Gespräche um Leben und Tod am Stiftsgymnasium Xanten
Abiturienten finden einen künstlerischen Zugang zum Thema Vergänglichkeit
XANTEN. „Wir werden alle sterben, jeder von uns“, schrieb der amerikanische Dichter Charles Bukowski vor mehr als 30 Jahren in sein später veröffentlichtes Tagebuch. Auch ohne seine Worte ist diese ernüchternde Erkenntnis jedem bewusst, wird aus Unbehagen oft aber nicht angesprochen. Das der Tod jedoch auch viele positive Blickwinkel auf das Leben bietet und das Eine nicht ohne das Andere existieren kann, hat eine Gruppe von Abiturienten am Stiftsgymnasium Xanten gelernt. Gespräche mit einem Team aus der ambulanten Sterbebegleitung sowie die Gestaltung eines Kunstprojekts zum Thema Tod und Leben, dienten dabei als Brücke.
„Am Ende der Schulzeit treten existenzielle Themen noch einmal zu uns heran. Obwohl die Schüler jetzt bald einen neuen Lebensabschnitt beginnen“, sagt Lehrerin Kristina Peters, die das Projekt im Religionsunterricht der Q2 durchführt. Der religiöse Aspekt muss dabei nicht zwingend eine Rolle spielen: „Für manche Schüler sind Themen wie Religion und Theologie sehr entfernt. Daher versuchen wir, verschiedenen Materialien zu nutzen, um einen Zugang zu der Frage zu finden, was am Ende des Lebens passiert und wo unser Platz sein wird.“ Das Zentrum des Kunstprojekts sind Stühle. An ihnen hatten die Schüler die Möglichkeit, ihren Assoziationen freien Lauf zu lassen. Zentrale Fragen waren zum Beispiel: Was kommt nach dem Tod? Und muss man davor Angst haben?
Gestaltet wurden die Stühle dann nach Lust und Laune der Jugendlichen. Finja wählte beispielsweise einen religiösen Ansatz. Ihr Stuhl zeigt auf der Sitzfläche eine grüne Wiese, auf der sich Figuren von Weidetieren und Menschen befinden. „Mein Stuhl symbolisiert die Idee, dass es einen Himmel und eine Hölle gibt. Die Menschen befinden sich unter einem blauen Himmel mit Wolken, aus denen zwei goldene Hände hervorstehen. Diese sollen Gott symbolisieren“, erklärt die Abiturientin. Auf den zweiten Blick fällt einem unterhalb der Weide dann auch die „Hölle“ auf. Genau genommen eine Dornenkrone, die unter der Sitzfläche hängt. Eine angedeutete Reliquie, die für das Leid Jesus Christus stehen soll.
Merlin interpretiert das Thema für sich mit dem Aspekt Krieg und Frieden. Aktuell beschäftige ihn in diesem Zusammenhang der Gaza-Krieg: „Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass zu einem Krieg immer zwei gehören. Nicht nur einer sollte schuld sein.“ Sein Stuhl zeigt genau diese Zwei Seiten: eine israelische sowie palästinensische Flagge, darüber hinaus ein Kissen mit einem Bild. Es zeigt zwei sich umarmende Kinder. Ein Mädchen, welches einen Davidsstern trägt und einen Jungen mit Kopfbedeckung – ein traditionell palästinensisches Tuch, das „Kufiya“ genannt wird. Silberne „Peace“-Embleme und die Aufschriften „Love“ und „Peace“ vollenden Merlins Projekt.
Sechs weitere Stühle mit verschiedenen Interpretationsansätzen haben die Schüler kreiert. So konzentrierte sich Timo eher darauf, seinen Stuhl mit positiven und motivierenden Sätzen zu schmücken, die helfen sollen, das Leben mehr wertzuschätzen. Auch Lucas Stuhl symbolisiert Hoffnung: Ein loses Stuhlbein wird nur noch mit etwas Heißkleber an den Korpus des Stuhls gehalten. Stehen kann dieser aber trotzdem noch. „Jeder Mensch erlebt Höhen und Tiefen aber es geht trotzdem immer weiter. Man kann in allem etwas Positives sehen“, erklärt der Schüler.
Für einen Austausch mit den Schülern waren Jennifer Welles, Hospizkoordinatorin aus Donsbrüggen und die ehrenamtliche Sterbebegleiterin Elisabeth Hüsch zu Gast. Im Gespräch richteten sich die Fragen der Schüler dann meist auf das persönliche Empfinden der Ehrenamtlichen. So wollte Johannes wissen, ob Welles oder Hüsch am Anfang ihrer Tätigkeit Angst davor hatten, ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein. Auch ob sich der Blick auf das Thema Tod ändere oder ob die Sterbebegleiterinnen zu den Beerdigungen ihrer Patienten gingen, wollten die Schüler wissen. Jennifer Welles fand für die Jugendlichen dann abschließend einige Worte: „Wir versuchen in unserem Alltag Erinnerungen mit den Patienten und ihren Angehörigen zu schaffen, also etwas, das nach ihrem Tod bleibt. Es lässt einen nie kalt, aber es hilft, von Anfang an zu wissen, wo die Reise hingehen wird. Der Tod hat irgendwann seinen Schrecken verloren.“
Ob die Schüler selbst an ein Leben nach dem Tod glauben?
Viele tun es, manche betrachten das eher rationaler. Der Unterricht hat sie aber vor allem eins gelehrt, wie Hanna beschreibt: „Man sollte das Leben vor dem Tod genießen und sich keine Sorgen machen bevor es so weit ist.“Jacqueline Kurschatke
Finja stellt ihren Stuhl mit „Himmel und Hölle“ vor.Foto: privat
Die Schüler des Religionskurses der Q2 am Stiftsgymnasium Xanten präsentieren ihre Kunstprojekte mit Tiefgang.Foto: J. Kurschatke