„Es ist nie zu spät, etwas aus Liebe zur Sache zu tun“
Der in Kevelaer geborene Ire Seán Feeny spricht im NN-Interview über sein Debütalbum „Galactic Tides“
KEVELAER. Nach mehreren Singles steht nun das Debutalbum bereit: Seán Feeny, der in Kevelaer geborene Ire aus Letterkenny im County Donegal, spricht im NN-Interview über seine Musik, welche Themen ihn bewegen und welche Gemeinsamkeiten die irische Heimat des 44-Jährigen mit dem Niederrhein hat – und wo die Unterschiede liegen.
Ein Debütalbum ist zweifelsohne eine ganz besondere Angelegenheit im Leben eines Musikers. Wie lange haben Sie eigentlich an Ihrem Debütalbum gewerkelt und wie perfektionistisch sind Sie vorgegangen? Haben Sie es so oft überarbeitet, wie ich mir das vorstelle?
Seán Feeny: Ernsthaft begonnen hat die Arbeit an diesem Album vor etwa zehn Jahren – auch wenn die Gedanken, Ideen und musikalischen Impulse, aus denen es entstanden ist, mich im Grunde mein ganzes Leben lang begleitet haben. Zu dieser Zeit habe ich mich entschieden, beruflich noch einmal neu anzufangen. Ich habe den Journalismus hinter mir gelassen, was ein durchaus beängstigender Schritt war, und arbeite seither im Bereich Arts Marketing und Kommunikation für eine Non-Profit-Organisation. Das ist sehr erfüllend und hält mich weiterhin eng mit der Kunst verbunden. Meine Familie und Freunde haben mir damals sehr vertraut, und das hat mir viel bedeutet. Dennoch verschwindet Selbstzweifel nie ganz, weder bei beruflichen Entscheidungen noch dabei, sich musikalisch so persönlich zu zeigen.
In dieser Phase habe ich mir vorgenommen, keine Reue zuzulassen und meine Musik endlich ernsthaft zu verfolgen, mit dem klaren Ziel, sie eines Tages zu veröffentlichen. Wenn man ständig von talentierten Menschen umgeben ist, ist das einerseits ein Geschenk, andererseits aber auch ein ständiger Anstoß: Man spürt, dass da etwas Eigenes in einem schlummert, das nach außen will.
Mit meinem Produzenten Orri McBrearty hatte ich über Jahre immer wieder darüber gesprochen, gemeinsam aufzunehmen. Rückblickend kann ich ehrlich sagen, dass ich musikalisch heute nicht dort wäre, wo ich bin, wenn es Orri nicht gegeben hätte.
Wir haben über mehrere Jahre an diesen Songs gearbeitet, und jede einzelne Session war geprägt von Sprüngen ins Meer am Marble Hill Strand hier in Donegal, viel Kaffee und dem Moment, einfach auf „Record“ zu drücken.
Mit Blick auf Ihr im Vergleich zu anderen Debütanten höheres Alter: Haben Sie erst später im Leben zum Songwriting gefunden? Wie kam es dazu, dass Sie ein Album aufnehmen wollten?
Feeny: Ich war eigentlich schon immer ein Träumer und ein großer Liebhaber der Kunst. In jungen Jahren habe ich mich kreativ ausprobiert, aber wie so viele andere habe ich mich zunächst auf mein Studium konzentriert, einen sicheren Job gesucht und eine berufliche Laufbahn eingeschlagen.
Heute versuche ich, mich auf das zu fokussieren, was im Leben wirklich zählt: meine Familie und die Dinge, die echte Erfüllung bringen. Ich blicke nicht mehr mit Bedauern zurück. Ich bin einfach dankbar, dass ich diesen Schritt letztlich gegangen bin.
Ich würde jedem in einer ähnlichen Situation raten: Mach es einfach. Es ist nie zu spät, etwas aus Liebe zur Sache zu tun, ohne große Erwartungen, außer dem Wunsch, kreativ zu sein. Ich habe keine Reue, sondern freue mich sehr, dass ich die Musik nun veröffentliche, und bin demütig angesichts der Resonanz und jedes einzelnen Menschen, der Interesse zeigt.
