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Pascal Wieners, Olga Dortmann und Manrico Preissel (v.l.) stellten den Gesundheitsreport der AOK Rheinland/Hamburg vor. NN-Foto: SP
29. Juli 2025 · Sabrina Peters · Niederrhein

Gesundheitsreport der AOK zeigt: Die hausärztliche Weiterbehandlung ist oft lückenhaft

AOK-Gesundheitsreport: Hausärzte führen Therapien von Fachärzten oft nicht konsequent fort / Viele unnötige Krankenhausfälle in den Kreisen Kleve und Wesel

KREIS KLEVE/KREIS WESEL. In Deutschland gilt das Prinzip der freien Arztwahl: Patienten können sich sowohl ihren Hausarzt als auch direkt einen Facharzt ohne Überweisung auswählen. Dennoch setzt die hausärztlich zentrierte Versorgung (HZV) auf ein anderes Modell: Der Hausarzt fungiert hier als erster Ansprechpartner und Koordinator der gesamten medizinischen Betreuung. Ziel ist eine schnellere, umfassendere und besser abgestimmte Versorgung, bei der der Hausarzt die Behandlung steuert und bei Bedarf an Fachärzte überweist. Der aktuelle Gesundheitsreport der AOK Rheinland/Hamburg zeigt jedoch, dass diese koordinierte Rolle des Hausarztes in der Realität häufig nicht konsequent wahrgenommen wird – insbesondere, wenn es um die Weiterführung fachärztlicher Diagnosen und Therapieempfehlungen geht.

Die AOK Rheinland/Hamburg hat dazu Abrechnungsdaten ihrer Versicherten in einem Zeitraum von 180 Tagen nach der Diagnosestellung durch einen Facharzt untersucht und ausgewertet, ob fachärztliche Befunde und Therapieänderungen in der Behandlung durch Hausärzte auch berücksichtigt wurden und ist dabei zu dem Fazit gekommen, dass das in vielen Fällen nicht passiert.

So werde die Weiterbehandlung der von einem Facharzt gestellten chronischen Lungenerkrankung wie Asthma oder COPD nur in jedem dritten Fall von einem Hausarzt fortgeführt. Bei einer Herzinsuffizienz sei es sogar nur bei jedem vierten Patienten und bei einer chronischen Nierenerkrankung nur bei jedem fünften Patienten der Fall. „Wo die genauen Gründe dafür liegen, wissen wir nicht“, sagt Manrico Preissel, Regionaldirektor der AOK für die Regionaldirektion Kleve-Wesel. Zwar sei nicht in jedem individuellen Fall – zum Beispiel bei Krankheiten im frühen Stadium – auch eine hausärztliche Weiterbehandlung wirklich notwendig, insgesamt sei das Ausmaß der hausärztlichen Weiterbehandlung aber trotzdem zu niedrig. Schließlich sei stark davon auszugehen, dass die Patienten ohne ärztliche Weiterbehandlung nicht alle plötzlich von ihrer chronischen Erkrankung genesen seien oder sich noch in einem frühen Stadium befänden. Es sei zudem auch nicht davon auszugehen, dass alle Patienten keine Weiterbehandlung durch den Hausarzt gewünscht hätten.

Bei der Betrachtung des Alters sei zudem zu erkennen, dass mit zunehmendem Alter auch die Weiterbehandlungsrate durch den Hausarzt abnehme. Bei über 65-Jährigen liege sie bei den AOK-Krankenversicherten nur noch bei 50 Prozent. „Bei älteren Menschen und Pflegebedürftigen zeigen sich hier also Probleme“, bilanziert Preissel. Mit 87 Prozent hätten Menschen unter 40 Jahren dagegen die höchste Weiterbehandlungsrate.

Im Bereich der medikamentösen Therapie würden die fachärztlichen Änderungen bei Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes und der chronischen Nierenkrankheit von Hausärzten zumeist übernommen werden. Bei chronischen Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD werde die geänderte Therapie hingegen nur in weniger als der Hälfte der Fälle fortgeführt. „Das kann natürlich viele Gründe haben, zum Beispiel, weil ein Patient das Medikament nicht verträgt. Aber dass dies bei so vielen Patienten der Fall ist, ist ausgeschlossen“, betonen Preissel sowie Olga Dortmann, Referentin für Gesundheitsmanagement bei der AOK Rheinland/Hamburg, unisono.

