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Dieter Paeßens und Petra Hermsen-Beyer schlagen in ihrem Jahresbericht Alarm und warnen vor einer Wohnungsnot vor allem für alleinerziehende Frauen. NN-Foto: SP
25. Juni 2025 · Sabrina Peters · Niederrhein

Frauenfachberatungsstelle schlägt Alarm: „Bezahlbarer Wohnraum ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts“

Besonders alleinerziehende Frauen hätten es auf dem Wohnungsmarkt schwer, warnt die Frauenfachberatungsstelle

KREIS KLEVE. Dreieinhalbjahre hat die Mutter zweier Kinder auf eine eigene Wohnung warten müssen. In einem Asylantenheim in Bedburg-Hau lebte die Familie so lange zu dritt in einem Raum auf 15 Quadratmetern. Jetzt beziehen sie ab dem 1. Juli eine Dreizimmer-Dachgeschosswohnung mit 74 Quadratmetern. „Wir haben so lange gesucht. Meine Kinder haben sich unheimlich gefreut“, sagt die junge Frau, die in ihrer Notlage Hilfe in der Klever Frauenfachberatungsstelle (Ffbs) des Sozialdienstes katholischer Frauen gesucht hat. Diese konnte letztlich auch die neue Wohnung vermitteln.

Ein Glück, denn die Wohnungsnot sei immens groß, sagt Dieter Paeßens, Geschäftsführer des Sozialdienstes katholischer Frauen im Kreis Kleve, sowie Petra Hermsen-Beyer, die seit 33 Jahren Frauen berät. „So eine Situation, wie wir sie heute haben, habe ich noch nie erlebt“, sagt Hermsen-Beyer. „Der bezahlbare Wohnraum ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Der soziale Wohnungsbau ist dringend notwendig. Da muss die Politik ran“, betont Paeßens. Hermsen-Beyer sieht das ähnlich: „Ich würde mir mehr Wohnungsbau nach dem Wiener Modell wünschen. In Wien sind 66 Prozent der Wohnungen gemeinnützig. Sie befinden sich im städtischen Besitz“, sagt Hermsen-Beyer. Der Wohnungsmarkt sei dadurch viel entspannter und auch für Geringverdiener oder Sozialhilfeempfänger gebe es dadurch passenden Wohnraum.

In Kleve würden sich inzwischen selbst vermeintliche Träger des sozialen Wohnungsbaus die „vermeintlichen Rosinen“ rauspicken. Das sei natürlich auch dem hart umkämpften Wohnungsmarkt geschuldet, indem sich Vermieter vor Anfragen kaum retten könnten. Bürgergeldempfänger oder Geringverdiener hätten es dadurch wahnsinnig schwer. Die Mutter mit drei Kindern habe letztlich noch Glück gehabt, dass das Klever Unternehmen Zevens Grundbesitz GmbH immer noch sozial eingestellt sei und eine Wohnung zum 1. Juli an die Familie vermietet habe. „Sie geben Menschen noch eine Chance“, betont Hermsen-Beyer. Bei den meisten anderen sehe das aber anders aus – mit unschönen Folgen.

Eine dreifache Mutter aus Nigeria suche ebenfalls noch eine Dreizimmerwohnung. Sie müsse sich aktuell eine von der Stadt als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung gestellte Dreizimmerwohnung noch mit einer anderen Frau teilen. Die Mutter suche bereits sei Zweieinhalbjahren eine Wohnung, finde aber ebenfalls keine.

Dies sei jedoch kein alleiniges Phänomen von ausländischen Mitbürgern und Asylsuchenden. Alleinerziehende Mütter hätten es auf dem Wohnungsmarkt allgemein sehr schwer. „Vermieter vermieten nur noch sehr ungerne an Familien mit Kindern und an alleinerziehende Mütter schon gar nicht“, berichtet Hermsen-Beyer. Vorurteile seien die Gründe dafür. Gleiches gelte auch für Bürgergeldempfänger: „Manche Mieter meinen, dass sie sich ja viel mehr in der Wohnung aufhalten würden als Menschen mit Arbeit, die die Wohnung in der Regel vor allem abends und am Wochenende bewohnen, aber weniger auch tagsüber“, sagt Hermsen-Beyer. Demnach würden Bürgergeldempfänger die Wohnung entsprechend mehr nutzen, wodurch es zu mehr Abnutzungserscheinungen käme, so das Vorurteil: „Aber dafür wird ja auch Miete gezahlt.“

Wie groß die Not oftmals ist, zeigt auch der erneute Anstieg der Frauen, die im vergangenen Jahr bei der Frauenfachberatungsstelle in Kleve Hilfe gesucht haben. Mit 226 Frauen sei diese Zahl 2024 um weitere sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. 53 Prozent von ihnen hätten über einen Migrationshintergrund verfügt; 43 Prozent der Frauen seien alleinerziehend gewesen. „269 Kinder waren 2024 von den sozialen Problemen ihrer Mütter mitbetroffenen“, ergänzt Hermsen-Beyer die Statistik.

Die Probleme der Frauen seien mitunter vielfältig und individuell. Neben den finanziellen Sorgen im Allgemeinen sei aber das Thema Wohnungsnot besonders dominierend gewesen. „Die Vorbehalte der Vermieter gegenüber dieser Zielgruppe (alleinerziehende Frauen; Anm. d. Red.) sind in den letzten Jahren stetig größer geworden. Der knappe Wohnraum sorgt für eine rigide Auslese zu Ungunsten dieser Zielgruppe und führt zu einer wachsenden Ausgrenzung. Die Folgen für die Kinder sind armutsgeprägte Lebens- und Wohnverhältnisse mit deutlich geringeren Bildungs- und soziale Teilhabemöglichkeiten“, sagt Hermsen-Beyer.

Alle Unterstützungsleistungen wie etwa Wohngeld könnten zudem nur dann zielführend sein, wenn genügend Wohnraum auch für Sozialschwächere zur Verfügung stünde. „Letztendlich ist es Aufgabe der Politik – vom Bund über das Land bis hin zu den Kreisen und Kommunen – Anreize für den weiteren (sozialen) Wohnungsbau zu setzen beziehungsweise eigenen städtischen Wohnraum zu schaffen, um Menschen in Wohnungsnot das Grundrecht auf Wohnen zu ermöglichen“, betont Hermsen-Beyer. Auch die Bürokratie müsse dazu deutlich heruntergeschraubt werden: „Sie macht mittlerweile 70 Prozent meiner Tätigkeit aus.“

Sabrina Peters

Dieter Paeßens und Petra Hermsen-Beyer schlagen in ihrem Jahresbericht Alarm und warnen vor einer Wohnungsnot vor allem für alleinerziehende Frauen. NN-Foto: SP

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