Meine ersten Songs habe ich bereits als Teenager geschrieben. Mit 19 habe ich in Dublin, während meines Studiums, meinen ersten Song aufgenommen. Mein guter Freund Pit Paliwoda, Betreiber des Prinzenhofs in Kevelaer, überrascht mich bis heute gelegentlich damit, wenn ich dort zu Besuch bin.
Wie lässt sich Ihr musikalischer Stil beschreiben? Was für Musik erwartet die Hörer?
Feeny: Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich meine Musik beschreiben würde. Am treffendsten ist vielleicht: Folk-Songs, die sich als Pop-Arrangements verkleiden.
Ich liebe traditionelle Folk-Lieder, wollte ihnen aber einen frischen Ansatz und einen zeitgemäßen Klang geben. Songwriter wie Paul Brady oder Glen Hansard waren dabei große Vorbilder für mich, gerade wegen ihrer Fähigkeit, sich mühelos zwischen Tradition, Folk, Pop und Rock zu bewegen.
In einer Pressemitteilung schreiben Sie von einer Aufteilung des Albums in zwei Teile. Können Sie die dahinterstehende Konzeption kurz erläutern?
Feeny: Ich hatte von Anfang an die klassische A- und B-Seite einer Schallplatte im Kopf. Die A-Seite trägt den Titel Low Tide, die B-Seite High Tide. Sollte es die Nachfrage geben, hoffe ich sehr, das Album eines Tages auch auf Vinyl veröffentlichen zu können.
Die frühen Stücke wie Galactic Tides, Tír Mór oder Wild Geese beschäftigen sich mit Unsicherheit, dem Gefühl des Feststeckens, dem Weggedrängt-Werden und mit Angst.
In der zweiten Hälfte des Albums ändert sich der Ton: Vámonos spricht von Hoffnung, Western Roads von Veränderung, und 1969 davon, dass wir, trotz allem, was wir gemeinsam durchlebt haben, immer noch hier sind.
Das Album endet mit Human, einem Song, der diese Themen zusammenführt: Zugehörigkeit, Identität und Heimat. Er versucht, auf eine einfache Wahrheit hinauszulaufen: Egal, woher wir kommen oder was andere über uns denken – am Ende sind wir alle Menschen, Human. Und das ist das Wichtigste.
Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Lieder?
Feeny: Die Inspiration kommt aus einer Mischung aus persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen, Orten und Gesprächen. Oft sind es kleine Momente oder Stimmungen, die etwas auslösen. Musik, Literatur und Film spielen ebenfalls eine große Rolle, aber letztlich geht es immer darum, Gefühle und Geschichten einzufangen, die mir nahe sind.
Unterscheidet sich das Leben im irischen County Donegal sehr vom Niederrhein – oder sind die Gemeinsamkeiten größer als man denkt?
Feeny: Auf den ersten Blick unterscheiden sich die irische und die deutsche Kultur deutlich. Wenn man jedoch genauer hinschaut, entdecke ich im Alltag viele Parallelen zu meiner Zeit in Kevelaer. Ich lebe heute am Rand der Stadt Letterkenny im County Donegal, in einer sehr gemeinschaftlich geprägten Gegend, und dieses Gefühl von Nähe und Vertrautheit kommt mir erstaunlich bekannt vor.
In Donegal ist es das Meer, das ständig präsent ist, rau, offen und wechselhaft. Am Niederrhein waren es die Felder, der Fluss und der Wind, der leise, aber beharrlich durch die Landschaft zieht. Beides prägt die Menschen, wenn auch auf unterschiedliche Weise, und gibt dem Leben seinen eigenen Rhythmus vor.
Ein bisschen ist es wie am Niederrhein: Man kommt nicht wegen des Wetters, sondern wegen der Kultur, der Menschen und der Landschaft. Und dann gibt es diese Tage, an denen das Licht richtig fällt, der Himmel sich öffnet, und Donegal plötzlich zu einem der schönsten Orte der Welt wird.
Familie, Nachbarschaft und eine tiefe Verbundenheit zur Umgebung spielen hier wie dort eine große Rolle. Insofern liegen die Unterschiede oft an der Oberfläche, während die grundlegenden Werte erstaunlich ähnlich sind.
Seán Feeny präsentiert nach zehn Jahren Arbeit sein Debutalbum „Galactic Tides“. Foto: Charlie Joe Doherty