Insgesamt kommt der Gesundheitsreport, an dem auch Dortmann mitgearbeitet hat, zu dem Fazit, dass die niedrige hausärztliche Weiterbehandlung auch auf Probleme im Informationsaustausch hindeutet. Um das weitergehend zu prüfen, hat sich die AOK ebenfalls angesehen, wie genau der Hausarzt die Informationen eines Facharztes im Krankenhaus oder in einer Praxis übernehme. Bei einer Diabetes-Erkrankung würde etwa nur in 57 Prozent der Fälle angegeben werden, ob es sich um eine Typ-1- oder Typ-2-Erkrankung handele. Dies könne etwa einen zu hohen Dokumentationsaufwand als Grund haben. „Hier hoffen wir, dass die digitale Patientenakte zukünftig helfen wird. Internationale Vergleichsstudien zeigen, dass Deutschland Schlusslicht in Bezug auf den Informationsaustausch und die digitale Vernetzung im Gesundheitswesen ist. Das muss sich ändern“, sagt Pascal Wieners, Leiter des Regionalen Gesundheitsmanagement in der Regionaldirektion Kleve-Wesel. Er betont zudem, dass die immer prekärer werdende hausärztliche und besonders fachärztliche Versorgung in den Kreisen Kleve und Wesel an all diesen Erkenntnissen nicht schuld sei.

Anders sehe das aber wohl beim Thema Krankenhausfälle aus. Hier ist der Kreis Kleve nämlich mit 278,1 Krankenhausaufenthalten pro 1000 Krankenversicherten im Jahr 2024 trauriger Spitzenreiter im Gesundheitsreport der AOK Rheinland/Hamburg. Der Kreis Wesel ist mit 260 Krankenhausfällen pro 1000 Krankenversicherten auch nur knapp dahinter. „Bei bestimmten Krankenhausfällen bestehen zudem Zweifel, ob eine stationäre Aufnahme medizinisch tatsächlich erforderlich war“, sagt Preissel. Im Kreis Kleve seien 2024 46,6 von 1000 Krankenhausfällen wohl eine primäre Fehlbelegung gewesen – auch da führt der Kreis Kleve die Liste an. Im Kreis Wesel seien es immerhin nur 38,4 Krankenhausfälle mit einer primären Fehlbelegung gewesen.

Viele Krankenhausfälle sind vermeidbar

Die Zahlen der potentiell vermeidbaren Krankenhausfälle liegen sogar noch höher: Hier seien 2024 im Kreis Kleve 83 Krankenhausbesuche pro 1000 Krankenversicherten vermeidbar gewesen, womit sich der Kreis Kleve ebenfalls an die Spitze setzte. Im Kreis Wesel waren es immerhin noch 75 vermeidbare Krankenhausfälle pro 1000 Krankenversicherten. „Wir vermuten, dass das daran liegt, dass in den Kreisen Kleve und Wesel mehr Patienten einen Krankenwagen rufen, weil sie etwa nicht selbst in die Sprechstunde der Notdienstpraxen aufgrund der fehlenden Mobilität durch einen eigenen PKW oder des fehlenden öffentlichen Personennahverkehrs kommen können. Da eine Leerfahrt nicht bezahlt wird, nehmen die Rettungskräfte die Patienten dann mit und diese verbleiben oft sogar noch eine Nacht im Krankenhaus, obwohl dies eigentlich nicht unbedingt notwendig ist“, mutmaßt Preissel. Auffällig sei auch, dass nach jedem sechsten Krankenhausfall von Patienten über 65 Jahren innerhalb von 30 Tagen eine stationäre Wiederaufnahme erfolge. Dies wiederum könne eine Folge der fehlenden hausärztlichen Weiterversorgung in dieser Altersgruppe sein.

Sabrina Peters

Pascal Wieners, Olga Dortmann und Manrico Preissel (v.l.) stellten den Gesundheitsreport der AOK Rheinland/Hamburg vor. NN-Foto: SP

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