Hospizgruppe Emmerich: „Wir werden nicht erst aktiv, wenn die Menschen sterben“
Koordinatorin Stefanie Braunheim spricht im NN-Interview über Sterbe- und Trauerbegleitung, die Entlastung von Angehörigen und die Suche nach neuen Ehrenamtlichen.
EMMERICH. Seit 35 Jahren begleitet die Hospizgruppe Emmerich schwerstkranke und sterbende Menschen sowie deren Angehörige. Doch trotz ihres langjährigen Engagements ist die Arbeit der Gruppe in der Stadt längst nicht allen bekannt. Zum 35. Jubiläum spricht Koordinatorin Stefanie Braunheim im NN-Interview über die vielfältigen Aufgaben der Ehrenamtlichen, die Bedeutung von Trauer- und Sterbebegleitung und die Herausforderungen, vor denen der ambulante Hospizdienst steht.
Frau Braunheim, die Hospizgruppe Emmerich feiert ihr 35-jähriges Bestehen. Wie präsent ist dieses Jubiläum in der Öffentlichkeit – sprich, wie bekannt ist die Hospizgruppe nach dieser Zeit in Emmerich?
Stefanie Braunheim: In der Öffentlichkeit ist es offenbar nicht wirklich präsent, denn wir hören recht häufig, dass viele uns immer noch nicht kennen – nicht wissen, wer wir sind und wie wir arbeiten.
Auch über die Hospizarbeit hinaus.
Braunheim: Richtig. Zweimal im Jahr organisiere ich beispielsweise die Sternenkinderbestattung, da eine Kollegin seinerzeit mit initiiert hat, dass es das Sternenkindergrab gibt. Zudem nehmen wir seit nunmehr zwei Jahren den Welthospiztag zum Anlass, um mit einem Infostand auf dem Wochenmarkt zu stehen. Ich werde auch vom Gymnasium und von der Gesamtschule immer wieder angefragt, wenn sie im Rahmen des Religionsunterrichts über Tod, Trauer und Sterben sprechen. Wir haben es uns zum Ziel gemacht, diese Themen aus der Tabuzone herauszuholen. So möchten wir einerseits sichtbarer werden, andererseits den Menschen die Scheu nehmen und unsere Arbeit erklären. Wir werden nicht erst aktiv, wenn die Menschen sterben, sondern begleiten auch vorher, bieten Besuchsdienste an. Man kann uns zu jeder Zeit für alles ansprechen kann, was das Thema Trauer und Sterben betrifft.
Gedanke ans Sterben „macht schon Angst“
Weshalb besteht beim Thema Sterben dieses Tabu?
Braunheim: Ich kann nur vermuten, dass viele Menschen sich nicht mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen möchten. Der Gedanke: „Irgendwann kann es mich vielleicht treffen“, macht ja schon Angst. Keiner möchte wirklich sterben.
Bei Ihnen im Verein steht eine Namensänderung an?
Braunheim: Stimmt, wir wollen künftig als „Ambulante Hospizgruppe Emmerich“ firmieren. Viele verstehen den Unterschied nicht: Wir sind ein ambulanter Dienst und kein stationäres Hospiz.
Wie sieht die Arbeit der Ehrenamtlichen bei Ihnen aus?
Braunheim: Wir bieten mehr als reine Sterbebegleitung. Wir übernehmen auch Besuchsdienste, sei es im Krankenhaus, in Senioreneinrichtungen oder im Privaten. Dazu sage ich immer: Wenn es absehbar ist, sobald es also eine Diagnose gibt, die früher oder später zum Tod führt, kann man uns anrufen! Denn manche unserer Ehrenamtler lernen die Menschen gerne vorher schon kennen – und setzen sich nicht nur für eine Stunde ans Sterbebett als reine Sitzwache. Deshalb: Ruhig rechtzeitig anrufen.
Wie läuft der erste Kontakt ab?
Braunheim: Ich führe die Erstgespräche, und dann schauen wir, wann Hilfe benötigt wird und zu welcher Uhrzeit. Dann ist es meine Aufgabe, die Ehrenamtler abzutelefonieren und zu organisieren, dass wir die Bedarfszeiten abdecken.
„Wir entlasten auch die Angehörigen“
Begleiten Sie in erster Linie oder sogar ausschließlich Alleinstehende oder auch Menschen mit Angehörigen?
Braunheim: Sowohl als auch. Alleinstehende haben wir tatsächlich seltener. Oftmals lebt die Familie auswärts; das ist meistens der Fall, wenn wir aus Senioreneinrichtungen oder dem Krankenhaus Anrufe erhalten. Und selbst wenn Angehörige vor Ort leben, stehen wir begleitend zur Entlastung der Angehörigen zur Seite. Wer über Monate oder Jahre Angehörige zu Hause selbst pflegen muss, hat irgendwann keine Kraft mehr. Es ist kräftezehrend, wenn man 24 Stunden, rund um die Uhr über Monate seinen Angehörigen begleitet oder betreut. Wir sorgen dann für Entlastung, dass die Menschen mal raus können, dass sie ein paar Stunden in Ruhe schlafen können, dass sie einfach mal an die Luft gehen, einen Spaziergang machen oder sich zum Kaffee mit einer Freundin treffen können. Und auch in Senioreneinrichtungen ist es für die Angehörigen wichtig zu wissen: Auch wenn sie selbst mal nicht vor Ort sind, ist Mama oder Papa nicht die ganze Zeit allein. Dann organisieren wir es, dass abends jemand zumindest für ein paar Stunden am Bett sitzt.
