufbringen. Allerdings sei das Ehrenamt in den 1980er Jahren ebenfalls in sein Leben getreten, als er seine Ehefrau Ulla kennengelernt habe. Sie machte ihn mit Mike Chukwuma bekannt. Der gebürtige Nigerianer lebt heute in der Schweiz, hat aber mit Klaus Wolfertz und dem Freundeskreis Nigeria etliche Projekte in dem mit Abstand bevölkerungsreichstem Land Afrikas in den vergangenen 40 Jahren umgesetzt. Für dieses Engagement erhielt Klaus Wolfertz nun das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
In seiner Laudatio zitierte Kreis Wesels Landrat Ingo Brohl ein Zitat des französischen Schriftstellers André Gide: „Das größte Glück der Erde liegt nicht darin, zu besitzen, sondern darin, zu geben.“ Dieser Satz habe ihn, als er ihn kürzlich gehört habe, direkt an Klaus Wolfertz erinnert, „weil es Ihr Handeln so treffend zusammenfasst“. Dieses Motto bringt zum Ausdruck, worum es in Ihrem Lebenswerk geht. Geben heißt nicht einfach schenken; Geben heißt Chancen ermöglichen, Selbstständigkeit fördern und Verantwortung teilen. Gerade das Projekt der Mikrokredite für Frauen (Das Mikrokreditprojekt des Freundeskreises Nigeria Xanten soll Frauen in Nigeria durch kleine Darlehen dabei unterstützen, eine eigene wirtschaftliche Existenz aufzubauen und ihre Familien finanziell unabhängiger zu machen; Anm. d. Red.) ist dafür ein leuchtendes Beispiel: Es verwandelt Mitgefühl in wirtschaftliche Teilhabe, fördert Selbstwert und macht Gemeinschaft stark“, sagte Brohl.
Schon das erste Projekt, das Klaus Wolfertz gemeinsam mit Mike Chukwuma 1986 – also vor genau 40 Jahren – umsetzte, verbesserte die Lebenssituation der Menschen in Nigeria. „Damals war in der Presse ja immer wieder zu lesen, dass ausrangierte Krankenwagen ins Ausland gehen, weil sie dort noch gebraucht werden können“, erinnerte sich Wolfertz, der bis zu seiner Pension in unterschiedlichen Funktionen beim Kreis Wesel beschäftigt war: „Damals war ich im Zivil- und Katastrophenschutz tätig und dachte mir: Wir haben hier doch einen ausrangierten Krankenwagen. Können wir diesen nicht nach Nigeria bringen?“ Gemeinsam mit Mike Chukwuma, den Wolfertz‘ Frau Ulla 1982 bei einer Messe im Xantener Dom und einem anschließenden Austausch in der Pfarrkirche kennenlernte, setzte Wolfertz dieses Projekt schließlich um und sorgte dafür, dass der ausrangierte Krankenwagen nach Nigeria kam und dort als Art „fahrende Hausarztpraxis“ zum Einsatz kam. „Damals starben viele Menschen dort an ganz einfachen, simplen Erkrankungen, weil es schlichtweg keine ärztliche Versorgung gab“, erinnerte sich Wolfertz. Der Krankenwagen trug letztlich dazu bei, dies zu ändern.
Mit Mike Chukwuma verbindet das Ehepaar Wolfertz inzwischen eine über vier Jahrzehnte bestehende tiefe Freundschaft. Er ließ es sich daher auch nicht nehmen, aus der Schweiz anzureisen und Klaus Wolfertz persönlich zum Bundesverdienstkreuz zu gratulieren. Dieser wiederum bedankte sich bei all seinen Weggefährten der vergangenen Jahrzehnte – angefangen bei seiner Ehefrau Ulla, den Kindern, den vier Brüdern, der Familie allgemein, aber auch Freunden und der Eine-Welt-Gruppe Xanten (EWGX), für die Wolfgang Schneider stellvertretend auch ein paar anerkennende und persönliche Worte sprach. Er erinnerte etwa daran, dass Wolfertz‘ mit dem Freundeskreis Nigeria schließlich ein Teil des Vereins Eine-Welt-Gruppe Xanten wurde, um ihm seine Arbeit leichter zu machen. Es sei dadurch gewiss nicht weniger Arbeit für Wolfertz geworden, aber er habe durch den Verein im Hintergrund etwa Spendenquittungen ausstellen können, was an einigen Stellen schon sicherlich hilfreich gewesen sei.