Begleiten Sie die Hinterbliebenen auch nach dem Tod des Angehörigen während einer Trauerphase?
Braunheim: Natürlich sind wir auch im Nachhinein immer ansprechbar. Aber da kommen bei uns wirklich wenige Anrufe an. Aber es gibt auch diese Fälle. Zurzeit begleiten wir beispielsweise eine junge Frau, und vor zwei Jahren haben wir zwei junge Familienväter begleitet, die dann auch verstorben sind. Da sagen wir immer: Ihr könnt uns jederzeit anrufen, auch im Nachhinein sind wir da, wenn irgendwas ist. Wir versuchen auch immer weiterzuvermitteln.
28 aktive Begleiter – auch für offenen Besuchsdienst
Wie viele ehrenamtliche Begleiter haben Sie aktuell, und wie viele Menschen begleiten diese im Jahr?
Braunheim: Wir haben im Moment auf der Ehrenamtsliste 57 Mitglieder. Davon sind 28 derzeit ganz aktiv in der Begleitung, von denen wir bis zu 50 im Jahr haben. Dieses Jahr war es bislang – ich sage mal – noch relativ ruhig. Deswegen haben wir mit den Einrichtungen vor Ort abgesprochen, dass wir jetzt auch einen offenen Besuchsdienst durch unsere Ehrenamtler anbieten. Hintergrund ist, dass wir so nicht nur die Ehrenamtler am Ball halten, sondern uns auch bekannter machen, einfach dadurch, dass wir so schon früher mit ins Boot geholt werden. Die Menschen können uns dadurch als ambulante Hospizgruppe kennenlernen.
Sind 28 aktive Begleiter dafür ausreichend?
Braunheim: Es klingt erst mal viel, wenn wir dann aber plötzlich drei bis vier Begleitungsanfragen haben, wird es doch wieder eng. Denn manche können nur am Wochenende; viele sind auch noch berufstätig und können nur zu bestimmten Zeiten. Dann haben wir Ehrenamtler, die sich selbst eine Auszeit nehmen aus familiären oder gesundheitlichen Gründen oder die mal für ein paar Wochen im Urlaub sind. So bleiben auf einmal von 28 nur noch fünf bis zehn Begleiter, die ein ganzes Jahr tragen. Deshalb startet Ende September wieder ein neuer Vorbereitungskurs, bei dem wir komplett selbstständig ausbilden mit einem ganz neuen Ausbildungskonzept. Wir haben bereits acht neue Interessenten gefunden, die dann ab nächstem Jahr auch mit auf der Liste stehen und hoffentlich am Ball bleiben werden nach dem Kurs.
Was bewegt Menschen dazu, sich ehrenamtlich in der Hospizgruppe zu engagieren?
Braunheim: Das ist recht unterschiedlich. Manche haben sich dafür entschieden, weil sie dieses Thema interessiert. Bei anderen hängt es mit dem Glauben zusammen. Manche sind auch neugierig: Spüre ich etwas, wenn jemand verstirbt? Wie ist es, dabei zu sitzen? Einige haben auch selbst schon einen geliebten Menschen verloren. Aber viele machen es einfach, weil sie die Menschen mögen und den Menschen etwas Gutes tun möchten. Sie tun es aus Nächstenliebe.
Offizielle Jubiläumsfeier mit kleinem Festakt
Am 11. Oktober wird nun das Jubiläum gefeiert. Was ist für diesen Tag geplant?
Braunheim: Wir feiern im PAN Kunstforum im Emmerich in der Zeit von 11 bis 15 Uhr. Es ist die offizielle Jubiläumsfeier mit Begrüßung, einer kurzen Festrede, einem kleinen Festakt. Wir haben einen großartigen Dozenten gewinnen können: Dr. Martin Kreuß wird einen Vortrag zum Thema Männertrauer halten. Zudem haben wir Lou Dynia für uns begeistern können, einen Musiker und Songwriter, der Lieder über Themen schreibt, die uns im Leben begegnen, auch über Abschiede. Bei Fingerfood und Getränken gibt es dann noch Gelegenheit zum Austausch und zu Gesprächen.
Abschließend ein Blick in die Zukunft: Wie sehen Sie die Hospizgruppe aufgestellt?
Braunheim: Vor allem hoffe ich, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer genug Ehrenamtler haben, die bereit sind, in die Begleitung zu gehen und wir so die Begleitzahlen erreichen, die wir brauchen. Ein guter Bekanntheitsgrad gehört ebenfalls dazu, da es uns wichtig ist, dass niemand allein zu Hause ist, weil man erst im Nachhinein von uns erfährt. Außerdem planen wir, einen Trauerbriefkasten, wie es ihn inzwischen in Rees gibt, auch in Emmerich zu initiieren.
Kontakt zur Hospizgruppe Emmerich
Kontakt zur Hospizgruppe Emmerich über Koordinatorin Stefanie Braunheim unter Telefon 02822/9617878 und per E-Mail an hospiz@hospiz-emmerich.de; weitere Infos unter www.hospiz-emmerich.de.
Stefanie Braunheim, Koordinatorin der Hospizgruppe Emmerich. Foto: privat