Klaus Wolfertz selber betonte in seinen Dankesworten, dass er in den vergangenen vier Jahrzehnten selbst lieber „in zweiter oder dritter Reihe“ agiert habe. Selbst im Mittelpunkt zu stehen sei nicht seins gewesen. Er habe lieber im Hintergrund gearbeitet und Projekte dadurch angeschoben. Als Landrat Ingo Brohl ihn angerufen habe, um ihm mitzuteilen, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihm auf Vorschlag des NRW-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland – kurz: das Bundesverdienstkreuz – verleihen möchte, habe er sofort gedacht: „Habe ich das überhaupt verdient? Bin ich dem überhaupt würdig?“ Einige schlaflose Nächte seien gefolgt. Doch Ingo Brohl fasste in seiner Laudatio treffend zusammen, warum Klaus Wolfertz, der sich zudem in das Goldene Buch der Stadt Xanten eintragen durfte, ein würdiger Träger des Bundesverdienstkreuzes ist: „Ihr Einsatz zeigt in besonderem Maße: Solidarität beginnt hier, vor unserer Haustür, und reicht weit darüber hinaus. Bei all dem steht die Würde jedes Menschen im Mittelpunkt Ihres Handelns — ein Grundsatz, der aus Ihrem christlichen Menschenbild erwächst. Doch Ihr Engagement ist offen für alle: Es führt Menschen verschiedener Herkunft, Altersgruppen und sozialer Hintergründe zusammen und bereichert so unseren Niederrhein-Kreis. Die Brücken, die Sie gebaut haben und tagtäglich bauen, verbinden unsere Gemeinden mit Menschen in anderen Teilen der Welt und schärfen das Bewusstsein dafür, dass globale Gerechtigkeit hier bei uns beginnt.“
Klaus Wolfertz
Klaus Wolfertz ist seit Jahrzehnten Mitglied des in Jahr 1987 gegründeten Vereins „Eine-Welt-Gruppe Xanten e.V.“ (EWGX), deren Vorstand er seit 2010 angehört. Der heute 70-Jährige hat den „Freundeskreis Nigeria“ als eine Abteilung der „EWGX“ gegründet. Seit 30 Jahren unterstützt der Freundeskreis Projekte der Hilfe zur Selbsthilfe in Enugu State im Süden Nigerias, dem ehemaligen „Biafra-Gebiet“. Alle Projekte werden von den Menschen in Nigeria ausgeführt, die Schwerpunkte liegen in der Unterstützung und Berufsausbildung von Waisen, Straßenjugendlichen und Behinderten sowie in der Entwicklung der Dörfer zur Vermeidung von Landflucht. Weitere Projekte sind LKW-Transporte nach Nigeria, die Bereitstellung einer Reisschälmaschine, eine Fraueninitiative (Mikro-Kredite für Frauen), die Reparatur von Grundschulgebäuden sowie der Aufbau von Trockentoiletten. Die Initiative „Runder Tisch Kommunale Entwicklungszusammenarbeit Xanten“ leitet Klaus Wolfertz seit 1997 und war 1999 und 2000 Mitorganisator der „Eine-Welt-Wochen“, 2004 und 2005 des 1. und 2. „Globusfestes“ sowie 2006 der „Xantener Weltwochen“. Klaus Wolfertz war 2012 zudem Mitinitiator bei der Bewerbung Xantens zur Fairtrade-Stadt und initiierte die Gestaltung von zahlreichen Stromkästen in Xanten mit Motiven aus der „Einen Welt“. An der Aktion waren Kindergärten, Schulklassen aller Schulformen und einzelne Künstler beteiligt. In enger Zusammenarbeit mit der damaligen Klima-Beauftragten der Stadt Xanten plante Klaus Wolfertz die „Klima-Wochen“ im Jahr 2021 und betrieb für mehrere Jahre eine Fahrradwerkstatt für Geflüchtete in der Siegfriedstraße im Rahmen des „Arbeitskreises Asyl“.
Klaus Wolfertz durfte sich auch in das Goldene Buch der Stadt Xanten eintragen. NN-Foto: Theo Leie
Xantens Bürgermeister Rafael Zur, Ehefrau Ulla Wolfertz, Würdenträger Klaus Wolfertz und Landrat Ingo Brohl. NN-Foto: Theo Leie
Redakteurin in Xanten, Kalkar, Rheinberg und Alpen sowie Büderich und Ginderich